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Zeit zu gehen

Die Baselworld war einst ein Fixstern innerhalb der Uhrenindustrie – dann kam Corona und der Stern verglühte: Die Messen für das Jahr 2020 und 2021 wurden abgesagt. Wie es dazu kam? Eine Chronologie der Ereignisse.
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Mitte April gaben die fünf Branchenriesen Rolex, Tudor, Chopard, Patek Philippe und Chanel bekannt, der weltgrößten Messe in Zukunft fern zu bleiben. Die Initiative, der Baselworld den Rücken zu kehren, ging von Rolex aus. Als Grund nannte das Unternehmen den Alleingang der MCH Group (Messeleitung), den Termin auf 2021 zu verschieben, ohne die Hersteller in die Terminfindung einzubinden sowie Unstimmigkeiten bezüglich der Kosten. Das Statement von Jean-Frédéric Dufour, CEO von Rolex: „Wir haben seit 1939 an der Baselworld teilgenommen. Leider haben uns die Art und Weise, wie sich die Baselworld weiterentwickelt hat sowie die Entscheidungen, die von der MCH Group getroffen wurden, trotz unserer großen Verbundenheit, die wir zur Uhrenmesse hatten, dazu bewogen, uns zurückzuziehen. Danach haben wir Gespräche aufgenommen, denn es ist naheliegend, ein neues Event mit Partnern aus der Taufe zu heben, die unsere Vision und unsere unerschöpfliche Unterstützung für die Schweizer Uhrenbranche teilen. Das erlaubt uns nun, unsere neuen Uhren unseren Bedürfnissen und Erwartungen entsprechend zu präsentieren, Kräfte zu bündeln und die Interessen der Industrie besser zu vertreten.“

Soll heißen: Rolex steigt mit seiner Schwestermarke Tudor nicht nur aus, sondern initiiert eine Alternativveranstaltung und hat für diese Idee gewichtige Partner gewonnen. Kommendes Jahr wollen die fünf Brands, zusammen mit der Fondation de la Haut Horlogerie (FHH: eine 2005 gegründete Stiftung, die sich der hohen Uhrmacherkunst verschrieben hat), einen eigenen Uhrensalon in Genf veranstalten. Dieser soll zeitgleich mit der bereits bestehenden Watches & Wonders Anfang April 2021 in den Hallen der Genfer Palexpo stattfinden. Die Aussteller der Watches & Wonders kommen überwiegend aus dem Richemont-Konzern mit Marken wie etwa Cartier, IWC, Piaget, Panerai und Jaeger LeCoultre.

Vertrauen ist weg.

Dass die Gründe für den radikalen Exit der „Big Five“ tieferliegend sind, lässt allein das Statement von Patek Philippe Präsident Thierry Stern erahnen, der seinen Rückzug folgendermaßen begründete: „Die Entscheidung, die Baselworld zu verlassen, fiel mir nicht leicht, da ich in vierter Generation der Familie Stern an dieser traditionellen jährlichen Veranstaltung teilnahm. Aber das Leben entwickelt sich ständig weiter, die Dinge ändern sich und auch die Menschen ändern sich, ob auf der Ebene der Verantwortlichen für die Organisation der Uhrenmesse, der Marken oder der Kunden. Wir müssen uns ständig anpassen, uns fragen, was wir tun, denn was gestern richtig war, muss heute nicht unbedingt gültig sein! Heute entspricht Patek Philippe nicht mehr der Vision der Baselworld, es gab zu viele Diskussionen und ungelöste Probleme, Vertrauen ist nicht mehr vorhanden. Wir müssen auf die legitimen Bedürfnisse unserer Einzelhändler, Kunden und der Presse aus der ganzen Welt eingehen. Sie müssen in der Lage sein, die neuen Modelle von Schweizer Uhrmachern jedes Jahr zu einem Zeitpunkt an einem Ort zu entdecken und dies auf die professionellste Art und Weise. Aus diesem Grund haben wir uns nach mehreren Gesprächen mit Rolex und im Einvernehmen mit anderen teilnehmenden Marken entschlossen, gemeinsam eine einzigartige Veranstaltung in Genf zu schaffen, die für unser Savoir-faire repräsentativ ist.“ Ein vornehmes Statement, denn in Wahrheit brodelte es bereits länger im Hintergrund. Viele Aussteller waren schon seit Jahren mit der Messeleitung unzufrieden und warfen ihr unter anderem Gier und Arroganz vor.

