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1914/2014 - Gavrilo Princip: Ein untauglicher Nationalheld

"Zu klein und zu schwach" für den Kriegsdienst, befand jener Offizier, der ihm die Waffen für das Attentat verschaffte.
"Zu klein und zu schwach" für den Kriegsdienst, befand jener Offizier, der ihm die Waffen für das Attentat verschaffte. ©(AP/ Historical Archives Sarajevo
Der Mann, der einen Weltkrieg auslöste, war untauglich. Gavrilo Princip wollte im Balkankrieg 1912 in die serbische Armee eintreten, doch wurde der schmächtige Jüngling abgewiesen. Princip sei "zu schwach und zu klein", befand der Offizier Voja Tankosic damals. Zwei Jahre später verschaffte er ihm und seinen Mitverschwörern die Waffen jenes Attentats, das den 19-Jährigen zum Nationalhelden machte.

Die Tragik von Princip liegt freilich darin, dass er von Anfang an nur für die Serben ein Held war. Die meisten Kroaten und Muslime sahen in ihm einen gefährlichen Terroristen und konnten mit seinem jugoslawischen Nationalismus nichts anfangen. So überrascht es nicht, dass dem von ihm “erkämpften” Staat Jugoslawien nur ein vergleichsweise kurzes Leben beschieden war. Das auf den Trümmern der Donaumonarchie entstandene Jugoslawien flog in einer weiteren Runde von Balkankriegen in den 1990er Jahren auseinander.

Princip wurde am 25. Juli 1894 im westbosnischen Obljaj in eine kinderreiche Familie geboren, wuchs aber in Sarajevo auf. Prägend war das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Landeschef Marijan Varesanin im Juni 1910. Princip pilgerte später mehrmals zum Grab des serbischen Attentäters Bogdan Zerajic, der sich nach dem missglückten Anschlag selbst erschossen hatte. Als Tribut an diesen wollte sich Princip am 28. Juni 1914 genau dort aufstellen, wo Zerajic seine Schüsse abgegeben hatte.

Weil er im Februar 1912 an einer anti-österreichischen Demonstration teilgenommen hatte, wurde Princip vom Gymnasium in Sarajevo geworfen. Er ging daraufhin nach Belgrad, wo er studieren wollte. Dort fand er Anschluss an großserbische Kreise und radikalisierte sich weiter. Im Herbst 1912 brach dann der erste Balkankrieg aus, in dem Serbien gegen das Osmanische Reich kämpfte. Princip reiste nach Südserbien, um als Freiwilliger in die Armee einzutreten, wurde aber von Tankosic zurückgewiesen.

Nach eigenem Bekunden fasste er im April 1914 in Belgrad den Entschluss, den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand bei dessen geplanten Besuch in Bosnien zu ermorden. Zusammen mit seinen Mitverschwörern Nedeljko Cabrinovic und Trifko Grabez ging er ans Werk, wobei sie von serbischen Offizieren ausgestattet, trainiert und nach Bosnien geschleust wurden.

In Sarajevo ließ er zwei Gelegenheiten zur Tötung des Thronfolgers und seiner Gemahlin verstreichen, ehe er die dritte nutzte, als das Auto mit dem Thronfolger-Paar praktisch vor seiner Nase zum Stillstand kam. Am Vorabend des 28. Juni hatte er die beiden bei einem privaten Spaziergang durch die Stadt beschattet, am Attentatstag ließ er den zum Rathaus fahrenden Konvoi zunächst passieren – so wie vier seiner Mitverschwörer. Dass er beim Attentat auch Franz Ferdinands Gemahlin Sophie tötete, tat ihm Leid. Die Tötung des Thronfolgers begründete er im Prozess damit, dass seine Heimat “von Österreich befreit” werden müsse.

Princips Wunsch eines Märtyrertodes erfüllte sich nicht. Die aufgebrachte Menschenmenge wollte ihn nach dem Attentat lynchen, doch griffen die Sicherheitskräfte ein. Mit 25 Mitangeklagten wurde ihm vom 12. bis 23. Oktober in Sarajevo der Prozess gemacht. “Ich bin jugoslawischer Nationalist mit der Vereinigung aller Jugoslawen als Ziel”, gab er damals zu Protokoll. Weil Princip nach dem damaligen Recht noch minderjährig war, wurde er nicht zum Tode verurteilt, sondern zu 20 Jahren Haft. Er starb jedoch am 28. April 1918 im k. u. k. Gefängnis Theresienstadt an Knochentuberkulose, und bekam damit den Zerfall der Donaumonarchie und die Entstehung Jugoslawiens wenige Monate später nicht mit.

Zum großen Helden wurde er erst im kommunistischen Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkriegs, da er zu dessen Ideologie besser passte. Damals wurden zahlreiche Straßen und Volksschulen nach ihm benannt, Generationen von Jugoslawen pilgerten zum Attentatsort an der Lateinerbrücke in Sarajevo. Seine Fußstapfen wurden dort in den Gehsteig gegossen. Heute steht sein Name nur noch bei den Serben hoch im Kurs.

“Gavrilo Princip war ein Freiheitskämpfer, der gegen die österreichisch-ungarische Okkupation Bosniens kämpfte”, sagte etwa der bosnisch-serbische Präsident Milorad Dodik. In Belgrad soll ihm zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs ein Denkmal errichtet werden, eine große Mehrheit der Serben sieht ihn als Freiheitskämpfer und Helden. Und der Filmregisseur Emir Kusturica will den “gesetzwidrigen” Prozess gegen Princip annullieren lassen.

Unter den Kroaten und Muslimen, die vom österreichisch-ungarischen Okkupationsregime in Bosnien-Herzegowina gegenüber den Serben bevorzugt worden waren, ist Princip dagegen verhasst. So brannten kroatische Truppen im September 1995 sein Geburtshaus in Obljaj bis auf die Grundmauern nieder. Auch der dort aufbewahrte Attentatsplan wurde ein Raub der Flammen.

(APA)

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