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"Keiner weiß, was jetzt passiert"

Hat sich offenbar vom
Hat sich offenbar vom "Benzinbruder" zum "Wutbürger" und umweltbewussten Menschen entwickelt: Roland Düringer. ©EPA
Als „Wutbürger“ macht der Kabarettist Roland Düringer zurzeit von sich reden: Im VN-Interview ortet er eine tiefe Unzufriedenheit über Wirtschaft und Politik, mahnt zugleich aber auch zu Selbstkritik.

Als „Wutbürger“ hat der Schauspieler und Kabarettist Roland Düringer zuletzt von sich reden gemacht: In der ORF-Sendung „Donnerstalk“ hielt er als Vertreter der Mittelschicht eine emotionsgeladene Rede über „Politmarionetten“, die „gemeinsam mit Banken und Konzernen über das Volk regieren“; und über Medien, von denen man „entweder mit geistigem Müll oder Falschinformationen zugeschissen“ werde. Der Rundumschlag mündete schließlich in einer lauthals vorgetragenen Botschaft: „Wir sind wütend!“ Und er führte dazu, dass das Publikum das immer wieder wiederholte; und zwar stehend, schreiend und applaudierend. Auf YouTube wurde die Rede zu einem Schlager.

Verkehrsregeln einhalten

Im VN-Interview zeichnet der bekannteste Kabarettist des Landes ein düsteres Bild von der Zukunft: Entweder komme es zu einem Crash oder zu einer schleichenden Verarmung. Düringers Alternativvorschlag: „Dem System ein Ei legen.“ So schlägt er vor, zwei Wochen lang alle Verkehrsregeln einzuhalten; dann würden keine Strafen mehr abgeliefert, womit der Staat schließlich ein Problem hätte. Der 48-Jährige würde bei einer solchen Aktion allerdings wohl kaum mitmachen: Von seinen (Benzin-)Autos hat er sich getrennt und zum leidenschaftlichen Fußgänger entwickelt.

Herr Düringer, Ihr Auftritt als „Wutbürger“ im ORF-„Donnerstalk“ hat Wellen geschlagen, im Internet ist das Video mehr als 160.000 Mal abgerufen worden. Sind Sie überrascht über das große Echo?

Ja, das war eigentlich schon eine Überraschung. Ein Freund hat mich nach dem Auftritt angerufen und gefragt: „Weißt Du, was los ist?“ Ich hatte keine Ahnung, weil das für mich ein ganz normaler Fernsehauftritt gewesen ist. Wobei es natürlich schon so gemeint war, wie ich es gesagt habe. Offenbar habe ich damit aber einen Nerv getroffen. Das sieht man auch an den Reaktionen auf Facebook und in diversen Foren.

Die Hacker-Gruppe „Anonymous“ hat angeboten, Sie als Sprecher einer Wutbürgerbewegung zu unterstützen. Steigen Sie darauf ein?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass ich auf ein Thema aufmerksam gemacht habe: Bei den Leuten herrscht Wut, Enttäuschung und Ohnmacht. Es kommt jetzt ja auch einiges zusammen. Man sollte sich jetzt nur überlegen, worauf man eigentlich wütend ist. Und dann sollte man sich die Frage stellen, ob man auf sich selber nicht auch ein bisschen wütend sein sollte. Weil man zu dem, was jetzt alles passiert, ja auch beigetragen hat. Weil man das System in vielen Bereichen unterstützt: Kein Bankangestellter zwingt mich zu einem Kredit; das tue ich freiwillig. Wir sind vielleicht manipuliert worden, aber in das Hamsterrad sind wir selber gegangen. Ohne Gewaltanwendung. Das Schwierige ist jetzt: Wie komme ich da wieder raus? Das wird eine große Aufgabe: Schimpfen über Politiker und Banken bringt uns nicht weiter. Ich glaube, wir müssen dem System Energie entziehen. Das ist eine Utopie, eine Vorstellung, die ich habe.

Sind Sie auf den „Wutbürger“ selber gekommen? Oder haben Sie dazu Anleitung aus Büchern wie „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ genommen?

Dieses Buch von Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan ist ausgezeichnet; das sind zwei Freunde von mir. Wir haben jetzt auch ein Hörbuch daraus gemacht. Es ist mit meinem Auftritt nicht direkt vergleichbar, es handelt sich aber um eine Hilfestellung. Zumal ganz große Hilflosigkeit besteht und keiner weiß, was jetzt passiert.

