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Tier-Messies im "subara Ländle": Die nächste Räumung in Dornbirn

Animal Hoarding: Aus diesem Haus in Las Vegas wurden 112 Katzen und ein Hund befreit.
Animal Hoarding: Aus diesem Haus in Las Vegas wurden 112 Katzen und ein Hund befreit. ©AP/ Nevada Voters for Animals
Schwarzach. Wenn Tierliebe zur Qual für das Tier wird: Fälle von Animal Hoarding, dem krankhaften Sammeln von Tieren, häufen sich, auch in Vorarlberg. Teil zwei der Serie beschäftigt sich mit dem Animal Hoarder als "Wiederholungstäter". Ein Paradebeispiel dafür findet sich in Vorarlberg: Fall G. beschäftigt Tierschützer und Behörden nunmehr seit gut zehn Jahren. Warum aber hinkt der Tierschutz dem Problem so hinterher?

Ein jahrelanges “Katz- und Maus”-Spiel mit den Vorarlberger Behörden: Zu Teil 1 der Serie “Animal Hoarding” geht’s hier entlang.

Animal Hoarder sind “Wiederholungstäter”

Das Phänomen Animal Hoarding an sich ist keineswegs neu, erstmals beschrieben wurde es bereits 1981. Und es kommt in allen modernen Industriestaaten vor. Die Forschung aber steckt gerade in Europa noch in den Kinderschuhen: Animal Hoarding wird im Deutschen zwar neben “Tierhorten” mit “Tier-Sammelsucht” übersetzt. Im Gegensatz zu den USA wird sie hier jedoch nicht als Krankheit anerkannt, nur wenige Psychologen im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich mit dem Problem.

“Dabei ist es wie bei einem Alkoholiker oder einem Nikotinsüchtigen ganz klar eine Sucht. Und wie bei allen Süchten ist auch die Tier-Sammelsucht schwer therapierbar”, so Pius Fink, Tierschutzombudsmann des Landes Vorarlberg. “Animal Hoarding ist ein Problem, das klar auch eine psychische Störung und zumindest auf schwerwiegende soziale Probleme hinweist”, bestätigt Dr. Birgit Stetina, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin in Wien.

Tiere ersetzen dem Messie die Gegenstände

Ähnlich sieht das der deutsche Neurologe Gerd Teschke. Er beschäftigt sich zwar nicht mit dem Phänomen Animal Hoarding, aber mit dem verwandten Messie-Syndrom. Das Tierhorten sieht er als “besondere Funktion” dieses Syndroms. “Messies” definiert Teschke als Menschen mit Organisationsproblemen, vor allem im Haushalt, die häufig mit sozialer Inkompetenz, Zwangsstörungen oder ADHS einhergingen. Beim “Animal Hoarding” ersetzen Tiere die sonst üblicherweise angehäuften Gegenstände wie Zeitungen oder Elektrogeräte. Über der “oberflächlichen Motivation, Gutes für die Tiere zu tun”, werde die Verantwortung zu groß und der Tier-Messie verlöre die Kontrolle, so der Neurologe gegenüber der dpa.

Und wie beim Messie-Syndrom verweigern die Betroffenen häufig jede Hilfe. “Animal Hoarder haben wenige Bezugspersonen und diese werden meist vergrault, sobald sie Kritik an den Zuständen äußern, ” unterstreicht auch Hemetsberger.

Costa Rica Hoarding Rescue
Costa Rica Hoarding Rescue ©Ein Tierschützer aus den USA versucht einen Hund während einer Räumungsaktion zu beruhigen. Der Vierbeiner lebte mit zwölf Katzen und vier weiteren Hunden bei einer Frau, die mit den vielen Tieren völlig überfordert war. Foto: AP/ The Humane Society of the United States

Tierschützer fordern engmaschigere Kontrollen und Verbote

Vor diesem Hintergrund fordern Tierschützer wie Elke Deininger von der “Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz” an der Veterinärmedizinischen Uni Wien von den Behörden “engmaschigere Kontrollen” und Tierhalteverbote nach Aufdecken solcher Fälle. Zu lange werde gezögert, Tierhalteverbote auszusprechen. Auch sei es zu einfach für Tierhorter, wieder an Tiere zu gelangen.

