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100 Tage Franziskus: Papst punktet bei vielen mit Bescheidenheit

Mit der einfachen Art des lateinamerikanischen Pontifex brach im Vatikan eine neue Ära an.
Mit der einfachen Art des lateinamerikanischen Pontifex brach im Vatikan eine neue Ära an. ©AP
Seit fast 100 Tagen ist Papst Franziskus nun im Amt, und der Pontifex aus Lateinamerika setzt stetig neue Zeichen. Mit seinem bescheidenen Auftreten, seinem Sinn für Humor und seinem lebendigen Kommunikationsstil hat der erste lateinamerikanische Pontifex in der Geschichte der Kirche von Anfang an die Herzen vieler Gläubiger gewonnen.

Gleich nach seiner Wahl zum neuen Oberhaupt der Katholiken am 13. März zeigte sich Franziskus demütig und machte damit klar, dass eine neue Ära im Vatikan angebrochen war.

Überraschend zum Nachfolger gewählt

“Es scheint so, als ob meine Kardinalsbrüder fast bis zum Ende der Welt gehen mussten, um einen Papst zu finden, aber wir sind nun hier. Ich danke euch für den Empfang”, sagte der aus Argentinien stammende Jorge Mario Bergoglio, nachdem er überraschend zum Nachfolger des am 28. Februar zurückgetretenen Benedikt XVI. gewählt worden war. Seine freundlichen Worte und die Wahl des Papstnamens “Franziskus” zu Ehren des Heiligen Franz von Assisi, Schutzpatron der Tiere, Natur und Umwelt, bescherten dem neuen Papst vom ersten Augenblick an Sympathien.

Einfachheit sorgt für Vertrauen

“Brüder und Schwestern!”, ruft Franziskus, wenn er die immer größeren Massen auf dem Petersplatz anspricht. Mit seiner Zugänglichkeit und seinem mit spanischen Ausdrücken vermischten Italienisch baut der Papst aus Lateinamerika neue Brücken zur Welt außerhalb des Vatikans. Seine Einfachheit sorgt auch bei Nicht-Katholiken für Vertrauen, was sich positiv auf die Kommunikationsstrategie des Heiligen Stuhls auswirkt. “Franziskus’ einfacher Stil schafft Nähe auch zu den Personen, die bisher weniger Kontakt zur Kirche hatten. Er ist ein großartiger Vermittler, nicht nur durch seine Worte, auch durch seine Gesten”, berichten Vatikan-Insider.

Papst wohnt mit Kardinälen im Gästehaus

Der Zugang zum Pontifex ist für seine Mitarbeiter und die Kardinäle einfach und unkompliziert geworden. Seinen festen Willen, sich nicht zu isolieren, sondern weiterhin eine Dimension der Brüderlichkeit und Offenheit zu leben, bezeugt auch der Beschluss von Franziskus, vorerst weiter mit anderen Kardinälen im Gästehaus Santa Marta zu leben und nicht in die päpstliche Wohnung im Apostolischen Palast zu ziehen. Seit dem Konklave wohnt er gemeinsam mit rund 50 Kurienprälaten im vatikanischen Gästehaus, speist mit Gästen, greift selbst zum Telefonhörer und spricht mit Freunden und Mitarbeitern. In der Früh zelebriert er um 7.00 Uhr die Messe, an der auch Vatikan-Mitarbeiter teilnehmen können. Die Kurzpredigten in der Kapelle des Gästehauses – oft mit einprägsamen Formulierungen und Gedanken – sind zu einem Referenzpunkt für dieses neue Pontifikat geworden.

Kein Goldbrokat, nur schlichte Amtstracht

Verschwunden sind aus den Gottesdiensten die Messgewänder aus Goldbrokat, die sein Vorgänger Benedikt XVI. bei Festgottesdiensten anlegte. Franziskus bleibt bei seiner schlichten Amtstracht, die er auch zu seinen Zeiten als Bischof in Buenos Aires verwendete. Die roten Schuhe, die Joseph Ratzinger benützte, scheinen längst vergessen. Bei der Generalaudienz trägt Franziskus unter der weißen Soutane seine schwarze Klerikerhose.

“Gesundes Maß an Verrücktheit”

Die Bischöfe und Priester mahnt Franziskus bei seinen eindringlichen Predigten in volkstümlicher Sprache, sich “nicht lächerlich zu machen und der Kirche zu schaden, indem sie auf Geld und Karriere aus sind”. Das Streben nach Karriere und Wohlstand sowie die Bereitschaft, Kompromisse mit dem Zeitgeist zu schließen, könnten auch Geistliche in “faule Funktionäre” verwandeln. Ein Christ sollte nach den Worten des Papstes über “ein gesundes Maß an Verrücktheit” verfügen. Die Kirche brauche keine “Salon-Christen”, sondern Menschen, die auch unbequeme Dinge sagten und sich nicht scheuten, die wohlsituierten Verhältnisse zu stören, erklärte der Papst kürzlich unverblümt.

“Franziskus wendet sich mit einfachen Worten an die Pilger und verzichtet auf theologische Akzente, die für Benedikt XVI. typisch waren. Als Jesuit hat er sich für einen bescheidenen Stil entschieden. Er hat immer ein Lächeln im Gesicht und bittet die Gläubigen, für ihn zu beten. Das ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Ich habe den Eindruck, dass wir zu den wahren Wurzeln des Christentums zurückkehren”, sagt der mexikanische Journalist Eduardo Lliteras.

Alt-Papst mit Umarmung begrüßt

Franziskus’ spontaner Stil ist auch im Umgang zu seinem Vorgänger klar spürbar. Zehn Tage nach seiner Wahl zum Pontifex besuchte der neue Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo und betete mit ihm in der Kapelle der päpstlichen Sommerresidenz. Als der emeritierte Papst am 2. Mai in den Vatikan zurückkehrte, um sich in das Kloster Mater Ecclesiae zurückzuziehen, empfing Franziskus seinen Vorgänger vor dem Eingang seines neuen Wohnortes und begrüßte ihn herzlich mit einer Umarmung. Damit machte er auch klar, dass er das präzedenzlose Zusammenleben zweier Päpste im Vatikan keineswegs als problematisch empfindet.

(APA)

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