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23. - 25. Juni: Ungeplanter „Hofknicks“

Topfit geht es für Peter Mayr weiter auf seiner Pilgerreise durch die Ostschweiz. Er berichtet von wertvollen Begegnungen, der Schönheit der Natur und freut sich auf die nächsten Etappen.

 23. Juni 2014                                             TAG 6

Strecke: Einsiedeln – Alpthal – Haggenegg – Schwyz – Brunnen – Treib – Volligen – Emmetten

Streckenlänge: 37,2 Kilometer             Gehzeit: 8h43min

Aufstieg: 1.083m               Abstieg: 1.200m

Das war ein langer Tag, aber der Reihe nach. Gestern bezog ich in dem einfachen Pilgerhotel St. Josef mein Quartier – es war wieder einmal ein Glücksgriff. Dieses Hotel ist zwar sehr einfach – Etagenduschen, sehr kleine Zimmer ohne Luxus – dafür sind die Besitzer Marlies und Werner umso freundlicher. Es war für Marlies eine Selbstverständlichkeit mir ein Frühstück am Vorabend zuzubereiten. Um 4:45 Uhr war der Tisch für mich gerichtet, und was mich besonders freute, es lag auch noch ein Zettel mit persönlichen Wünschen von Marlies und Werner dabei. So startete ich meine heutige Etappe um 05:12 Uhr. Es ging immer kaum spürbar sanft bergauf, vorbei am Benediktinerinnenkloster Au. Kaum vorstellbar, aber seit über 150 Jahren wird hier von unterschiedlichen Schwestern ununterbrochen gebetet. Weiter ging es entlang eines Baches bis nach Alpthal. Hier machte ich meine erste Rast, denn danach sollte es kräftig bergauf gehen. Und so war es auch.
Für meinen Geschmack war es nicht so anstrengend wie der gestrige Aufstieg von Pfäffikon aus. Es ging über wunderschöne Wanderwege, vorbei an schönen Alpen, die zwei markanten Berggipfel „kleine und große Mythen“ immer im Blick, zur höchsten Stelle des Schweizer Jakobsweges – Haggenegg (1.414m). Hier im Berggasthaus machte ich meine zweite ausgiebige Rast. Nicht nur, weil ich Erholung brauchte, sondern auch weil man einen kolossalen Ausblick hat von hier. Man sieht von nicht nur die schönen schneebedeckten Gipfel, sondern auch den Vierwaldstättersee und de. Anschließend ging es knapp 900 Höhenmeter steil bergab nach Schwyz. Ich kann mich nicht erinnern, jemals beim Abwärtsgehen, so geschwitzt zu haben. Ich überlegte noch kurz, ob ich in Schwyz eine Pause machen sollte, entschied mich aber für das Weitergehen nach Brunnen. Es ging vorbei an der weltbekannten Firma Victorinox, der zweitgrößte Arbeitgeber der Region. In Brunnen angekommen, erkundigte ich mich sofort nach dem Bootsfahrplan. Man muss von Brunnen eine zehnminütige Schifffahrt machen nach Treib. Die einzige Alternative heißt schwimmen. Es blieben mir noch 50 Minuten zum Erholen, dann legte das Schiff auch schon ab.
In Treib angekommen ging es sanft bergauf auf einer kleinen Straße nach Volligen. Von dort aus, geht es wieder auf Wanderwegen weiter. Ich kam bei einem Haus vorbei. Ein Mann stand auf einer Leiter und erntete seine Kirschen. Er begrüßte mich mit den Worten: „Hast du Lust?“ Aber nicht zum pflücken – er lud mich ein von seinem Baum zu naschen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Der Baum war voll mit dunkelroten großen Kirschen. Zu guter Letzt riss er mir zum Abschied noch einen Zweig mit Kirschen als Wegzerrung runter. „Machs gut – Gute Reise“, waren seine Worte. Ich muss an dieser Stelle wirklich wieder einmal betonen, wie freundlich die Schweizer sind! Nach weiteren circa 30 Minuten verfärbte sich der Himmel binnen kürzester Zeit pechschwarz. Ein Unwetter – in der Ferne sah man schon am See die Sturmwarnung. Ich blieb stehen, zog vorkehrend meine Regenklamotten an, und ging weiter. Es wurde immer dunkler, das Gewitter näherte sich. Als ich eine offene Scheune sah, beschloss ich, für das Erste hier zu bleiben. Nach gut 90 Minuten des Abwartens konnte ich endlich weiter marschieren. Müde, aber voller neuer Eindrücke erreichte ich gegen 18:00 Uhr meinen Etappenort Emmetten. Die nette Besitzerin der Pilgerpension empfing mich ebenfalls wieder sehr herzlich. Ich bin mir sicher, heute werde ich gut schlafen.


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Kirche im Alphtal mit der großen Mythen im Hintergrund.

