Acht Kühe und elf Spiegeleier

Georg Bechter hat eine Raumhülle geschaffen, die sich seinen Lebensumständen anpassen kann, die nichts vorwegnimmt
Georg Bechter hat eine Raumhülle geschaffen, die sich seinen Lebensumständen anpassen kann, die nichts vorwegnimmt ©Adolf Bereuter
Hittisau. Kein schickes Einfamilienhaus wird gebaut, wenn der Wälder Architekt seinen eigenen Lebensraum schafft. Da wird einfach, radikal, neu gedacht und es kommt ein besonderer Mehrwert raus.
Loft in der Scheune

Das alte Bauernhaus „Rosanna“, am recht steilen Hang in Hittisau, hat Architekt Georg Bechter von der Großtante geerbt, vor Jahren bemerkenswert adaptiert und jetzt die Scheune zu einem Loft umgebaut. Die Wohnungsnutzung in einem Stadel fordert einen eigenen Charakter, Lochfassade und das Vorderhaus einfach rückspiegeln kam nicht infrage. So reißt Bechter mit großen Öffnungen gegen Süden auf, zieht die groben Schindeln um die Westfassade, zur Wetterseite wird traditionell gelattet. Der Zugang ergibt sich aus der Topografie. Die zwei unterschiedlichen Niveaus von Garagenzufahrt mit Erschließung des Vorderhauses und Eingang zum Loft werden als Weggabelung aufgenommen. Es ergibt sich ein schöner Vorplatz mit breiter Treppe. Das Riesenfenster und eine Haustüre aus Glas heißen willkommen, trotzdem wird nicht preisgegeben, was einen im Inneren erwartet.

processed by Octavian
processed by Octavian ©Ein kraftvoller Raum, der durch die Reduzierung im Inneren und den berauschenden Ausblick auf die Landschaft des Bregenzerwaldes entsteht. Adolf Bereuter

„Die Baukosten sind mir ein spezielles Anliegen und wie man radikal in die andere Richtung drängen kann. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft und da hat das Experiment wenig Platz. Es geht immer öfter um Sicherheit und diese muss man normalerweise kaufen. Hier hat sich jedoch gezeigt, dass mit Experimenten durchwegs neue Lösungen möglich sind und damit gespart werden kann“, sagt der Architekt, denn beim eigenen Bauvorhaben gab es keine Limits.

Georg Bechter hat eine Raumhülle geschaffen, die sich seinen Lebensumständen anpassen kann, die nichts vorwegnimmt: Atelier, Loft, sogar für Familie gibt es den fertigen Adaptierungsgrundriss. Es ist ein gedachter Rohbau, sehr einfach, spartanisch und im Zusammenspiel der Elemente und Materialien doch edel. Die Ausbauten reduzieren sich auf eine einzige Schicht. Es gibt keine Verkleidungen, keinen Estrich. In die Zementschlacke der betonierten Bodenplatte wurde zum Glätten Ruß (vom alten Gebälk) eingearbeitet. Die Handwerker seien sehr skeptisch, doch im Endeffekt von der entstandenen samtig-blau-anthraziten Oberfläche begeistert gewesen. Und auch die große Einzugsparty mit über Hundert Leuten hinterließ keine Spuren!

»Da ist noch Luft nach oben, um die vorgewohnten Bilder zu verlassen und andere Lösungen zu finden. (Georg Bechter, Architekt)«

Die Wände bleiben die rohe Konstruktion des Zimmermanns: Holzbretter, zum richtigen Zeichen geschlagen, gut eingeschnitten, mit weißer Mineralfarbe gestrichen, was immer schon ein guter Holzschutz war. Frei hineingestellt wird die Kiste aus Fichte, welche Nasszelle, Vorratsschrank sowie Stauraum birgt und das Podest für Schlafbeziehungsweise Arbeitsbereich bildet. Dazwischen, eine großzügige Treppenanlage. „Dieser Raum gehört zum Wohnen dazu, man kann ihn einbeziehen, außerdem ist es schön da hinunterzukommen, ins Freie, ja, in die Natur zu treten“, schwärmt der Architekt. Auch das Holz der Küchenmöbel wuchs vor der Haustüre. Die Ulme hat Georg Bechter vor zehn Jahren gefällt, „weil der Käfer drinnen war. Gut gelagert wartete das Holz in der Tenne darauf, dass ich einmal etwas Schönes daraus machen werde.“ Und auch das Tischlern hat er ja gelernt!

