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"Aufarbeiten" für die Betroffenen

Wer das Gelände der Terroranschläge in New York besucht, erfährt jede Menge Daten und Fakten zum zerstörten World Trade Center.

Schließlich aber hält Ground-Zero-Führerin Marianne Barry ein Foto ihres Mannes hoch und erzählt ihre eigene Geschichte: Vom Polizisten Maurice Barry, dessen Frau und Kinder am 11. September auf ihn gewartet haben. Und der nicht mehr nach Hause kam, nie wieder.

„Das ist hier wie ein Friedhof für uns“, sagt Marianne Barry. Sterbliche Überreste ihres Mannes gibt es nicht, seine Dienstwaffe war das einzige, was geborgen wurde. Wie Barry begannen vor etwa einem Jahr Hinterbliebene, Überlebende und Rettungskräfte, über das Tribute WTC Visitors Center geführte Touren zum Ground Zero anzubieten.

Wer hierher komme, wolle nicht nur Informationen, „sondern jemanden Respekt erweisen“, sagt Lynn Tierney, die Vorsitzende des Centers. Daneben erfordert ein Besuch am Ground Zero viel Vorstellungskraft: was dort einmal war, gibt es nicht mehr. Was dort einmal sein soll, wird erst in mehreren Jahren fertig gestellt sein – die Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September soll 2009 eröffnet werden.

Die Führer leiten die Ground-Zero-Besucher entlang des Zauns, der den Platz noch immer absperrt, und in benachbarte Gebäude. Und sie versuchen, ihnen einen Eindruck zu vermitteln, wie dieser Ort vor den Anschlägen war. So wie Paige Pantezzi, die vor fünf Jahren aus einem der brennenden Türme geflohen ist. Die Twin Towers seien für die New Yorker wie ein Navigationssystem gewesen, sagt Pantezzi: „Sie waren unser Kompass.“ Der inzwischen pensionierte Feuerwehrmann Mickey Kross war mehrere Stunden unter den Trümmern des World Trade Centers eingeschlossen. Manche Besucher fragen, wie er sich damals gefühlt hat – „es war gruselig“ -, andere trauen sich nicht, persönliche Themen anzusprechen und weinen still vor sich hin.

Mehr als 120 Führer arbeiten mittlerweile für das Center. Das Ziel für die bekannteste Organisation, die Touren zum Ground Zero anbietet, sind Tierney zufolge mehr als 300 Mitarbeiter und mehrere Touren täglich. Geplant sind außerdem Ausstellungen, die den 11. September 2001 und seine Folgen dokumentieren sollen.

Mehrere hunderttausend Menschen besuchen jedes Jahr das Gelände des zerstörten World Trade Centers. Und der Andrang beim Tribute WTC Visitors Center ist groß: „Wir werden regelrecht überrannt“, sagt Tierney. Möglicherweise müssten sich die Besucher angesichts des Ansturms bald vorab anmelden.

Viele, die beim Center Touren buchen, wissen zunächst nicht, welche Beziehungen ihre Führer zu dem tragischen Tag haben. „Das bringt einen komplett auf ein anderes Level“, sagt die 40 Jahre alte Mary Goldman, als sie die Geschichte von Marianne Barry hört. „Das ist ein Schatz, den sie nicht mit uns teilen müssten, aber sie tun es“. Aber auch die Führer selbst profitieren von ihrem Engagement. Barry erklärt, über ihren getöteten Mann zu sprechen, sei beruhigend und wie eine Therapie: „Ich glaube, deswegen mache ich es.“

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