In die Heroinsucht und zurück – Eine Vorarlbergerin berichtet

Von Matthias Rauch (VOL.AT)
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Vier Jahre lang führte Andrea ein Doppelleben wegen ihrer Sucht.
Vier Jahre lang führte Andrea ein Doppelleben wegen ihrer Sucht. - © VOL.AT/Rauch (gestellte Szene)
Vorarlberg/Feldkirch – 340 Vorarlberger mit Drogenvergangenheit sind im Substitutionsprogramm der Clean-Beratungsstellen der Stiftung Maria Ebene. Nicht jeder von ihnen entspricht dem Klischee des Heroin-Junkies. Auch Andrea konnte ihre Sucht jahrelang geheim halten.

Problematische Kindheit, Schwierigkeiten in der Familie oder Privatleben, Arbeitslosigkeit – die üblich vermuteten Gründe für eine Drogensucht kann Andrea(*) nicht vorweisen. Dennoch, vier Jahre lang war die 26-jährige Feldkircherin heroinabhängig.

Erste Kontakte im Bekanntenkreis

Hineingerutscht sei sie mit 20 Jahren. Schon davor war sie mit Drogen in Berührung gekommen, Gras und Kokain. Im Bekanntenkreis wurde ihr dann immer wieder Heroin angeboten. “Irgendwann verlierst du die Hemmungen und kommst vielleicht mit den falschen Leuten zusammen”, blickt sie auf die Zeit zurück. Anfangs habe sie noch Nein gesagt zu den Einladungen und Gratisproben. Irgendwann nahm sie es dann doch, zuerst nur am Wochenende, dann auch unter der Woche. “Irgendwann hängst du halt drinnen, wenn sich dein Körper bemerkbar macht, wenn du einmal nichts nimmst.” Dann sei es jedoch schon zu spät.

Vorarlberg: “Egal wo du hingehst, es gibt überall etwas”

Der Zugang zu dem “Zeug”, wie Andrea es nennt, sei in Vorarlberg alles andere als ein Problem. “Bei uns in Vorarlberg kommst du überall zu so Zeug dazu. Es ist egal wo du hingehst, es gibt überall etwas”. Angefangen habe es im Bekanntenkreis, mit der Zeit tauchte sie immer tiefer in die Szene ein. Konsumiert werde der Stoff nicht nur in Privatwohnungen, sondern quasi überall. Wie die meisten in ihrem Bekanntenkreis schnupfte sie das Heroin, einige wenige hätten es sich hin und wieder auch gespritzt.

Parallelwelten entstehen

Im Alltag war von ihrer Drogensucht nichts zu spüren. Die Feldkircherin baute sich eine zweite Welt auf, ging weiterhin zur Arbeit und ließ sich auch äußerlich nicht gehen. Niemand sollte etwas von der Sucht merken, weder Familie noch Arbeitskollegen schöpften damals Verdacht. Dennoch, alles drehte sich um zwei Fragen: “Wo bekomme ich Geld und wo bekomme ich Zeug her.” Andrea schnupfte damals meist ein Gramm pro Tag, brauchte täglich 50 bis 100 Euro für Heroin. Ihre Sucht finanzierte sie mit Schwarzarbeit – und Diebstählen.

Arbeitgeber bringt Lügengebäude zum Einsturz

Dass sie ein Problem hat, war der heute 26-Jährigen offensichtlich. Wenn sie nichts nahm, hatte sie Entzugserscheinungen. Dann war Andrea müde und antriebslos, litt unter Schüttelfrost. “Es geht aber lang, bis du dich überwindest und es dir gegenüber zugibst”, gesteht sie. Vor zwei Jahren kam es dann Schlag auf Schlag. Ihrem Arbeitgeber fiel auf, dass Geld fehlt und stellte Andrea zur Rede. Der Chefin gegenüber gestand sie als erstes ihre Sucht ein. Diese stellte daraufhin den Kontakt zu Clean Feldkirch her.

