Kinder mit Kuhspritze behandelt – Auch Vorarlberger betroffen

Von VN/Thomas Matt
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Bis Ende der 1970er-Jahre hat die Psychiaterin Jugendlichen Epiphysan gespritzt.
Bis Ende der 1970er-Jahre hat die Psychiaterin Jugendlichen Epiphysan gespritzt. - © dpa
Innsbruck, Rankweil – Tiermedizin gegen Sexualität – auch Vorarlberger Jugendliche litten in Tiroler Psychiatrie.

Die Innsbrucker Kinderpsychiaterin Maria Nowak-Vogl, die ihr anvertraute Mädchen mit dem Tierpräparat Epiphysan behandelte, um deren sexuelle Erregbarkeit zu dämpfen, war auch Sachverständige in Vorarlberg. Zudem wurden viele Vorarlberger Kinder in ihre Innsbrucker „Kinderbeobachtungsstation“ gebracht. Auch aus dem Landeserziehungsheim Jagdberg. Epiphysan erzeugt ungeahnte Langzeitfolgen. Befürchtet werden u. a. Fehlgeburten. Das Mittel ist heute verboten. Diesen besonders düsteren Blick in ein noch nicht aufgearbeitetes Kapitel zerstörter Kindheit hat der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber (51) eröffnet. Er hat sich mit der Kinderpsychiaterin Nowak-Vogl auseinandergesetzt, die zwischen 1954 und 1980 ihre Kinderbeobachtungsstation abseits der Universitätsklinik in einem eigenen Haus in Hötting führte. Russ-Preis-Träger und Gerichtspsychiater Reinhard Haller (61) bestätigt: „Sie war damals die einzige Kinder- und Jugendpsychiaterin in Westösterreich.“ Ihre Methoden kamen erstmals ans Licht, als sich das Fernsehen 1980 für sie interessierte. Im Interview gab Nowak-Vogl, die 1998 verstorben ist, zu, das Mittel aus der Tiermedizin zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen angewandt zu haben. Nowak-Vogl demontierte sich mit ihren Aussagen vor laufender Kamera selbst. So war die 15-jährige Christine 1978 zu ihr eingeliefert worden, weil sie bei ihrem Freund übernachtet hatte. Nowak-Vogl diagnostizierte sexuelle Verwahrlosung und spritzte dem Mädchen insgesamt zehn Ampullen des Hormonpräparats Epiphysan, das laut Nowak-Vogl ein Jahr lang auf den weiblichen Hormonhaushalt wirkte. Dazu die Kinderpsychiaterin: „Das war mein spezielles Forschungsgebiet vor schon sehr vielen Jahren, dass man, man hat das aus irgendwelchen Gründen feststellen können, damit eine sexuelle Beruhigung erreichen kann.“

Hausordnung mit 300 Punkten

In ihrem Heim in Hötting, in dem sie jahrzehntelang schalten und walten durfte, herrschte ein strenges Reglement. Die Hausordnung umfasste 300 Punkte. Selbst das Aufsuchen der Toilette wurde bis ins Kleinste reglementiert. U. a. hieß es darin: „Das Morgenturnen ist an jedem einzelnen Tag Pflicht! Morgenturnen heißt Freiübungen – Gymnastik machen. Spielen ist dabei ausdrücklich verboten. Vor dem Lichtauslöschen müssen alle Kinder auf das Clo, ob sie wollen oder nicht.“ Und an anderer Stelle: „Privatbücher und Privatspielzeug, auch persönliche Puppen darf ein Kind bei uns nur dann behalten, wenn ausdrücklich darüber gesprochen worden ist.“ Öffentlichkeit schätzte Nowak-Vogl nicht: „Kein Besucher darf unser Haus anschauen, weder die Schul- noch die Gruppenräume.“ Nachgerade militärisch muten die Mahlzeiten an: „Es wird dringend gebeten, die Essenszeiten so kurz wie möglich zu gestalten und nicht aus Trägheit mit den Kindern sitzen zu bleiben.“

„Klingelmatratzen“

Die Fernsehjournalisten enthüllten 1980, dass in Nowak-Vogls Obhut Kleinkinder, die noch nicht sauber waren, in Spezialhosen gesteckt wurden, die am Rücken klingelten, wenn sie nass wurden, nicht zuletzt zum Spaß der anderen Kinder. Bettnässer schliefen auf „Klingelmatratzen“. Diese Matratzen verursachten ohrenbetäubende Geräusche, wenn Flüssigkeit austrat. Nowak-Vogl bezeichnete das, was diese Kinder erleben mussten, selber „als fürchterlichen Schrecken“. In ihren Augen hatten die Klingelmatratzen diagnostischen Wert, um erkennen zu können, ob die Ursachen des Nässens organischer oder psychischer Art wären. Obwohl die Zustände und ihr Medikamentenmissbrauch mit Epiphysan bereits 1980 bekannt wurden, blieb Nowak-Vogl weitere sieben Jahre lang Leiterin der Kinderpsychiatrie. Bei der Verleihung einer Ehrenprofessur hieß es, dass Nowak-Vogl „fachlich hinter zeitgemäßen Standards zurückliege, aber fleißig und engagiert sei“. Hartmann Hinterhuber (70), ihr Vorgesetzter in den Jahren 1984 bis 1987, schreibt ihre Methoden laut „Tiroler Tageszeitung“ einem „vergangenen Zeitbild“ zu. Er habe sie nie unterstützt. „Aber so weit weg vom damaligen Mainstream dürfte sie nicht gewesen sein.“ Immerhin sei sie 1972 von der geisteswissenschaftlichen Fakultät zur außerordentlichen Professorin ernannt worden. Der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber sieht rund um die Tätigkeit der Innsbrucker Kinder- und Jugendpsychiaterin eine große Forschungslücke klaffen. In ihrer eigenen Dissertation habe sie beschrieben, „wie sie einen fünfjährigen Buben mit Röntgenstrahlen behandelt hat, um seine Wutanfälle in den Griff zu bekommen“. Wie viele Vorarlberger Kinder ihr anvertraut wurden, ist offen. Noch hat die Akten niemand gesichtet.

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