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Das Kloster in der Morgenstimmung.

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Blick auf Brunnen und Vierwaldstättersee.
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Bei der Bootsfahrt.

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Der rettende Stadel

 

24. Juni 2014                                             TAG 7

Strecke: Emmetten – Beckenried – Buochs – Stans – St. Jakob – Flüeli Raft – Sachseln – Zollhaus

Streckenlänge: 45,1 Kilometer             Gehzeit: 9h59min

Aufstieg: 913m                  Abstieg: 1.198m

Heute ist es im Großen und Ganzen sehr gut gelaufen. Ich startete um 05:11 Uhr, wiederum nach einem Frühstück, meine heutige Etappe. Auch diese Besitzerin der Pilgerpension ließ es sich nicht nehmen, mir am Vorabend ein Frühstück zuzubereiten. Ich finde das echt Klasse, denn ich verlange dies nicht. Ich hätte volles Verständnis, wenn ich um diese Zeit noch kein Frühstück bekommen würde, aber ich schätze es natürlich sehr.
Es hatte schon die ganze Nacht geregnet und es goss immer noch als ich aufbrach. Der Weg hinab nach Beckenried war sehr steil und leider auch sehr rutschig. Einmal streckte es mir mein linkes Knie. Gut fünf Minuten später rutschte ich wieder aus und ich machte einen richtigen „Hofknicks“. Mein rechtes Knie berührte den Boden. Ich registrierte ein leichtes Ziehen im rechten Fuß, sonst war aber alles okay. Nach gut neunzig Minuten erreichte ich den Ort Beckenried. Ich stellte mich unter das Vordach eines Wartehäuschens und überlegte was ich tun soll. Eine Pause einlegen in der Bäckerei gegenüber? Oder doch gleich weitermarschieren nach Buochs? Da es immer noch goss, entschied ich mich für eine Pause. Beim Betreten der Bäckerei begrüßte ich die beiden Angestellten. Eine Dame grüßte mich mit den Worten zurück: „Sind Sie nicht der Rompilger?“ Ich schaute sie verdutzt an, brachte keinen Laut von mir. „Schreiben Sie nicht gerade einen Blog?“, fragte sie weiter. „Ja, das stimmt, aber wird das hier in der Schweiz gelesen?“, fragte ich. Lisa, so hieß die Dame, outete sich als Vorarlbergfan, und sie verfolge deshalb auch meine Berichte. Die Freude war auf beiden Seiten sehr groß. Ich bestellte ein großes Sodawasser und ein Rosinenbrötchen. „Geht auf das Haus“ waren die Worte von ihr, als Sie mir meine Bestellung brachte. Ich bedankte mich aufs Herzlichste. Sie sagte nur: „Schön, dass Sie bei uns vorbeigekommen sind“. Das sind diese „Einmaligen“ Erlebnisse beim Pilgern. Man trifft ganz unvermutet Personen, die einem Gutes tun.
Auf meinem weiteren Weg nach Stans traf ich auf zwei deutsche Pilgerinnen, die ich gestern schon ein paar Mal getroffen hatte. Brunhilde und Lucia, beide aus der Nähe von Ulm, pilgern nach Genf. Ich denke, ich werde die Beiden noch öfter treffen. In Stans kaufte ich mir ein paar Lebensmittel und wanderte weiter. Nach ungefähr 20 Minuten erreichte ich eine kleine Kapelle mit Vordach. Hier setzte ich mich auf die Stufen und machte meine zweite Pause. Kurze Zeit später gesellten sich Brunhilde und Lucia dazu. Von der Landschaft her war es heute wiederum sehr schön. Leider hatte man keine gute Sicht, die Wolken hingen tief. Auf halbem Weg nach Flüeli Raft, erreichte ich wieder einmal eine private Pilgerverpflegungsstelle. Kaum schlüpfte ich in den Schopf, fing es noch stärker an zu Regnen. Eine längere Pause war nun selbstverständlich für mich. Bei einer Regenpause verließ ich diese Labstation und marschierte weiter nach Flüeli Raft. Dieser Ort ist auch ein Wallfahrtsort. Der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus wurde hier geboren. Er wurde 1947 von Papst Pius XII heilig gesprochen.
Normalerweise wäre dieser Ort mein heutiges Etappenziel gewesen. Ich beschloss aber, noch bis zum Pilgergasthaus Zollhaus weiter zu gehen. Ich rief kurz an und vergewisserte mich auch, ob ein Schlafplatz frei ist. Von Flüeli Raft ging es hinab nach Sachseln. Hier blieb ich noch in einer Apotheke stehen und kaufte mir eine Voltarencreme. Mein rechter Fuß ist durch meinem Hofknicks doch ein bisschen beleidigt. Sicherheitshalber werde ich ihn heute am Abend eincremen. Von Sachseln aus ging es immer dem See entlang zum Zollhaus. Hier erwartete mich bereits die Hausherrin mit einem Apero auf der Terrasse – wenn das kein Empfang ist. Morgen geht es von hier gleich schön bergauf. So kann ich morgen Früh, gut ausgeruht, diese anstrengende Etappe in Angriff nehmen.

