Auf dem Weg zur grünen Frontfrau

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Jung, Grüne, aus Alberschwende und mit 27 im Innsbrucker Gemeinderat – W&W traf Studentin Barbara Neßler zum Talk in Innsbruck.

von Lisa Purin/Wann & Wo

WANN & WO: Du wohnst mittlerweile in Innsbruck. Wie hast du deine Kindheit im Ländle verbracht?

Barbara Neßler: Ich hatte eine wunderschöne Kindheit und Jugend in Alberschwende. Ich bin hier wirklich gerne aufgewachsen. Was mir besonders gefällt, ist die Bodenständigkeit der Menschen im Ländle. Vorarlberg bedeutet für mich einfach totale Erholung. Nur das Ausgehen im Bregenzerwald war nicht immer ganz einfach, dafür waren die ganzen privaten Feten besonders interessant. Außerdem bin ich in einem Gasthaus aufgewachsen. Das ist für mich heute hilfreich, vor allem politisch gesehen. Man lernt mit verschiedenen Menschen und Charakteren zu sprechen. In einem Wirtshaus lernt man das Zuhören. Ich denke, das ist ganz wichtig – zukunftspolitisch gedacht. Wir Politiker müssen endlich lernen, den Menschen zuzuhören!

WANN & WO: Wie war es für dich, in einer „Wälder ÖVP-Familie“ aufzuwachsen?

Barbara Neßler: Naja, ich war immer schon sehr hartnäckig. Wahrscheinlich zum Leidwesen meiner Eltern – ich habe immer versucht, mich durchzusetzen. Natürlich auch was das Politische betraf. Der Vater ein ÖVP-Wähler, die Tochter bei den Grünen. Aber meine Eltern freuen sich natürlich für mich. Wenn man klare Prinzipien hat, die nicht dem Mainstream entsprechen, lernt man früher oder später, sich zu verteidigen (lacht).

WANN & WO: Apropos Mainstream und typisches Schubladen-Denken. Was sagen die Menschen zu deinem Style?

Barbara Neßler: Ich weiß, ich sollte einen Jutebeutel bei mir tragen (lacht). Dass ich nicht in eine Schublade zu stecken sei, sagen mir ganz viele Menschen. Wahrscheinlich entspreche ich nicht den Vorurteilen, die man von einer „Grünen“-Politikerin hat. Ich mag dieses Denken nicht und deshalb lasse ich mich auch nicht irgendwo hineinpressen. Ich verfolge auch nicht einfach eine Richtung, weil es immer schon so war oder es so von mir erwartet wird. Vertreten will ich genau das, wovon ich zu hundert Prozent überzeugt bin. Ich würde mich nicht für irgendetwas verändern.

WANN & WO: Passiert das oft in der Politik?

Barbara Neßler: Ich denke, es ist nicht immer einfach seine Meinung und Prinzipien zu vertreten. Dennoch ist es wichtig zu sagen, was man denkt.

WANN & WO: Ist das dein politisches Erfolgsrezept?

Barbara Neßler: Ich denke schon, dass Ehrlichkeit bei Menschen Erfolg hat. Politik war für mich lange Zeit total langweilig. Für mich waren Politiker alte Menschen in irgendwelchen Hinterzimmern, die einfach irgendwas beschlossen haben. Mit der Zeit wurde mir dann aber klar, wie wichtig Politik eigenltich ist. Sie hat große Auswirkungen auf ein Individuum – sie betrifft mich als Einzelperson.

WANN & WO: Wann wurde dir das klar?

Barbara Neßler: Den Drang, etwas zu verändern, hatte ich schon immer. Ich wusste nur nicht wie. Man hat das Gefühl, dass man das große Ganze nicht verändern kann. Durch mein Deutsch- und Geschichte-Lehramts-Studium bin ich dann zur Uni-Politik gestoßen. Im November 2016 schrieb ich eine E-Mail an die Grün-Alternativen Studenten und so nahm alles seinene Lauf. Nur ein paar Wochen später wurde ich zur Spitzenkandidatin für die ÖH-Wahl im Mai 2017 gewählt. Das war total verrückt.

WANN & WO: Dabei ist es aber nicht geblieben.

Barbara Neßler: Im Herbst schaffte ich es durch die interne Wahl auf den sechsten Listenplatz der Innsbrucker Grünen und dann kam auch schon der Einzug in den Gemeinderat.

WANN & WO: Bleibt neben deiner Arbeit in der Politik überhaupt noch Zeit für dein Lehramtsstudium?