Sie wollen also wachrütteln?

Ich muss zuerst einmal die Fehler erkennen. Wenn ich wissen will, was Intelligenz ist, muss ich zuerst auch die Dummheit in mir sehen; erst dann kann ich über Intelligenz nachdenken. Das Buch und das, was ich auf der Bühne mache, funktioniert so, dass ich Fehler hervorhebe und ein bisschen karikiere, damit sie offen daliegen. Wenn ich die Schwachstelle erkannt habe, kann ich mir einer Strategie überlegen. Im Buch ist das mit einer Metapher gelöst: Wir betrachten unser Leben als einen Garten, den man pflegen muss und in dem es verschiedene Beete gibt: das Beet des Geldes, das Beet der Liebe, das Beet der Politik. Jedes Beet hat seine Bedeutung. Aber ich muss aufpassen, dass keines zu groß wird. Wir haben jetzt einen Garten, in dem das Beet des Geldes alles überwuchert. Es geht immer ums Geld: Wenn wir mehr Gesundheit wollen, glauben wir, das Gesundheitssystem braucht mehr Geld. Für verschiedene Menschen gibt es keinen einzigen Grund, einen Arbeitsplatz zu betreten, außer, dass sie Geld dafür bekommen. Sie haben keine Freude. Auf der Bühne versuche ich, Auswege aufzuzeigen. Es gibt ja irrsinnig viele Möglichkeiten, dem System ein Ei zu legen. Es reichen ganz einfache Sachen, ganz einfache Handlungen aus, um zeigen zu können: Hey, Freunde, wir spielen nicht mehr mit.

Zum Beispiel?

Wenn sich ganz Österreich vornimmt, 14 Tage lang alle Verkehrsregeln einzuhalten, also nicht mehr zu schnell zu fahren oder falsch zu parken, dann entziehe ich dem System Geld, weil keine Strafen mehr bezahlt werden. Dann sagt das System: „Was ist denn jetzt los?“ Oder wenn wir sagen, okay, heute ist der 15. April, wir machen blau und gehen mit unseren Kindern spazieren; nicht weil ein Feiertag oder ein Nationaler Kinderspaziertag ausgerufen wird, sondern weil wir das sagen. Das ist auch so eine Philosophie, die hinter der „Occupy“-Bewegung steckt: „Wir sind 99 Prozent.“ Wir entscheiden durch die Masse, was geschieht. Es gibt viele Möglichkeiten, vollkommen gewaltfrei zu agieren.

Sie klagen in Ihrer „Wutbürger“-Rede auch die Medien an.

Natürlich, ja.

Wollen Sie unterstellen, dass Medien einfach alles ungefiltert weitergeben?

Medien sind ganz, ganz wichtig. Ich weiß nicht, ob sie nicht schon über der Politik angesiedelt sind. Schauen wir uns die Inseratenaffäre an, wo Abhängigkeitsverhältnisse deutlich geworden sind. Medien sind nicht unabhängig.

Aber es können doch nicht alle in einen Topf geworfen werden? Ist es nicht eine Schwachstelle des „Wutbürgers“, dass sich die Emotion gegen nebulose Gebilde wie etwa die „Finanzwelt“ richtet?

Keiner weiß, was das ist.

Wer ist die Finanzwelt für Sie?

Das gibt es nicht. Und das ist das Problem, vor dem wir jetzt stehen. Zur Zeit der Französischen Revolution war ganz klar, wer der Feind ist. Die Adeligen und die Adjutanten des Königs hat man an ihrer Kleidung erkannt. Wenn wir heute auf die Straße gehen und demonstrieren, müssen wir uns fragen, gegen wen wir eigentlich sind. Das System ist keine Person, die Politik und das Finanzsystem sind ja nichts Greifbares, sondern Gedankenkonstrukte. Das muss man den Leuten sagen. Das Finanzsystem ist ein System mit ganz schwierigen Verflechtungen, an dem wir beteiligt sind; und zwar in der Art und Weise, wie wir mit dem Geld umgehen.

Sie sind Kabarettist, regen zum Denken an, unterhalten, bringen zum Lachen. Fühlen Sie sich missverstanden, wenn man glaubt, Sie könnten eine „Wutbürger“-Bewegung anführen?