Das eingeschnittene Dachfenster wird zum Leuchtkörper und bringt mit dem diffusen Nordlicht und den Bechter-Leuchten eine weitere Dimension ein. Adolf Bereuter
Das eingeschnittene Dachfenster wird zum Leuchtkörper und bringt mit dem diffusen Nordlicht und den Bechter-Leuchten eine weitere Dimension ein. Adolf Bereuter ©Das eingeschnittene Dachfenster wird zum Leuchtkörper und bringt mit dem diffusen Nordlicht und den Bechter-Leuchten eine weitere Dimension ein. Adolf Bereuter

Wie seit 150 Jahren im Vorderen Bregenzerwald üblich, ist der ehemalige „Heubergeraum“ freitragend überspannt. Alles Massivholz, keine Leimbinder, auf jeder Säule, der Außenwand entlang, liegen zehn Tonnen auf. Mit traditioneller Zangenkonstruktion wird die Kraft abgetragen, die filigranen Säulen verjüngen sich dem statischen Verlauf entsprechend. Auch mit dem Lichttrichter bringt Bechter Ästhetik ein. Trivial könnte man dieses Element als Dachflächenfenster benennen, hier schneidet jedoch die Skulptur einen Leuchtkörper in den Dachboden ein und inszeniert die Original- Bechter-Einbauleuchten mit diffusem Nordlicht.

„Ich wollte Kunst!“, sagt der Architekt. Er traf Barbara Husar, die in Wien lebende, aus Vorarlberg stammende Künstlerin im Frauenmuseum Hittisau, als sie dort bei einer Ausstellung beteiligt war. „Sie empfahl mir eine Barock-Deko-Malerin und da wusste ich, genau das nicht!“ Bechter konnte sie dann doch für die Deckenbemalung gewinnen, machte keine Vorgaben, konstruierte aber gefinkelt ein Arbeitsgerüst und erfreut sich nun an „acht Kühen und elf Spiegeleiern“, die zufrieden im ehemaligen Stallhimmel schweben.

Und warum Markisen? „Weil ich sicher nicht etwas will, das da vorne im Sommer runterrollt. Es ist eine windstabile Konstruktion. Über der Terrasse entsteht damit ein Riesendach, ein neun mal vier Meter Freiraum.“ Auch auf Vorhänge verzichtet Georg Bechter, denn in der Nacht ist die Aussicht nicht minder atemberaubend, da glitzert Hittisau und der Kirchturm leuchtet herauf.


Daten und Fakten

Objekt: Loft in der Scheune, Hittisau
Architektur: Georg Bechter Architektur+Design, Langenegg
Ausführung: 6/2014–11/2014
Nutzfläche: 146 m²
Bauweise: Holzständerbau
Material: Heimische Tanne und Fichte, Möbel Ulme, alles aus eigenem Wald; Betonboden

Ausführung: Baumeister: Haller Bau, Sulzberg; Zimmerei: Nenning, Hittisau; Elektro: Österle, Hittisau-Doren; Heizung-/Sanitärinstallation: Steurer Installationen, Andelsbuch; Möbel: Martin Bereuter, Lingenau; Georg Bechter; Beleuchtung: Georg Bechter Licht

Kunst: „Acht Kühe und elf Spiegeleier“ von Barbara Husar, Wien
Energiebedarf: 38 kWh/m² im Jahr; Fußbodenheizung mit Pelletskessel


Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter architektur vorORT auf v-a-i.at

Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

Am nächsten Freitag, den 20. März 2015, um 19 Uhr eröffnet das vai die neue Ausstellung „Die Leichtigkeit des Seins. Aktuelle Bauten aus Holz in Frankreich“ Es sprechen unter anderem Dominique Gauzin-Müller und LR Christian Bernhard. Sie sind herzlich eingeladen. vai Vorarlberger Architektur Institut, Marktstraße 33, Dornbirn, v-a-i.at

[googlemaps]

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Schöner Wohnen
  • Acht Kühe und elf Spiegeleier
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen