Menschliche Schutzschilde gegen NATO-Luftangriffe

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Menschliche Schutzschilde gegen NATO-Luftangriffe
NATO-Kampfflugzeuge konzentrieren ihre Bombenangriffe in Libyen offenkundig auf Ziele in den noch verbliebenen Hochburgen des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi.

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Der Übergangsrat der Aufständischen verlangt unterdessen vom Nachbarland Algerien die Auslieferung von Familienmitgliedern Gaddafis, deren Flucht am Vortag offiziell bestätigt wurde. Die Aufnahme der Frau und mehrerer Kinder des Langzeit-Machthabers sei ein "Akt der Aggression", sagte der Sprecher des Übergangsrates, Mohammed Shammam, am Montagabend.

"Wir warnen alle davor, Gaddafi und seinen Söhnen Unterschlupf zu gewähren", sagte der Sprecher. Gaddafis Frau Safia war nach Angaben des algerischen Außenministeriums am Montag mit ihrer Tochter Aisha und ihren Söhnen Hannibal und Mohammed in Algerien eingetroffen.

42 Kampfeinsätze der NATO

Die NATO zerstörte nach eigenen Angaben in der Nähe von Sirte in Tagesfrist drei Kommandozentralen, vier Radaranlagen, 22 bewaffnete Fahrzeuge, zwei Versorgungsfahrzeuge, einen Leitstand und zwei Raketenstellungen. In Bani Walid habe man zwei Kommandozentralen und ein Munitionslager getroffen. Insgesamt seien binnen 24 Stunden 42 Kampfeinsätze geflogen worden.

Kinder als menschliche Schutzschilde

Unterdessen wurden weitere Kriegsgräuel bekannt. Nach Angaben der Organisation "Ärzte für Menschenrechte" setzten Truppen von Gaddafi bei früheren Kämpfen Kinder als 'menschliche Schutzschilde' gegen Luftangriffe der NATO ein. Wie die Organisation am Dienstag mitteilte, ergab eine Befragung von Einwohnern der über viele Wochen umkämpften Stadt Misrata im Juni, dass zudem Kriegsverbrechen wie systematische Vergewaltigungen, Tötungen von Zivilisten und das Verwenden von Moscheen und Schulen als Munitionslager begangen worden seien. Augenzeugen hätten berichtet, dass 107 Zivilpersonen bei Luftangriffen gezwungen worden seien, in der Nähe militärischer Anlagen zu bleiben, hieß es.

Gaddafi weiter auf der Flucht - Sohn Kamis getötet

Bani Walid - etwa 100 Kilometer südöstlich von Tripolis - gilt als eines der mögliche Verstecke Gaddafis. Über dessen Aufenthaltsort gibt es weiter keine gesicherten Erkenntnisse. Nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur ANSA ist er in Bani Walid untergetaucht. Gaddafi sei mit seinem Sohn Al-Saadi zusammen, meldete die römische Agentur unter Berufung auf "diplomatische libysche Quellen". Gaddafis Sohn Khamis, der eine Eliteeinheit seines Vaters gegen die Rebellen befehligte, sei mit höchster Wahrscheinlichkeit während des Rückzugs auf der Straße nach Bani Walid erschossen worden.

Die algerische Zeitung "El Watan" berichtete, Algerien wolle nun die Grenze zu Libyen schließen. Gaddafis Familienangehörige seien aus "strikt humanitären Gründen" aufgenommen worden, erklärte der Sprecher des algerischen Außenministeriums am Dienstag. Auf die Frage, wie Algerien auf die von den Rebellen geforderte Auslieferung der Familienmitglieder reagieren werde, antwortete der Sprecher nicht.

Angriffe auf vermeintliche Söldner

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat den Übergangsrat aufgefordert, im Land lebende Afrikaner besser vor Übergriffen zu schützen. Es sei in den vergangenen Tagen zu zahlreichen Angriffen auf afrikanische Migranten gekommen, teilte die Organisation am Dienstag in Göttingen mit. Gaddafi-Gegner hätten Dutzende Afrikaner festgenommen und verschleppt. "Die Gefangenen haben sich nicht an den Kämpfen beteiligt, werden jedoch aufgrund ihrer Hautfarbe fälschlich für Söldner Gaddafis gehalten", sagte GfbV-Afrika-Referent Ulrich Delius.

Übergangsrat laut Experte überfordert

Der in Oxford lehrende Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan zweifelt an der Fähigkeit der neuen libyschen Machthaber, dem nordafrikanischen Land nach dem Untergang des Gaddafi-Regimes eine brauchbare Zukunftsperspektive zu bieten. Der "Nationale Übergangsrat" der Rebellen stelle sich als Haufen "unkontrollierbarer Personen" dar, sagte der renommierte Intellektuelle und Enkel von Hassan al-Banna, dem Begründer der ägyptischen Muslimbrüder. "Man stellt uns eine Gruppe von Leuten als Befreier vor, die vollkommen heterogen und nicht zu kontrollieren ist". Ihm sei rätselhaft, dass man im Westen solche Eile hatte, den Rebellen-Rat anzuerkennen, dessen Mitglieder zum Teil eine fragwürdige Vergangenheit hätten. Wer sich einbilde, mit derartigen Elementen "eine Demokratie auf Distanz steuern" zu können, der bringe "den afrikanischen Bürgern nicht die Freiheit". Deshalb habe er selbst für die Nach-Gaddafi-Ära schlimme Befürchtungen.

(APA)

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