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Beckenried
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Pilgern bei Regen.
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Die wunderschöne Kapelle in Ranft.

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Die freundlichste Bäckerei in der Schweiz.

 

25. Juni 2014                                             TAG 8

Strecke: Zollhaus – Giswil – Kaiserstuhl – Lungern – Brünigpass – Tschuggen – Brienzwieler – Brienz – Giessbachfälle – Iseltwald

 Streckenlänge: 37,6 Kilometer             Gehzeit: 8h49min

Aufstieg: 1,071m               Abstieg: 961m

Gibt es eigentlich noch Steigerungen? Ja, es gibt sie. Gestern Abend beim Abendessen fragte mich Heidi, die Chefin des Hauses, wann ich denn frühstücken möchte. Ich sagte ihr, dass ich immer so gegen 5:00 Uhr losmarschiere und ob sie so lieb wäre, mir zwei Scheiben Brot, Marmelade und etwas Kaffee in einer Thermoskanne herzurichten. „Kommt gar nicht in Frage!“, antwortete sie und erklärte mir stattdessen ihre Theke, zeigte mir wie ihre Kaffeemaschine funktioniert und sagte mir, ich solle mich in der Früh einfach selbst bedienen. Blindes Vertrauen – sensationell für mich, ich bin ja ein Wildfremder für sie!
So konnte ich wiederum gut gestärkt am nächsten Morgen um 5:20 Uhr meine Herberge verlassen. Es ging schön gemütlich nach Giswil. Von Giswil aus ging es in einem Wald steil bergauf nach Kaiserstuhl. Von hier aus wanderte ich am Ufer entlang des Lungerersees nach Lungern, wo ich meine erste Pause machte. Ich saß für circa 10 Minuten, als plötzlich eine Pilgerin entlangkam. Sie stellte sich als Steffi aus Luzern vor. Sie startete von ihrer Haustüre aus und ihr Ziel heißt – ROM! Wir freuten uns beide, endlich einen Pilger gefunden zu haben, der das gleiche Ziel hatte. Da sie aber gerade erst ihre Etappe begonnen hatte, zog sie nach 5 Minuten weiter. „Wir sehen uns sicher öfters auf unserem Weg“, meinte sie. Ich bin gespannt, da meine Tagesetappen doch eher größerer Natur sind.
Von Lungern aus geht es dann stetig aufwärts auf den Brünigpass. Dies ist ein historischer Weg, man findet heute noch Spuren aus der Römerzeit. Nach ungefähr 90 Minuten erreichte ich den Pass. Von hier oben sollte man normalerweise einen tollen Blick auf die Berge des Berner Oberlandes haben. Mir aber blieb der Blick verborgen, es regnete zwar nicht, aber die Wolken hingen doch noch tief. Hier oben machte ich eine kurze Verschnaufpause, denn es ging noch weiter bergauf auf den Tschuggen. Nun hatte ich aber endgültig die höchste Stelle des heutigen Tages erreicht. Von hier ging es nun runter in Richtung Brinzwieler – steil bergab über kleine Alpen und später über einen Waldweg. Irgendwie hatte dieser Waldweg etwas Mystisches. Durch die Nässe des Tages davor war es relativ dunstig, es herrschte eine eigenartige Stimmung. In Brinzwieler besuchte ich die Pilgerherberge, hier konnte ich mich stärken. Gerade als ich aufbrechen wollte fing es an zu regnen. Also wieder einmal Rucksack runter und rein in die Regenklamotten. So ging ich dann weiter nach Brienz, wo meine Etappe eigentlich enden sollte. Da ich mich aber noch gut fühlte, entschied ich mich für das Weitermarschieren. In Brienz darf man sich wieder einmal entscheiden. Man kann entweder am rechten Ufer des Brienzersees oder am linken Ufer entlang gehen. Ich entschied mich für die linke Seite, denn hier kommt man an den Giessbachfällen vorbei. Grundsätzlich war es eine gute Entscheidung. Die Wasserfälle waren sehr beeindruckend. Allerdings ist der Weg bis zu den Wasserfällen nicht unbedingt berauschend. Von den Giessbachfällen bis zu meinem Zielort Iseltwald war der Weg wieder sehr schön zu gehen.

Morgen komme ich in Interlaken vorbei. Ich war als Kind mit meinen Eltern und meinem Bruder einmal dort. Ich freue mich schon darauf.

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Alte Römerwege

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Beeindruckende Giessbachfälle

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Lungerersee

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Bienzersee

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