63.000 Stunden für Behinderte

Götzis - Elisabeth Wüstner ist die dienstälteste Mitarbeiterin der Vorarlberger Lebenshilfe. Exakt 34 Jahre und drei Monate oder 63.000 Stunden war die Werkstätte quasi ihr Zuhause.

Jetzt ging Elisabeth Wüstner als dienstälteste Mitarbeiterin der Lebenshilfe in Pension. Doch wirklich angekommen ist sie dort noch nicht. „Das Loslassen fällt nach so langer Zeit schon schwer“, gesteht Elisabeth Wüstner. Zumal der Abschied Betreute und Betreuerin gleichermaßen mit Wehmut erfüllte. „Wir waren wie eine Familie“, sagt die sympathische Frau und blickt einen Moment sinnend ins Weite.

Offen und ehrlich

In der Diele ihres Hauses in Altach hängt ein übergroßes Bild an der Wand. Gemalt von jenen Menschen mit Behinderung, mit denen Elisabeth Wüstner zuletzt zu tun hatte. Jeder hinterließ seine eigene Handschrift. Sie mag dieses Patchworkgebilde, das trotz seiner verschiedenen Motive eine kunstvolle Einheit bildet. „Weil es zeigt, wie motiviert und kreativ diese Leute sind.“ Auch die offene Art und Ehrlichkeit, mit der Schwerstbehinderte anderen gegenüber auftreten, hat Elisabeth Wüstner immer „als wunderbar“ empfunden. Und sie tut es heute noch. „Es war mir aber auch nie langweilig“, sagt sie lachend. Beinahe jeder Tag brachte irgendwelche Überraschungen, die in keinem Plan aufschienen. Doch solche Unwägbarkeiten konnten die heute 55-Jährige nie aus der Ruhe bringen.

Menschen mit Behinderung standen Elisabeth Wüstner immer schon sehr nahe. „In der Arbeit mit ihnen fand ich das, wonach ich suchte“, bilanziert sie zufrieden. Dabei startete sie auf eher ungewöhnlichem Weg in diesen Beruf. Denn wie für die damalige Zeit vielfach üblich musste die Altacherin gleich nach der Schule in die Fabrik. Kein Job zum Liebgewinnen. Eines Tages dann fragte die Tante einer Bekannten, ob sie es in der neu eröffneten Werkstätte der Lebenshilfe in Götzis probieren möchte. „Ich wusste zwar nicht, worauf ich mich da einlasse, nahm die Herausforderung jedoch an“, erzählt Elisabeth Wüstner. An Ausbildung gerade einmal einen sozialen Monat in der Tasche, den sie kurz zuvor in der Sprachheilschule von Maria Summer absolviert hatte.

Nach Gefühl gearbeitet

Zu dieser Zeit gab es im Land keine Möglichkeit, sich das nötige Wissen für die Tätigkeit mit Behinderten anzueignen. Erst 1984 konnte sich Elisabeth Wüstner zur Fachbetreuerin ausbilden lassen. „Doch gefühlsmäßig haben wir alles richtig gemacht“, schätzt sie heute. Und merkt ironisch an: „Wir waren ja auch nur Frauen.“ Für die Betreuten ging es darum,ihnenlebenspraktische Fähigkeiten zu vermitteln und eine Beschäftigung zu geben. „Wir haben massenweise Körbe geflochten und Teppiche geknüpft“, schildert Wüstner. Inzwischen steht die individuelle Förderung in allen Bereichen im Vordergrund. Sie hat Veränderungen immer mitgetragen, denn „sie brachten viel Gutes“. Sich selbst will Elisabeth Wüstner jetzt auch Gutes tun. Mehr Reisen und Lesen und öfter ins Schwimmbad gehen. Kurz gesagt: „Ich habe vor, mich pfleglich zu behandeln.“

Elisabeth Wüstner
Geboren: 17. Mai 1951 in Feldkirch
Wohnort: Altach, alleinstehend
Beruf: Fachbetreuerin
Hobbys: Kreatives Handwerk, Pflanzen

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