“Ein Tier geht über den Ladentisch wie Waschpulver”

Andere, wie der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfang Apel, fordern in diesem Zusammenhang eine Verschärfung des Heimtiergesetzes. “Ein Tier geht über den Ladentisch wie Waschpulver”, kritisiert Apel im Gespräch mit der dpa. “Der Käufer muss nicht nachweisen, ob er sich als Tierhalter überhaupt eignet.”

Zusätzlich fordern viele Tierschützer ein bundesweites Melderegister, auf das alle Veterinärämter Zugriff haben. Bei ausgesprochenen Tierhalteverboten müssen Amtstierärzte in Österreich bundesweit informiert werden. Nicht aber, wenn Vorfälle den Behörden zwar bekannt sind, jedoch kein Tierhalteverbot ausgesprochen wurde – wie etwa im Fall G., also im Fall jener Brüder aus Vorarlberg, denen allein heuer rund 30 Katzen abgenommen wurden. Aus Datenschutzgründen, schließlich bedeute das einen immensen Eingriff in Persönlichkeitsrechte, erklärt Erik Schmid.

Rückfallquote von 100 Prozent

Das Grundproblem lasse sich über den Tierschutz nicht lösen, auch die Behörden und der Vollzug stünden meist vor einem “unlösbaren Problem”, meint indes Tierschutzombudsmann Fink. “Zum Wohle des Tieres und des Menschen könnte deshalb eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Humanmedizin und Veterinärmedizin möglicherweise zielführender sein”, meint der ehemalige Amtstierarzt.

Die Notwendigkeit einer gesetzlich verpflichtenden Therapie

Tierhorter müssten gesetzlich zu einer Therapie verpflichtet werden, fordert Deininger deutlicher. Ohne Behandlung liege die Rückfallquote bei 100 Prozent, berichten Stetina und Deininger übereinstimmend.

Birgit Stetina ist eine der wenigen Psychologinnen in Österreich, die sich mit dem Phänomen Animal Hoarding beschäftigen. Sie und Deininger gehören einer interdisziplinären Forschungsgruppe an, die sich für die Anerkennung der Tier-Sammelsucht als psychische Störung einsetzt und den Weg vom Verdacht bis zur Rettung der Tiere verkürzen helfen will. Beim Projekt “Vethics vor Vets – Ethik in der amtstierärztlichen Praxis” des Wiener Messerli-Instituts werden gemeinsam mit Amtstierärzten Hilfestellungen für ethische Konfliktfelder erarbeitet. Im Mittelpunkt: die Mensch-Tier-Beziehung. In das Projekt involviert ist auch der Vorarlberger Amtstierarzt Erik Schmid.

Gerade in Deutschland aber auch in Österreich ist man deshalb bestrebt, dass Animal Hoarding als Krankheit anerkannt wird. Der einzige Weg zur Lösung des Problems, ist Schmid überzeugt.

Über kurz oder lang landen viele dieser Tiere doch im Tierheim. Manche für immer, sie gelten als unvermittelbar: Sie sind scheu, kränklich, intensiv pflegebedürftig, teils verhaltensgestört und wegen der jahrelangen Unterernährung nicht mehr hübsch anzusehen. Im Bild: Eine Katze aus einem Hoarder-Haushalt. Foto: AP
Über kurz oder lang landen viele dieser Tiere doch im Tierheim. Manche für immer, sie gelten als unvermittelbar: Sie sind scheu, kränklich, intensiv pflegebedürftig, teils verhaltensgestört und wegen der jahrelangen Unterernährung nicht mehr hübsch anzusehen. Im Bild: Eine Katze aus einem Hoarder-Haushalt. Foto: AP ©Über kurz oder lang landen viele Tiere aus Hoarder-Haushalten im Tierheim. Manche für immer, sie gelten als unvermittelbar: Sie sind scheu, kränklich, intensiv pflegebedürftig, teils verhaltensgestört und wegen der jahrelangen Unterernährung nicht mehr hübsch anzusehen. Im Bild: Eine Katze wird auf einer Infektionsstation betreut. Sie lebte zusammen mit 165 (!) anderen Katzen bei einem Tierhorter. Foto: AP

Der stets hinterherhinkende Tierschutz

Schmid kennt viele Fälle von Tier-Sammelsucht. Er erinnert sich an den größten bekannten Fall in Vorarlberg, der bereits 30 Jahre zurückliegt. 52 Hunde wurden in einem Rheintalhaus gehalten. Mitten in Lustenau. Nachbarn schlugen Alarm, ein verbissener Hund brachte Schmid, damals noch Tierarzt, einen konkreten Hinweis.

“Da hatte ich einen konkreten Ansatz. Aber genau das ist das Problem: Das Beweismittel im Tierschutz ist immer das gequälte Tier“. Der Tierschutz komme damit in jedem Fall zu spät, er hinke dem Problem stets hinter. Nehme man den Betroffenen die Tiere jedoch einfach weg, könne es durchaus sein, dass diese depressiv bis suizidal werden. Für die Betroffenen sei es deshalb an sich besser, ihnen unter Auflagen ein, zwei Tiere zu lassen.

Deshalb benötige es einen prophylaktischen Ansatz, betont Schmid. “Prophylaxe bezieht sich beim Animal Hoarding auf den kranken Menschen und nicht das Tier, das bei ihm leidet.” Ein solcher Ansatz sei deshalb sinnvoller, weil er den Zugang zum Mensch über das Tier suche. Für Schmid handelt es sich damit vor allem um ein soziales Problem, das erst zum Problem für den Tierschutz werde. Dabei im Brennpunkt: “der überforderte Mensch”.

 Radikalmethode kontra humanpsychologischer Ansatz

“Aus Sicht des Tierschutzes gibt es grundsätzlich zwei Strategien. Die Radikalmethode, die der radikale Tierschutz fordert, also lebenslanges Tierhalteverbot. Die andere kommt von der psychologischen, humanmedizinischen Seite. Sie gehen davon aus, dass es sich hierbei um eine Zwangsstörung mit 100-prozentiger Rückfallquote handelt. Mit einem Tierhalteverbot hat man hier also gar keine Chance. Die Erfahrung lehrt uns, dass die Psychologen hier den besseren Ansatz haben”, so Schmid im Gespräch mit VOL.AT.

Der goldene Mittelweg

Das Tier als Zugang zum Mensch. Der goldene Mittelweg soll es sein, eine Kombinationsvariante: Begibt sich der Betroffene freiwillig in Therapie, darf dieser einen Teil seiner Tiere behalten. Im Sinne einer Auflage. “Ansonsten sind alle weg”, so die schwelende Drohung. Die Menschen sollen nicht drangsaliert, ihnen solle eine Lösung angeboten werden.

Dafür aber benötige es die Zusammenarbeit von Veterinärmedizinern und Psychologen. “Ich bin der Meinung, dass die Behörde nicht das ganze Verfahren leiten sollte”, so Schmid. Meist werden Mitarbeiter eines Tierschutzheims oder die Tierrettung bei einer Beschlagnahmung vor Ort gerufen. Sie helfen den Tieren. “Mit den Problemen des Tierhalters bin ich jedoch total überfordert”, konstatiert der Amtsarzt.

Das betont auch Pius Fink. Zumindest ein Mitarbeiter des Sozialen Dienstes müsse vor Ort sein, auch beim Maßnahmenvollzug benötige es die Zusammenarbeit von ifs, Veterinär- und Humanmedizin. “Zum Wohl der Tiere und des Menschen.”

“Kaum drehe ich mich um, suchen sie sich wieder Katzen”

Schmid setzt auch im Fall G. auf diesen Ansatz. Er habe mit den Brüdern einen schriftlichen Vertrag ausgearbeitet, den beide auch bereitwillig unterschrieben. Zwei bis drei Katzen dürften sie behalten, kastriert und geimpft. Eine Weile sei das gut gegangen – zumindest im Fall eines Bruders, der sich kurzzeitig daran zu halten schien. “Sie unterschreiben und sagen zu, doch kaum drehe ich mich um, suchen sie sich wieder Katzen”, erzählt Schmid und schüttelt resigniert den Kopf.

