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"An echter Wolfurter Buraschädel"

Der Schriftsteller Arno Geiger im Sonntags-Talk mit W&W an der Bregenzer Ache in Wolfurt.
Der Schriftsteller Arno Geiger im Sonntags-Talk mit W&W an der Bregenzer Ache in Wolfurt. ©MiK
Autor Arno Geiger im Sonntags-Talk mit W&W über Heimat, Erfolg, Familie und sein neues Buch „Unter der Drachenwand“.

WANN & WO: Wir sind hier in Wolfurt an der Ache mit Blick auf das Känzele – welche Bedeutung hat dieser Ort für dich?

Arno Geiger: Ich bin hier aufgewachsen, und das ist eine Landschaft, die ich unglaublich gut kenne. Die Ache in jeder Gestalt – das war mein Schulweg, als Kinder haben wir hier gespielt, als Jugendliche Feuer gemacht und unser erstes Bier getrunken. Damals habe ich mit John Gillert auch beim „Rock an der Ach“ mitgemacht. Den Blick auf das Känzele hatte ich schon als Kind von meinem Schlafzimmerfenster aus.

WANN & WO: Du lebst mittlerweile in Wien – ist Vorarlberg trotzdem noch „Heimat“ für dich?

Arno Geiger: Heimat ist und bleibt Vorarlberg, ganz klar. In Wien bin ich aber auch daheim.

WANN & WO: Was sagst du zum Peace-Zeichen auf dem Känzele?purin

Arno Geiger: Es stört mich nicht, aber ich finde, man muss nicht alles in Gebrauch nehmen. Ich bin der Meinung, die Wand hätte es auch verdient, nicht benutzt zu werden – so sehr ich mit der Botschaft sympathisiere. Aber eine Wand wie das Känzele ist kein Ort der Politik für mich. Man sollte die Natur – dazu gehört so eine Felswand – nicht zu sehr verbrauchen. Aber das Symbol ist ein Thema in unserer Gesellschaft, jetzt muss das Känzele eben auch dran glauben. Aber es verwittert wieder und entstand in einem positiven Zusammenhang und deshalb soll es mal eine Weile dort stehen.

WANN & WO: Was machst du in deiner Freizeit?

Arno Geiger: Ich bin sehr viel mit meiner Frau in der Natur, meistens beim Wandern. Und dann reden wir. Wir sind keine großen Skifahrer, denn da kann man nur beim Liftfahren reden, wir wollen die ganze Zeit miteinander reden. Skifahren ist mir persönlich – ganz wertefrei gesprochen – zu wenig sozial. Die sozialen Sportarten haben mir immer besser gefallen.

WANN & WO: Wie verlief deine Kindheit und Jugend?

Arno Geiger: Schön, sehr frei. Ich empfinde es rückblickend als ganz toll, dass meine Eltern keine Pläne mit mir gehabt haben, keine Erwartungen in mich gesetzt haben. Wir waren vier Geschwister, uns hat man nie herumgefahren, wir sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Die Kindheit spielte sich im Dorf ab, wo viele Kinder in der Nachbarschaft lebten. Wir hatten immer irgendein Projekt. Meine Jugend war dann wieder anders. Die habe ich als eng empfunden, in Vorarlberg kennt jeder jeden. Man war immer so schnell in einer Rolle drinnen! Dass ich dann zum Studieren weg gehen konnte, empfand ich als befreiend, ich konnte wieder jemand anderes sein. Das ist der Nachteil des dörflichen Leben, man lebt ein bisschen wie im Glashaus. Wien ist im Vergleich sehr anonym, das schätze ich. Heimat ist für mich dort, wo ich die Sprache verstehe. Das Schrecklichste für mich ist es, wenn ich irgendwo bin, und kein Wort verstehe. Deshalb glaube ich auch, dass man, wenn sich der Lebensmittelpunkt ändert, die Sprache erlernen muss. Sonst wird man immer ausgegrenzt.

WANN & WO: Wolltest du immer schon Schriftsteller werden?

Arno Geiger: In der Schule gar nicht. Ich hatte immer großes Interesse an Sprache. Einfach, weil ich nicht so stark in Bildern denke, Verständigung ist für mich etwas Grundlegendes. Auch die Schönheiten einer Sprache war mir schon als Kind bewusst. Aber während des Studiums, als ich angefangen habe zu schreiben, merkte ich schnell, dass sich etwas entwickelt. Ich schreibe um des Schreibens Willen. Es ist die Auseinandersetzung mit der Welt und mir selbst. Der Versuch, besser zu verstehen, was mir widerfährt. Schreiben schafft für mich in dieser unübersichtlichen Welt einen Halt.

WANN & WO: Hattest du trotz deines Erfolgs auch einen Plan B in der Hinterhand?

Arno Geiger: Erfolg kommt und geht. Aber das, was ich selbst für mich aus dem Schreiben gewonnen habe, nimmt mir so leicht niemand mehr weg. Tatsächlich ist das mein Lieblingsleben. Es ist nicht so, dass ich mir nicht vorstellen könnte, etwas anderes zu machen, wenn ich müsste. Ich bin aber so privilegiert, dass ich davon leben kann.Allerdings habe ich davor auch schon als Bühnenarbeiter auf der Seebühne gearbeitet. Dem Erfolg habe ich nie recht getraut. Ich wollte nicht als verkrachte Existenz enden, war aber auch immer bereit, etwas dafür zu tun. Ich bin eben „an echter Wolfurter Buraschädel“.

