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36. Vorarlberger Wirtschaftsforum: Europa zwischen China und den USA

600 Wirtschaftstreibende tagten im Bregenzer Festspielhaus
600 Wirtschaftstreibende tagten im Bregenzer Festspielhaus ©VOL.AT/Steurer
Zum 36. Mal tagten am Donnerstag im Bregenzer Festspielhaus rund 600 Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik beim Vorarlberger Wirtschaftsforum, heuer zum Thema "Risiko - Chancen und Herausforderungen in Zeiten der Disruption".
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Durch die Vorträge der Referenten zog sich die Frage, wie Europa sich im über einen Technologiewettkampf geführten Machtspiel zwischen China und den USA behaupten kann.

Sabine Herlitschka

Europa schreibe gute Strategiepapiere, sei aber in der Umsetzung zu langsam, erklärte Infineon-Vorstandsvorsitzende Sabine Herlitschka. "Wir müssen viel stärker in die Gänge kommen, Zeit ist ein wesentlicher kompetitiver Faktor", betonte sie. Die digitale Transformation stehe erst am Anfang, die größten Veränderungen stünden noch aus. Der Wandel werde nie mehr so langsam sei wie heute, denn technologisch werde immer mehr in immer kürzerer Zeit möglich. Das bringe gravierende Veränderungen für Produktivität, Arbeitsplätze, Effizienz und Preise. "Die Slow-Mover wird die Veränderung am stärksten treffen", prognostizierte sie.

Die Digitalisierung sei aber gerade für Europa eine Chance, weil es um Know-how gehe, nicht um die billigsten Arbeitskräfte. Sie bringe Chancen, wenn man ihr proaktiv begegne, etwa in der Gestaltung neuer Jobprofile oder die Verwendung der Halbleitertechnologie für eine bessere Ressourcennutzung. Bildung sei dabei "die Basis von allem". Unter den Top 20 in der Halbleiterindustrie seien nur mehr drei europäische Unternehmen, der Rest sei in Asien und den USA. "Was passiert, wenn wir in diesen Zeiten der Umbrüche bei der Schlüsseltechnologie Mikroelektronik die Fäden nicht mehr in der Hand halten?", fragte Herlitschka. China investiere eine Menge in Künstliche Intelligenz und setze auf die richtigen Themen, "wir müssen das auch tun". Europa müsse endlich auf die eigenen Interessen schauen und sich kompetitiv gegenüber den USA und China aufstellen.

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Joschka Fischer

In dieselbe Kerbe schlug der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Die Geopolitik bleibe auch in Zukunft ein großer Risikofaktor für die Wirtschaft. Zum einen habe Donald Trump die seit 1945 bestehende Rolle der USA als Ordnungsmacht beendet, was zu Instabilität und widersprüchlicher Politik führe, weil man andererseits aber die Nummer-Eins-Rolle nicht an China abgeben wolle. Europa könne sich nicht mehr auf die USA verlassen. "Wir in Europa müssen begreifen: Wir sind allein", so Fischer.

Bei dem Handelskonflikt der beiden Länder gehe es um einen "Technologiekrieg", so Fischer. Der Druck auf Europa steige. "Was passiert, wenn sich Europa zwischen China und den USA entscheiden müsste?", so Fischer. Der Aufstieg einer neuen Macht gehe in der Regel nicht ohne schwere Friktion ab. Es werde eine Rückkehr der Industriepolitik geben, man müsse mit "stärker vermachteten Strukturen" und einem gespaltenen Weltmarkt rechnen. Angesichts der technologischen Aufholjagd Chinas seit den 1960er-Jahren ziehe er seinen Hut. "Aber was wird aus uns? Werden wir abgehängt?", fragte sich Fischer. Europa müsse sich seine Datensouveränität endlich zurückholen, Regulierungen des Marktes schaffen und in eine Aufholjagd Mittel in Höhe von ein bis zwei Prozent des BIP der EU auf eine Dauer von zehn Jahren investieren. "Daran führt kein Weg vorbei, wenn Europa seinen Wohlstand halten will", so der deutsche Politiker. "Wenn wir uns um uns selbst kümmern, können wir das noch schaffen", meinte er. Zudem werde man mit einer sich verschärfenden Umweltkrise konfrontiert sein, hier müsse man auf Innovation setzen. "Wer sich beizeiten umstellt, wer das als Chance erkennt, die haben einen großen Vorteil", so Fischer. Angst vor Grüner Politik sei "Quatsch", meinte er.

Joachim Reinke

"Wir sind an einer Weggabelung", befand auch Union Investment Gruppe-Vorstandsvorsitzender Hans Joachim Reinke. "Das achte Weltwunder, der Zinseszinseffekt, ist tot", so der Vermögensverwalter. Das Thema Niedrigzins fresse sich langsam in die Zahlen. Die globale Konjunktur kämpfe mit geopolitischem Gegenwind, Stichworte Handelskrieg und Brexit. Für ihn gebe es keine analoge oder digitale Welt, vielmehr eine hybride. Vieles sei in Bewegung in Geopolitik und Geldpolitik, aber auch die Megatrends Nachhaltigkeit und genossenschaftliches Handeln beeinflussten die Zukunft. Für die USA sah Reinke ein geringes Rezessionsrisiko, Europa und Deutschland seien aufgrund hausgemachter Probleme viel gefährdeter.

Auch in China spreche man nicht mehr von einem Wachstum von 6 oder 7 Prozent, für 2020 eher von 5,7 Prozent. Er glaube an zwei weitere Zinssenkungen in den USA, Europa dagegen habe sein Pulver verschossen. Hier stelle sich die Frage, wie es unter der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde weitergehe. Unternehmen müssten für die größte Robustheit in einer sich rasch verändernden Umwelt eine Balance finden zwischen Agilität und Stabilität, Effektivität und Effizienz, Neuem und der Verbesserung sowie Ausschöpfung des Bestehenden. Die Welt habe viele Herausforderungen parat, "aber lassen Sie sich nicht irre machen: Dem Kunden jeden Tag ins Auge zu blicken und zu fragen, was man besser machen kann, hat noch immer geholfen", riet Reinke.

Weitere Referenten

Das Vorarlberger Wirtschaftsforum ist eine Initiative der "Vorarlberger Nachrichten", der Industriellenvereinigung Vorarlberg und der Wirtschaftskammer Vorarlberg. Die Veranstaltung versteht sich als Treffpunkt für Meinungsmacher aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus dem gesamten Bodenseeraum.

Als weitere Referenten standen unter anderem Ex-Skifahrer Didier Cuche, E-Commerce-Berater Alexander Graf, FACC-Marketingdirektor Andreas Perotti und Magenta Telekom-CEO Andreas Bierwirth am Programm.

Didier Cuche

Alexander Graf

Andreas Perotti

Andreas Bierwirth

Ehrenpreis für Fridolin Lucian

Den "Ehrenpreis der Vorarlberger Wirtschaft für das Lebenswerk" erhielt heuer der Hotelier Fridolin Lucian, der mit seiner Frau aus kleinen Anfängen in Oberlech das Burg Hotel sowie das Burg Vital Hotel aufbaute und den Ortsteil entscheidend prägte.

VOL.AT/'Steurer

(APA)

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