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Amoklauf erschüttert Finnland und sein Selbstverständnis

Das Blutbad, das der 18-jährige Pekka-Eric Auvinen an seiner Schule im Einzugsgebiet von Helsinki anrichtet hat, ist nicht nur für die Familien seiner Opfer, seine eigene Familie und die Mitschüler eine Katastrophe.

Noch am Mittwoch wurde klar, dass die im Internet – aus rückblickender Sicht ziemlich deutlich – angekündigte Tat das ganze Land zutiefst erschüttert hat. Das Parlament unterbrach seine Sitzung, Präsidentin Tarja Halonen und Ministerpräsident Matti Vanhanen traten sichtlich geschockt vor die Kameras und für die kommenden Tage wurde im ganzen Land zu zahlreichen Gedenkveranstaltungen an die Opfer aufgerufen.

Regierungschef Vanhanen sprach im Fernsehen von eine „tiefen Kerbe“ im Gefühl der Sicherheit und von einem „Riss im gewohnten Empfinden der Gesellschaft“, der noch lange zu spüren sein wird. Zeitungskommentare nach der Tragödie, wie der Leitartikel des meinungsbildenden „Helsingin Sanomat“ am Tag nach dem Amoklauf, gehen in die selbe Richtung.

Tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass in Finnland nach dem Datum 11/7/2007, für das der 18-jährige Amokläufer sein „Jokela High School Massacre“ im Internet auf eine gruselige Weise mediengerecht perfekt angekündigt hat, nichts mehr so sein wird wie früher. Auch das teilweise von sich selbst nach außen gezeichnete Bild von Finnland als Musterland in Sachen Bildung und Schule könnte nachhaltig angekratzt sein. Die Leiterin der staatlichen Schulverwaltung, Kirsi Lindroos, sprach in ihrer Bestürzung noch am selben Tag davon, dass sie ein derartiges Ereignis in Finnland bereits seit längerem erwartet habe, weil es den Schulen hinten und vorne an Personal für psychologische und soziale Betreuung der Schüler und Schülerinnen mangle.

Obwohl in den bisherigen Kommentaren nicht die Rede davon war, erinnert der Amoklauf vom Mittwoch an eine andere Tragödie in Finnland, die erst fünf Jahre zurück liegt: Am 12. Oktober 2002 sprengte sich – übrigens gar nicht weit von Tuusula entfernt – ein 19-Jähriger in einem belebten Vorstadteinkaufszentrum in die Luft und riss sechs weitere Menschen in den Tod. Auch damals herrschte Fassungslosigkeit, auch damals handelte es sich um einen bis dahin unauffälligen, jungen männlichen Einzeltäter aus einem gutbürgerlichen Umfeld, der seine sozialen Kontakte offenbar großteils im Internet pflegte. Da jetzt Politiker und Medien über das Blutbad von Tuusula als beispielloses Ereignis in der Geschichte Finnlands sprechen, liegt die Vermutung nahe, dass hier eine Art kollektive Verdrängungsmechanismus am Werk ist.

Nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und der anschließenden „Finnlandisierung“ im Schatten der Sowjetunion durchlebte Finnland Jahrzehnte der wiederkehrenden Wirtschaftskrisen und erzwungenen Enthaltsamkeit des eigenen Nationalgefühls. Erst der dank des Siegeszuges der mobilen Telefonie Mitte der 90er Jahre einsetzende Aufschwung mit dem heutigen Handy-Weltmarktführer Nokia als Zugmaschine änderte die Dinge – nicht zuletzt in der Selbstwahrnehmung der Finnen: Das Land war plötzlich eine dem benachbarten Schweden ebenbürtige oder sogar überlegene Wirtschaftsmacht, Finnland heimste von der PISA-Studie über den Antikorruptionsindex bis hin zu Lordis Eurovisionstriumph in Athen einen Ersten Platz nach dem anderen ein.

Kritik wie jene, dass heute die gesamte finnische Wirtschaft mit der Mobiltelefonie steht und fällt, Lehrer und Krankenschwestern im westeuropäischen Vergleich hoffnungslos unterbezahlt sind, dass es Korruption im Land durchaus gibt, sie im Ausland nur nicht wahrgenommen wird, wurde bisher oft nicht einmal intern zugelassen. Möglich, dass sich einige in Finnland über die Motivation des Amokläufers von Tuusula für die Tat, die er unter dem kruden Pseudonym „Sturmgeist89“ im Internet für alle Welt lesbar auf Englisch hinterlassen hat, jetzt so ihre Gedanken machen: Wie kommt ein unbescholtener und bisher unauffälliger Maturant in einer idyllischen Vorstadtgemeinde zum Beispiel auf die Idee, zu schreiben, er wolle nicht länger „Teil dieser verschissenen (engl. fucked up) Gesellschaft“ sein.

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