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"Anna nicht vergessen": Haschen nach Glück

Schwarzach - "Anna nicht vergessen." Solche Zettel muss die allein erziehende Mutter Ella an Kühlschrank, Badezimmerspiegel und Wohnungstür anbringen, als sie sich an einem der ersten Schultage ihres Kindes beim Abholen um zehn Minuten verspätet.

Später einmal, die entnervte Mama verweigert gerade die Erlaubnis, eine Wüstenrennmaus mitzubringen, muss sie sich von ihrer Tochter anhören: „Meine richtige Mutter wird mich bestimmt bald abholen.“ – „Anna nicht vergessen“ lautet der Titel des neuen Prosabands von Arno Geiger, und so heißt auch die erste von zwölf Erzählungen des Buches. Am 23. August liest er bei den „O-Tönen“ im Wiener Museumsquartier.

2005 erhielt der sympathische Vorarlberger Autor für seine Familiensaga „Es geht uns gut“ den Deutschen Buchpreis. Der Druck nach so einem Erfolg ist nicht eben gering, und der 1968 geborene, in Wien lebende Bregenzer begegnet ihm mit Konzentration auf die kleine Form. Er skizziert originelle Charaktere, interessante Situationen, und überlässt dem Leser das Weiterspinnen. Ella zum Beispiel geht dem nicht uninteressanten Beruf einer gewerbsmäßigen Männerverführerin nach: Im Auftrag von misstrauischen Ehefrauen macht sie deren Gatten eindeutige Angebote, dokumentiert deren Verhalten und liefert so ihren Auftraggeberinnen brisantes Material. Geiger gönnt uns zwar ein wenig voyeuristischen Nervenkitzel, lässt aber Anna ganz professionell ihre Aktion beenden, ehe es in den Nahkampf geht.

So geht es immer wieder. Geiger reißt an – und lässt los. Manchmal fühlt man sich dabei als Betrogener, immer wieder aber staunt man über die Souveränität, mit der der Autor die verschiedensten Spielarten der Prosa beherrscht. Bei der brisanten Erzählung „Samstagshunde“ etwa, die in einer abgelegenen Lagerhalle spielt, gerät man unversehens in einen ganz schön bösen und ziemlich deftigen Kurzfilm: Bei einem irrwitzig wirkenden Schießtraining werden potenziell terroristisch gefährdete SP-Bonzen nach dem Mord an Stadtrat Heinz Nittel in den Gebrauch der Waffe eingeführt und finden am Ballern auf Buch-Paletten (ausgerechnet!) größten Gefallen. Mit dabei „der Zentralsekretär, der Bürgermeister, ein ehemaliger Minister, ein Industrieller, ein Absahner und dieser verrückte Strippenzieher“, der natürlich niemand anderen als Udo Proksch als reales Vorbild hat.

Geiger schafft hier ein satirisches Sittenbild der beginnenden 80er Jahre, und ähnlich wie in seiner sechs Jahrzehnte umfassenden Familienchronik „Es geht uns gut“ bettet der Autor seine Figuren in ganz konkrete historische Umfelder und fängt dabei viel vom allgemeinen damaligen Zeitgefühl ein. „Also, das wär’s so ziemlich“ führt uns etwa in eine Zeit, in der Übersee-Telefonate noch irrwitzig teuer waren – und so kommuniziert eine ältere Frau, die ihren nach Australien emigrierten Freund nach Wien zurückzuholen versucht, mit dem Geliebten über lange, von ihr besprochene Tonbänder.

Für das Dutzend Geschichten hat sich Geiger wirklich viele Formen einfallen lassen – vom krankhaften, minuziös geführten Protokoll eines Beziehungsgestörten, der versucht, seine Beziehung via Telefon zu kitten („Es rührt sich nichts“) bis zur detaillierten Liste aller bei einem gelegten Brand zerstörten Einrichtungsgegenstände einer großbürgerlichen Villa in Wien-Döbling („Das Gedächtnisprotokoll“). An Dramatik nicht überbietbar ist allerdings der brillant geschilderte Kampf in der Intensivstation um das Leben eines jungen Patienten („Doppelte Buchführung“).

Geiger hat sein Buch in drei Abschnitte gegliedert: „Tage“, „Jahre“ und „Leben“ – verpatzte Tage, verlorene Jahre, verpfuschte Leben. Das Glück ist ein flinkes Vogerl und lässt sich selten einfangen. Aber wenige können die häufig vergebliche, aber immer wieder aufs Neue versuchte Jagd nach ihm mit derartiger Empathie und sprachlicher Meisterschaft schildern wie der Vorarlberger Autor. Der „Jahrhundertherbst der österreichischen Prosa“ („Neue Zürcher Zeitung“) hat eindrucksvoll begonnen.

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