Mühleberg: Bei starkem Störfall würde das Rheintal evakuiert

Von VN/Thomas Matt
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Das AKW Mühleberg sollte ein Erdbeben mit der 15-Fachen Erdbeschleunigung überstehen. Tatsächlich ist die Gefährdung aber größer. Das AKW Mühleberg sollte ein Erdbeben mit der 15-Fachen Erdbeschleunigung überstehen. Tatsächlich ist die Gefährdung aber größer. - © AP
Wien, Bern - Experten befürchten schlummernde Zeitbombe in Schweizer AKW Mühleberg

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Im schlimmsten Fall müsste der Norden Vorarlbergs evakuiert werden. Für immer? „Zeitweilig.“ Mehr kann Andreas Molin nicht sagen. Der 56-jährige Strahlenschutzexperte leitet die Abteilung für Nuklearkoordination im Umweltministerium. Er hat an der österreichischen Stellungnahme zum Schweizer AKW Mühleberg mitgearbeitet. Das dicke Bündel Papier, das von Wien nach Bern verschickt wurde, steckt voller Fragen und Befürchtungen. Sie reichen bis zur Teilevakuierung Vorarlbergs. „Wir haben aus 2800 gespeicherten Wetterlagen der letzten Jahre zehn ausgesucht und Reaktorstörfälle durchgerechnet. In keinem Fall bleiben Vorarlberg auch nur 24 Stunden Vorwarnzeit“, warnt Molin.

Mühleberg ist das zweit-älteste der vier Schweizer Kernkraftwerke. Es ging 1972 ans Netz und versorgt laut Betreiberfirma BKW 400.000 Menschen mit Strom. Die Sicherheitsbedenken sind so alt, wie das Kraftwerk selbst. Als 1971 im Probebetrieb ein Brand im Turbinenhaus ausbrach, wurde freilich keine Radioaktivität freigesetzt.

Gefahr durch Hochwasser

Mühleberg liegt an der Aare. Aus dem Fluss bezieht das Kernkraftwerk auch sein Kühlwasser. Deshalb kommt Mühleberg ohne den üblichen großen Kühlturm aus.

„Am Flussgrund befinden sich die Einlaufstutzen“, sagt Molin, „das war in den 1960er-Jahren Stand der Technik.“ Was aber, wenn Geschiebe oder andere Fracht die Öffnungen verstopfen? Die Schweiz hat erst kürzlich Vorsorge getroffen. „Jetzt sitzt oberhalb der Rohre eine Art Periskop zur Überwachung.“ Außerdem sollen zusätzliche Einbauten den Zufluss des Kühlwassers freihalten.

Die zweite Gefahr droht durch Überschwemmung von zwei Seiten: Die Hänge des Staubeckens vom Wasserkraftwerk Mühleberg beschreibt Molin als „außerordentlich steil“. Ein Hangrutsch könnte den Wasserspiegel blitzartig ansteigen lassen, das 1,5 km flussabwärts liegende AKW würde überschwemmt.

Zum Zweiten skizziert Molin den Fall, dass im Verlauf des Flüsschens Saane die beiden Staumauern Rossens und Schiffenen brechen und sich eine Flutwelle in die Aare ergießt. Der Effekt wäre derselbe. Das Wasser würde auf dem Kraftwerksgelände mehr als sechs Meter ansteigen. Das sogenannte SUSAN-Gebäude, das die Notfallsysteme beherbergt, hält aber nach Betreiberangaben nur bis zu sechs Meter Wasser dicht.

Im Herzen des 47 Meter hohen Reaktorgebäudes stabilisiert ein Mantel aus Stahl und Beton die Kerneinbauten. Die ersten Risse in dieser Konstruktion wurden 1990 festgestellt. Inzwischen halten vier Zuganker den Trockenraum zusammen, eine Lösung, die auch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspekto­rat nur als Provisorium anerkennt. Eine dauerhafte Lösung steht bislang aus. Am Fuß des Trockenraums beherbergt der Torusring eine Reihe überlebenswichtiger Zu- und Ableitungen. „Dieser Raum hat keine Schotten.“ Dringt hier Wasser ein, befürchtet Molin, dass der Ring vollläuft. Der Torus liegt im Keller, elf Meter unter dem Wasserspiegel der Aare.

Wien hat in die Stellungnahme auch Empfehlungen gepackt und auf schweizinterne Bedenken verwiesen. So hält etwa das eidgenössische Inspektorat die Lagerbecken der Brennelemente für nicht ausreichend gesichert.

Außerdem erbat Wien eine Liste bisher nicht veröffentlichter Dokumente, darunter den Nachweis zur Erdbebensicherheit des Wohlensee-Stauwehrs und zur Beherrschung eines 10.000-jährlichen Erdbebens.

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