Der Tierschutz kann das Problem “nicht lösen, aber regeln”

Der Tierschutz könne das Problem nicht lösen, dessen ist sich Schmid sicher. Aber er könne es regeln. “Wir müssen soweit kommen, dass die Vollzugsbehörden den Mut haben, dass solche Leute als Tierhalter nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind, wenn die Symptome zutreffen.” Sein Ziel: Ein Standardgutachten, das die Schlüsselcharakteristika, also die Symptome von Animal Hoarding anführt und darüber bestimmt, ob jemand in der Lage ist, ein Tier zu halten oder nicht. “Treffen alle Punkte zu, ist jemand ganz einfach nicht in der Lage ein Tier zu halten und damit auch im Sinne des Tierschutzgesetzes Paragraph 12 nicht dazu befugt.”

Schlüsselcharakteristika von Animal Hoarding:

Zur Früherkennung des Problems hat das Messerli-Institut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien Schlüsselcharakteristika definiert, die helfen sollen, (beginnende) Fälle von Tierhortung zu erkennen:

  • Es wird mehr als die durchschnittliche Zahl an Tieren, also mehr als etwa drei Hunde, drei bis vier Katzen, fünf Nager gehalten und das auf zu engem Raum
  • die Mindestnormen im Tierschutz – Hygiene, Platz, Ernährung oder tierärztliche Versorgung – werden nicht eingehalten
  • die (negativen) Auswirkungen der übermäßigen Tierhaltung, auf die Gesundheit des Tieres oder der Mitbewohner, werden nicht erkannt
  • die Tierzahl wird unter keinen Umständen reduziert. Obwohl sich die Zustände verschlechtern, wird zudem obsessiv versucht, die Tiersammlung aufrechtzuerhalten oder auszubauen
  • die auftretenden Probleme für Tier und Mensch werden bagatellisiert oder geleugnet

Die nächste Räumung: Acht Katzen in Dornbirn beschlagnahmt

Der Mitarbeiter vom Tierschutzverein Höchst kann nicht verstehen, warum im Fall G. kein Tierhalteverbot ausgesprochen wird. Erst am Dienstag vor einer Woche stand die Polizei wieder vor der Wohnung in Dornbirn. Acht Katzen wurden beschlagnahmt – offenbar nicht auf Antrag der Behörden, sondern aufgrund einer Anzeige. Die Zustände in der Wohnung seien so erbärmlich, dass sich ein Polizist vor Ort übergeben musste.

Auch sein Bruder soll mittlerweile wieder 16 Katzen in seiner Wohnung angesammelt haben. Das habe er einer Tierärztin im Oberland bestätigt – eine der einzigen Veterinärmedizinerinnen im Land, die seine Tiere scheinbar überhaupt noch betreut. Zwei Kätzchen habe er der Tierärztin beim letzten Besuch außerdem freiwillig überlassen, meinte er gegenüber VOL.AT.

Eine Tierschützerin, die vor Ort gewesen sein soll, berichtet, zwei der Vierbeiner seien trächtig, Katzenschnupfen grassiere. “Das heißt, sie stecken sich alle an, die Babys werden das nicht überleben”.

Auch an diesem Tag schlägt der Tierschützer eine Seite mit Tierinseraten im Internet auf. “Kätzchen zu verschenken”, heißt es da. Er wählt die Nummer und warnt sein Gegenüber am Telefon vor Katzensammlern, die in Vorarlberg umgehen. Der Angerufene ist dankbar für die Warnung. Und verspricht, gut darauf zu achten, wo die Kätzchen ein zu Hause finden werden. Zumindest das. Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Es hält nicht lange. “Katzenbabys suchen ein Plätzchen mit Freilauf”, liest er. Er weiß: Würden die Männer es bekommen, würde auch dieses Kätzchen in einer Wohnung untergebracht. Ohne Freilauf. Wieder nimmt er den Hörer in die Hand. Es wird nicht das letzte Mal sein. Mehr kann er nicht tun. Denn schon wenige Tage nach der Räumung in Dornbirn kursieren wieder Meldungen, die beiden Vorarlberger seien wieder auf der Suche. ■

Sie wollen, dass Ihr Tier ein gutes, artgerechtes Zuhause findet?

Die Mitarbeiter des Vorarlberger Tierschutzheims raten: “Bitte geben Sie Ihr Tier nicht zu schnell ab. Verschaffen Sie sich am besten in einem ausführlichen Gespräch einen Eindruck über das zukünftige Zuhause des Tieres. Sollten Sie dennoch verunsichert sein, bestehen Sie auf einer Platzkontrolle.”

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