Ja, da fühle ich mich schon missverstanden, weil das nicht meine Berufung ist. Meine Berufung ist, was ich mache: die Schauspielerei. Damit bin ich glücklich. Aber ich beschäftige mich damit, was um mich herum passiert. Darum die Utopie, das System selber zerfallen zu lassen. Zumal wir ja nicht wissen, was auf uns zukommt, wenn es so weiterläuft. Es ist möglich, dass es zu einem Finanz- und Wirtschaftscrash mit Unruhen kommt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass es zu einer langsamen Verarmung kommt, Stück für Stück, sodass man es kaum merkt. Ich glaube nur, dass der Schmerz noch nicht groß genug ist. Zwar hat es viele Reaktionen auf den „Wutbürger“ gegeben. Aber das Weihnachtsgeschäft ist gut gelaufen. So richtig schlecht geht es uns also noch nicht.

Offenbar fehlt es aber an politischen Hoffnungsträgern. Faymann und Spindelegger können diese Funktion jedenfalls nicht erfüllen?

Das sind ja Marionetten, das sind Kasperln, die nicht mehr ernst zu nehmen sind. Was ich nur merke, ist: In den Gesichtern dieser Menschen, die sich bemühen, etwas Gescheites zu sagen, ist Angst und Panik, weil sie selber nicht wissen, was los ist. Die stehen vollkommen neben den Schuhen und machen vertrottelte Sachen: Wenn man die Leute zu neuen Sparmaßnahmen zwingt, erzeugt man doch genau die Wirtschaftskrise, die man verhindern möchte.

Wer sind die gefragten Politiker? Strache und Co.?

Wir brauchen jemanden, der sagt: „Freunde, wir haben es verschissen, wir müssen uns wirklich etwas überlegen.“ Beschwichtigen geht nicht mehr. Aber die große Gefahr ist natürlich, dass jetzt ein Radikaler, ein Verführer kommt. Ein Führer an sich wäre ja nichts Schlechtes. Wenn ich auf einen Berg gehe, kann es passieren, dass ich ohne Führer verloren bin. Führer können nur Menschen sein, die außerhalb des Systems stehen: Ein Hamster, der im Hamsterrad läuft, kann den anderen Hamstern nicht erklären, wie man rauskommt. Das kann nur einer tun, der es schon rausgeschafft hat. Wir brauchen also einen Menschen, der Mut macht und sagt, wie es anders geht.

Fast so viel wie das Sparpaket beschäftigt die Politik Fragen wie die Diplomatenpässe…

… das ist doch so unwichtig.

… oder die Rettungsgasse.

Mein Rat dazu lautet: Weniger Auto fahren, damit man keine Rettungsgasse braucht.

Diese Worte überraschen: Sie sind als Autofreak bekannt.

Ich bin bekannt als Autofreak, bin aber kein Autofreak. Was ich schon mag, sind Motorräder; das hat mich schon immer begeistert. Ich hatte einmal ein paar Sportautos, weil ich es mir leisten konnte. Aber das ist lange her, die habe ich alle verkauft. Heute gehe ich viel zu Fuß und mein Alltagsauto ist ein Erdgasauto. Mehr brauche ich nicht.

Und worum wird es in Ihrem nächsten Programm gehen? Werden sie die „Wutbürger“-Rede aufgreifen?

Es wird sich um eine Fortsetzung von „ICH Einleben“, meinem derzeitigen Programm, handeln; im Oktober werde ich damit in Wien Premiere haben. Ich werde mich mit dem „Wir“ auseinandersetzen. Das ist eine logische Fortsetzung: Wenn ich mich als Ego sehe und mit meinem Leben unglücklich bin, dann habe ich die Möglichkeit, mich auf das Wir zu schmeißen und in einer Masse von vielen anderen Unglücklichen unterzutauchen. Das wird wieder ein philosophischer Vortrag; genauso wie der jetzige.

Zur Person

Roland Düringer
Schauspieler und Kabarettist
Geboren: 31. Oktober 1963, Wien
Ausbildung: HTL-Abschluss, Schauspielunterricht.

Laufbahn: Ab 1985 Kabarettprogramme (u. a. „Atompilz von links“, „Benzinbrüder“, „250 ccm – die Viertelliterklasse“, „Hinterholzacht“; zahlreiche Kinofilme („Muttertag“, „Der Überfall“) und TV-Serien (u. a. „MA 2412“)
Familie: verheiratet, eine Tochter

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