Haftstrafe oder Therapie

Kaum zwei Wochen dann der nächste Schockmoment: Ihr Lieferant wurde nach monatelanger Beschattung festgenommen, sie als Kundin verhört. “Es war ein Schock für mich, mein Lügenhaus brach zusammen”, blickt sie auf diesen Schlüsselmoment zurück. “Ich war niemals vorbestraft und dann hängst du gleich mit so etwas drinnen.” Der Schock durch die polizeilichen Ermittlungen und der Druck vonseiten des Arbeitgebers zeigten Wirkung: Innerhalb von vier Monaten war Andrea clean und konnte die Drogen-Ersatzstoffe absetzen. Rückfällig wurde sie seitdem nicht mehr. Das Gericht stellte sie dann vor die Wahl: Eine Strafe oder zwei Jahre Therapie. Sie wählte die bereits dank der Chefin begonnene Therapie bei Clean Feldkirch.

“Du stehst mit nichts da”

Neben der Verschreibung von Substitutionsmittel gehören Gespräche, regelmäßige Kontrollen und monatliche Arzttermine zum Therapieprogramm. Auch Familie und Arbeitskollegen werden eingebunden. “Immer wenn du das Gefühl gehabt hast, nun normalisiert es sich wieder, ist wieder was gekommen”, blickt sie auf den Anfang der Behandlung und die damaligen Ermittlungen gegen sie zurück. Am härtesten sei der harte Bruch mit der Vergangenheit gewesen. Sie trennte sich von ihrem Freundeskreis, zog um und wechselte die Handynummer. “Es ist hart, bis du wieder auf den Beinen stehst”, man sei gerade zum Beginn der Therapie auf sich allein gestellt. “Du stehst mit nichts da.”

Rückhalt in Beruf und Familie

Andrea hatte jedoch Glück. Sie konnte ihren Arbeitsplatz behalten und dufte auf die Unterstützung ihrer Arbeitskollegen zählen. Ihre Familie stellte sich ebenfalls hinter sie. “Ich wartete lange, bis ich es meiner Familie sagte.” Nicht zuletzt auf Druck ihrer Chefin packte die Feldkircherin dann aus. Ihr Drogenproblem beichtete sie an einem Sonntag nach dem Essen. Ihre größte Stütze waren jedoch einige Freunde ohne Drogenvergangenheit, die zu ihr standen.

Perspektiven für die Zukunft

Ihre früheren Freunde haben es ihres Wissens nicht so gut. Einer von ihnen ist verstorben, den anderen mangle es an Perspektiven und Arbeit. Beschaffungskriminalität sei ebenfalls weit verbreitet unter ihnen. Andrea selbst hat hingegen Pläne für ihre Zukunft. Sobald sie ihre Therapie abgeschlossen hat, will sie eine größere Reise unternehmen.

Clean und Substitution

Substitution bedeutet, dass Drogenabhängigen eine legale Ersatzdroge vom Arzt verordnet wird. Die Substitutionsbehandlung wird bei schwerer Opiatabhängigkeit (wie zum Beispiel Morphium, Heroin, Codein) eingesetzt. Die Behandlung beginnt mit zwei Vorgesprächen zur Konsumsituation und Vorgeschichte. Ein Arzt verschreibt daraufhin das passende Ersatzmittel. Verpflichtender Teil der Therapie sind außerdem regelmäßige psychosoziale Gespräche in der Beratungsstelle, Harnkontrollen und Kontrolltermine beim Arzt. Ein Beikonsum von Drogen ist strengstens untersagt. 

Auch die Ausgabe der Ersatzstoffe ist streng geregelt. Diese sind täglich in der Apotheke gegen Vorlage eines von der Bezirkshauptmannschaft gegengezeichneten Rezepts zu holen und auch dort einzunehmen. Bei besonders vertrauenswürdigen und arbeiteten Personen kann man auch eine Wochenration ausgeben, die zuhause genommen werden kann.

Zur Zeit befinden sich 70 Klienten im Substitutionsprogramm des Clean Feldkirch, gesamt werden zirka 340 Personen in den Beratungsstellen Bregenz (210 Personen), Bludenz (60 Person) und Feldkirch (70 Personen) betreut. Es ist individuell verschieden, wie lange ein Klient im Substitutionsprogramm bleibt, erklärt Christine Köhlmeier, Leiterin von Clean Feldkirch in Videointerview.

Kontakt

Mit den Clean-Beratungsstellen kann man sich sowohl persönlich wie auch telefonisch oder per Mail in Verbindung setzen. Alle Kontaktdaten und Informationen gibt es unter http://clean.mariaebene.at/.

 

(*) Auf persönlichen Wunsch wurde der Name geändert.

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