Barbara Neßler: Es ist im Moment alles etwas hektisch und stressig. Ich pendle den ganzen Tag von der Universität zum Rathaus und wieder retour. Meine zeitlichen Ressourcen gehen für die Politik drauf. Aber ich gehe immer noch gerne zur Uni. Mein Studium hat mir sicher viel gebracht. Man lernt komplexe Inhalte möglichst einfach herunterzubrechen, sodass es jeder versteht. Das ist die große Kunst der Politik. Wir scheitern daran, dass wir den Menschen unsere Inhalte nicht erklären können.

WANN & WO: Der nächste logische Schritt ist dann die Bundesebene?

Barbara Neßler: Ich würde es nicht ausschließen. Es ist alles offen.

WANN & WO: Was müssen Politiker verändern, um wieder mehr Menschen anzusprechen?

Barbara Neßler: Wir müssen der Bevölkerung zuhören. Ich verbringe viel Zeit damit, die Menschen zu fragen, was sie sich denn eigentlich von der Politik erwarten oder wünschen. Leistbares Wohnen ist etwa ein großes Thema – sowohl in Innsbruck, als auch in Vorarlberg.

WANN & WO: Was müsste passieren, um Wohnen wieder leistbar zu machen?

Barbara Neßler: Der Wohnungsmarkt reguliert sich nicht von selbst. Es gibt politische Instrumente, um diesem Problem entgegenzuwirken. Es muss jedes politische Instrument für leistbares Wohnen genutzt werden. Es braucht dringend eine Leerstandserhebung! Es stehen viel zu viele leer. Wir sind nicht mehr die Generation, die von den Eltern viel erbt. Kostentechnisch ist es heutzutage fast unmöglich, etwas zu bauen. Wohnen muss neu gedacht werden, alternative Wohnkonzepte müssen her. Ich finde, die Politik steht hier in der Verantwortung. In Innsbruck gibt es das „Haus des Lebens“, in dem verschiedene Generationen zusammen wohnen. Man teilt sich zum Beispiel einen kleinen Garten oder hilft sich gegenseitig mit dem Einkauf. Die Politik muss hier höchste Priorität erheben – Wohnen ist schließlich ein Grundrecht!

WANN & WO: In welchen Bereichen siehst du sonst noch Verbesserungspotenzial?

Barbara Neßler: Gerade was die Bildungspolitik betrifft, bin ich nicht zufrieden, etwa beim Thema „Deutsch-Klassen“. Wir haben Institutionen, die sich nur mit diesem Thema auseinandersetzen. Studien belegen, dass Kinder am besten von Kindern lernen. Und was macht unsere Bundesregierung? Sie führt Deutschklassen ein, die zur Isolierung führen. Es macht das gesellschaftliche Klima kaputt. Die Gesellschaft wird genau mit solchen Dingen auseinander gezerrt. Das ist meiner Meinung nach sehr gefährlich. Auch Frauen-Themen sind sehr spannend und müssen neu gedacht werden. Wir halten an veralteten Mustern fest. Eine Frau hat es hart genug auf dem Arbeitsmarkt, wenn sie ein Kind will sowieso. Anhand von skandinavischen Ländern sieht man, dass es auch anders gehen kann! Betriebskindergärten wären extrem wichtig. So müsste sich eine Frau nicht mehr für Karriere oder Kinder entscheiden und hätte auch nicht mehr so große Probleme mit der Pension.

WANN & WO: Was sind deine persönlichen Ziele?

Barbara Neßler: Ich möchte etwas verändern. Es gibt zwei Optionen im Leben: Entweder man fühlt sich machtlos und unternimmt nichts.Dann trinkt man eben ein Bier mehr am Wochenende, aber ändern wird sich nichts. Oder aber man ist ein bisschen aufmerksam und probiert, etwas zu ändern. Ich denke mir immer, jetzt erst recht. Ich bin hier, weil ich etwas zu sagen habe und etwas verändern möchte! Die Arbeit, die oft sehr mühsam ist, macht man nicht für sich selber, sondern für die Menschen – aus einem einfachen Grund: weil es eine Verbesserung für alle geben sollte!

WANN & WO: Was machst du, wenn du Zeit für dich hast?

Barbara Neßler: So viel Zeit bleibt mir nicht. Aber ich bin sehr gerne mit meinen Freunden unterwegs oder zeichne sehr gerne. Kunst ist mein Hobby. Vor allem Sport bleibt bei mir ein bisschen auf der Strecke – ich müsste vermutlich sehr früh aufstehen, um mich sportlich zu betätigen und eines kann ich verraten, ich bin definitiv kein Frühaufsteher (lacht).

WANN & WO: Könntest du dir vorstellen, wieder nach Vorarlberg zu ziehen?

Barbara Neßler: Mein Zuhause ist im Moment Innsbruck. Ich wohne extrem gerne hier. Es ist die perfekte Mischung aus Natur und Stadt. Ausgeschlossen ist es aber nicht, dass ich irgendwann wieder zurückkomme. Es ist alles möglich.

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