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Zuckbrunft

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel ©VOL.AT

Ich habe begonnen, meinen Kopf zu entfernen. Sitze für den Bruchteil einer Sekunde ohne Kopf da. Dann übe ich ohne Körper zu sein, für den Bruchteil einer Sekunde, ohne Körper. Dabei wird mir klar, dass in 50 Jahren alles Leibliche in Teilen zugekauft oder angemietet werden kann. Man kauft dann bei BILLA nicht nur Fleisch, Milch und Kartoffeln, sondern auch Extremitäten und Organe.

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Ich übe am Klavier „Webern op. 27“, was schwer ist. Gleich danach übe ich am Körper, Kopf verschwinden lassen, was auch schwer ist. Es gelingt mir mit zunehmendem Training immer besser. Ich kann sogar beide Teile beobachten. Was macht der eine, was der andere?

Einmal geschah es, dass mein Körper ohne Kopf aufstand, zur Tür ging und klopfte. Ich arbeite im 18. Stock einer Versicherungsfirma, die immer größer wird und verglast ist. So ein Versicherungsriese ist eine Art Kirche mit Glaubensbekenntnis. Die Tür führte in den Gang. Hinter der Bürotür war niemand. Am Ende des blitzsauberen Ganges bewegte sich in ritueller Langsamkeit ein gegenderter Fensterputzroboter. Wie ein Blutsauger heftete er sich ans Fenster und tastete es ab. Dazu sprach er mit heller Knabenstimme das Suscipiat. Schon seltsam, meinte Rudi, als ich ihm das zeigte. Dann wechselte er die Richtung und sang: “Judica me Deus, schaff Recht mir Gott, et discerne causam meam de gente non sancta und führe meinen Streit gegen ein unheiliges Volk, ab homine iniquo et doloroso erue me, von frevelhaften falschen Menschen rette mich.“ Dabei kroch er weiter, von innen her war nur sein Putzbauch zu sehen, er putzte an der Außenscheibe. Schon seltsam, wiederholte Pater Rudi, der Gesundheitsminister.

Als nach dem ersten Klopfen keine Antwort kam, klopfte mein kopfloser Körper abermals.

Mein Kopf performt zum Lederball und wird von der elfjährigen Sofia in Indien Stich für Stich genäht. Er wird ein Fußball für die FIFA. Sofia kriegt für einen Ball 10 Rupien. Schon wenig, meint Pater Rudi.

Jetzt erwartet mein Körper eine Antwort, ein „Herein“ oder „Ja bitte“. Ich frage mich, wie er ohne Ohren hören kann. Aber ich weiß auch, dass mein Pferd Tettigonia viridissima an den Vorderbeinen Ohren hat. Statt einem „Herein“ singt ein riesiger Chor dramatisch „Barabbam!“ im verminderten Akkord von Bachs Matthäuspassion.

Mein Körper tritt in den Gang. Der Kopf ist in Indien und erinnert sich an die Frage des Pilatus: Welchen wollt ihr, dass ich euch freigebe? Jesus oder Barrabas?

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