WANN & WO: „Der Alte König in seinem Exil“ ist ein sehr persönliches Buch, in dem du über die Demenzkrankheit deines Vaters geschrieben hast. Ist alles davon wahr?

Arno Geiger: Die Vorgänge waren gegeben und ich bin der Meinung, wenn man etwas Autobiografisches schreibt, muss man das so ehrlich machen wie möglich. Ehrlichkeit beschützt einen da auch. Ich bin sowieso der Meinung, dass man ehrlich sein sollte im Leben. In diesem Buch hatte ich enge Spielräume, die Krankheit war schon da, in all seiner Kraft. Ich wusste, hier passiert etwas mit uns. Da war etwas Kräftiges – im negativen Sinne. Aber auch im positiven Sinne, etwas das uns zusammenrücken ließ.

WANN & WO: Hast du deine Familie gefragt, ob du darüber schreiben darfst?

Arno Geiger: Ja, klar. Das ist eine Vertrauensfrage, aber letztlich zeigt es, dass die Familienverhältnisse intakt sind. Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen, das ich von meiner Familie bekommen habe. Ich selbst war verpflichtet, es so gut wie möglich zu machen. Ein schlechter Roman kann schon mal passieren, aber ein schlechtes Buch über den eigenen Vater wäre unverzeihlich. Dessen war ich mir aber auch bewusst, das durfte nicht schiefgehen.

WANN & WO: War das für dich ein Verarbeitungsprozess?

Arno Geiger: Nein, gar nicht. Ich wusste, ich darf das Buch erst schreiben, wenn ich mit mir im Klaren bin. Man braucht Distanz. Wenn ich emotional zu stark involviert bin, dann wird das nichts. Ich glaube nicht an therapeutisches Schreiben, jedenfalls nicht, wenn es zur Veröffentlichung bestimmt ist.

WANN & WO: Wieso denkst du, war das Buch so erfolgreich?

Arno Geiger: Es zeigt, dass gewisse Dinge grundsätzlich menschlich sind. Ob wir jetzt in China oder in Wolfurt leben, ist egal. Das ist schon verrückt. Es zeigt, wie klein die Welt letztlich ist. Das wir alle in der gleichen Welt leben, mit den gleichen Problemen, dem Älterwerden. Das Ende des Lebens ist eben auch Leben. Früher hat man das versteckt, nicht darüber gesprochen, was das Leid noch vergrößert hat. Je mehr sich dazu äußern, ganz entspannt, desto besser wird es auch. Die Entwicklung ist extrem positiv, es tut sich etwas in unserer Gesellschaft. Als Schriftsteller freut es mich, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten zu können.

WANN & WO: Wie bist du persönlich mit der Krankheit deines Vaters umgegangen?

Arno Geiger: Anfangs war es hart, aber mit der Zeit hat sich das geändert. Ich hatte das Gefühl, dass mich absolut gar nichts mehr überrascht – egal, was noch kommt. Ich war nicht mehr im Konflikt mit dem Schicksalsschlag. Die Krankheit konnte ich nicht ändern. Nur meine Einstellung, und das habe ich auch getan. Ich kämpfte nicht gegen Krankheit, sondern solidarisierte mich mit meinem Vater. Später war er dann im Altersheim in Wolfurt, ab diesem Zeitpunkt sind viele Belastungen für die Familie weggefallen. Das hätten wir einfach früher machen sollen. Die Betreuung zuhause war so anstrengend, dass diese Energie nicht für Papa zur Verfügung stand.

WANN & WO: Morgen erscheint dein neues Buch „Unter der Drachenwand“. Bist du nervös?

Arno Geiger: Mein neues Buch spielt am Mondsee in Oberösterreich und ist ein Gesellschaftsroman über das Jahr 1944, es spielt also im zweiten Weltkrieg. Ich wollte wissen, wie es sich angefühlt haben könnte, im fünften oder sechsten Kriegsjahr zu leben – ohne zu wissen, wie lange es noch dauern würde. Natürlich bin ich schon aufgeregt, klar. Ich habe lange an diesem Herzens­projekt gearbeitet. Jetzt bin ich gespannt und neugierig, wie es bei den Lesern ankommt. Aber ich habe ein extrem gutes Gefühl.

WORDRAP

Bregenzer Ache: Ich kenne den Fluss dort, wo er klein ist und dort, wo er in den See fließt. Familie: Im besten Fall Geborgenheit, aber auch etwas Gefährliches. Mit die wichtigsten Beziehungen im Leben sind die in der Familie. Geschwister: Längste Beziehungen im Leben, unbezahlbar. Natur: Ich mag, dass sie mich nicht braucht. Natur interessiert sich nicht für mich. Stärkste Empfindung von Schönheit.

Zur Person

Name, Wohnort: Arno Geiger, Wien Geboren: 22. Juli 1968 in Bregenz Beruf: Schriftsteller Werke: „Der Alte König in seinem Exil“, „Selbstportät mit Flusspferd“, „Unter der Drachenwand“

 

(WANN & WO)

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