Historisches Referendum: Irland sagt Ja zur Homo-Ehe

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Irland schreibt Geschichte: Vor 22 Jahren machten sich Homosexuelle in dem katholischen Land noch strafbar. Jetzt stimmte das Inselvolk im Nordwesten Europas mehrheitlich für die Homo-Ehe.

Erst regnete es am Samstag in Irland, dann schien die Sonne: Regenbogen-Wetter auf der Grünen Insel. Dass die Fahne mit den bunten Farben in Dublin und vielen anderen Städten allgegenwärtig war, lag aber nicht am Wetter.

Homo-Ehe: Irland schreibt mit Referendum Geschichte

Das erzkatholische Irland hat mit einem Referendum zur Zulassung der Ehe homosexueller Paare Geschichte geschrieben. Eine große Mehrheit, 62,1 Prozent der Wähler, stimmten dabei für die entsprechende Verfassungsänderung. 37,9 Prozent sprachen laut dem am Samstag veröffentlichte Endergebnis dagegen aus. Damit führt die kleine Republik im Nordwesten Europas die Neuerung per Volksentscheid als erstes Land ein. “Eine kleine Revolution”, nannte der schwule Gesundheitsminister Leo Varadkar den Ausgang des Referendums. Bisher stand dort homosexuellen Paaren – ähnlich wie in Deutschland – nur die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft offen. Diese bot aber nicht den gleichen verfassungsmäßigen Schutz der Familie.

Homosexualität in Irland bis 1993 strafbar

Die Regierung von Premierminister Enda Kenny hatte sich vehement für die Zulassung der Homo-Ehe eingesetzt. “Das ist ein großer Tag für Irland”, sagte Gesundheitsminister Leo Varadkar. Er hatte erst im Januar seine eigene Homosexualität öffentlich gemacht. “Für mich persönlich ist das nicht nur ein Referendum, sondern eine soziale Revolution.” Bis 1993 waren gleichgeschlechtliche Beziehungen in Irland noch strafbar.

Gegner räumen Niederlage ein

Gegen die Zulassung der Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare hatte sich vor allem die katholische Kirche eingesetzt. Die Organisation Mothers and Fathers Matter, die sich streng gegen die Verfassungsänderung eingesetzt hatte, gab sich geschlagen: “Das Resultat von heute wurde erreicht durch die Regierung, nachdem sie bestimmte Versprechungen hinsichtlich Leihmutterschaft, Adoption und anderen Dingen gemacht hat. Viele Wähler haben das geglaubt, jetzt muss es auch eingehalten werden.”

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Premier Kenny lobt hohe Wahlbeteiligung

Premier Kenny lobte die hohe Wahlbeteiligung. Allein 60 000 Menschen hatten sich eigens für die Abstimmung ins Wahlregister eingetragen. Viele, vor allem junge Menschen, kamen aus dem Ausland in ihre irische Heimat zurück, um von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Katholische Kirche als großer Verlierer

Verlierer des Referendums ist die katholische Kirche. Die Bischöfe haben noch bis zuletzt von den Kanzeln herab traditionelle Familienwerte gepredigt. “Werden wir wirklich die erste Generation in der Menschheitsgeschichte sein, die sagt, dass Mütter und Väter bei der Erziehung von Kindern keine Rolle spielen”, fragte Erzbischof Michael Neary, einer der einflussreichsten Geistlichen in Irland.

Die katholische Kirche hat aber seit Jahren in Irland einen Rechtfertigungskampf zu führen. Spätestens als bekannt wurde, dass Kardinal Erzbischof Sean Brady systematisch Sexualdelikte von Priestern in Kinderheimen verschleiert hat, verlor die Kirche an Glaubwürdigkeit. Als Brady 2010 in einer Predigt – statt um Vergebung zu bitten – die mangelnde Toleranz des Volkes gegenüber sündigen Kirchenvertretern anprangerte – schien der Graben zwischen Kirche und Volk endgültig aufgerissen.

Dass die Regierung des konservativen Premierministers Enda Kenny und des damaligen Außenministers Eamon Gilmore 2011 ihren Botschafter vom Vatikan zurückzog, war ein erster gewichtiger Schritt. Gilmore war es auch, der in den Folgejahren die Verfassungsänderung zur Homo-Ehe massiv vorantrieb. Referenden zur Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare gab es auch schon in Ländern wie Kroatien und der Slowakei – sie scheiterten.

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Volles Eherecht für homosexuelle Paare in 20 Ländern

Nur rund 20 Länder weltweit ermöglichen das volle Eherecht für homosexuelle Paare – Österreich ist bisher nicht dabei. Allerdings gab es zuletzt Neuzugänge, etwa das Nachbarland Slowenien. Dort wurde – im ersten ex-kommunistisches Land – das Eherecht geändert, um allen Paaren offen zu stehen.

Irlands Premier Enda Kenny twitterte am Morgen der Abstimmung ein Bild von seiner Ehefrau und sich selbst und schrieb: “Ich habe mit Ja gestimmt” – vor Jahren noch undenkbar für einen irischen Premierminister. Vor Wochen bereits hatte er demonstrativ ein Schwulen-Lokal besucht. Spätestens am Nachmittag wurde in Irland groß gefeiert.

Irlands strikter Weg in die Moderne

Die Republik im Süden der Grünen Insel ist in den vergangenen Jahren einen strikten Weg in die Moderne gegangen. Vor 22 Jahren hob die Republik ein Gesetz auf, das Homosexualität unter Strafe stellte. Ebenfalls seit 1993 müssen Paare, die ein Kondom benutzen wollen, kein Rezept des Arztes mehr beim Kauf vorlegen. Das totale Abtreibungsverbot ist zumindest ein wenig aufgeweicht.

Sieg für Gleichberechtigung – und direkte Demokratie

Die Regierung, die sich vehement hinter die Verfassungsänderung gestellt hatte, traf den Nerv des Volkes auf den Punkt. Das Referendum zur Homo-Ehe war auch ein Sieg für die direkte Demokratie in Irland. 60.000 Menschen hatten sich eigens für die Abstimmung ins Wählerregister eintragen lassen. Hunderte vor allem junge Leute kamen aus London und sogar aus den USA eingeflogen, um ihre Stimme abzugeben. “Eine ganze Generation ist politisiert worden”, sagte Kommunikationsminister Alex White. (APA/red)

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