Karl-Friedrich Scheufele, Co-Präsident erklärt: „Chopard stellte 1964 erstmals an der Basler Messe auf einer Fläche von rund 25 m2 aus. Nach reiflicher Überlegung und nicht ohne Bedauern hat sich unsere Familie dazu entschlossen, sich der Initiative von Rolex anzuschließen und die Baselworld zu verlassen. Die Schaffung eines neuen Uhrensalons in Genf, parallel zu Watches & Wonders, wird uns erlauben, unsere Geschäftspartner und Kunden besser zu bedienen. Durch die vereinten Kräfte mehrerer bedeutender Maisons können wir die Werte und Interessen der Schweizer Uhrenindustrie nun auch besser verteidigen.“

Die gesamte Swatch Group mit ihren großen Marken wie etwa Omega, Longines und Tissot hatte sich bereits 2019 von der Baselworld verabschiedet, um mit der Time to Move 2019 erstmals eine komplett konzerninterne, eigene Veranstaltung zu organisieren – eine Art Vorreiterrolle und zugleich Indiz, dass die Veranstaltung langsam aber sicher an Bedeutung verlor. Weitere wichtige Brands wie etwa Breitling folgten und läuteten ganz klar eine Trendwende ein, ohne dass die Messeleitung entsprechende Maßnahmen ergriff, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

Streit um Kosten.

Marken wie Rolex und Patek Philippe hielten die Stellung, zumindest bis die Messeorganisatoren die Aussteller per Mail über die finanziellen Folgen der verschobenen Baselworld informierten. Laut eines Berichts der Schweizer Handelszeitung sollten 85 % der bereits bezahlten Gelder auf das Jahr 2021 angerechnet werden. Die restlichen 15 % wollte die MCH Group einbehalten. Die zweite Option sah eine Rückzahlung von 30 % vor, wobei 40 % auf die Baselworld 2021 und 30 % auf die Messeleitung entfallen würden. Den Ausstellern wurde bis Ende April Zeit gegeben, sich für eine Variante zu entscheiden. Ansonsten, so drohten die Initiatoren der Baselworld, werde ein gewisser Teil für die Vorbereitung der Messe 2020 in Rechnung gestellt werden. Die Gemüter kochten hoch, doch Messe-Chef Michel Loris-Melikoff blieb hart: „Es ist nicht Aufgabe der Baselworld, Firmen zu sanieren.“

Der Rest ist Geschichte: Die Big Five – allesamt familiengeführte Unternehmen, die es sich leisten können, schnell eigene Entscheidungen zu treffen – gaben ihren Ausstieg bekannt. Die Reaktion der MCH Group auf diese Entscheidung war dementsprechend verstimmt: So wurden dem Luxushersteller Rolex in einer Presseaussendung vom 14. April 2020 „vorgeschobene Gründe“ und eine Planung „von langer Hand“ vorgeworfen. Dort ist zu lesen: „Die Unternehmen, die jetzt nach Genf migrieren wollen – einschließlich Rolex –, sprachen sich für eine Verschiebung auf Jänner 2021 aus. Sie sind auch im Ausstellerkomitee vertreten, wo die Zukunftsvision der Baselworld mehrfach diskutiert wurde und eine positive Resonanz gefunden hat, wie auch unzählige Einzeldiskussionen belegen. Die Absicht, nach Genf zu ziehen, wurde nie erwähnt. Die MCH-Gruppe muss daher zu dem Schluss kommen, dass die entsprechenden Pläne seit einiger Zeit in Vorbereitung sind und dass die Diskussionen über die finanziellen Regelungen für die Aufhebung der Baselworld 2020 nur als Argument vorgebracht werden.“

Halle 1 leer.

Für weitere Brands war die Situation ebenfalls untragbar geworden: Nur drei Tage nach diesem Statement der Messeleitung folgte am 17. April 2020 die LVMH-Gruppe mit ihren Marken Tag Heuer, Bulgari, Hublot und Zenith dem Beispiel von Rolex & Co. Ein Paukenschlag, der die prestigeträchtige Messehalle 1 mit einem Federstrich beinahe leerfegte. Damit war die letzte finanzielle Stütze weggebrochen und die MCH Group verkündete letztlich die Entscheidung, die Baselworld auch 2021 nicht durchzuführen. Diesen Sommer wurde dann mit „HourUniverse – it’s we time“ das Folgeformat bekannt gegeben: Im Rahmen dieses B2B-Treffpunkts sollen „die Kunden der Marken und Aussteller im Mittelpunkt stehen und die Reihenfolge der Vergangenheit umgekehrt“ werden. Die gesamte Plattform sei um sie herum konzipiert und gestaltet, ließ MCH verkünden. Ein zeitgemäßes, integratives alljährliches Live-Event im April 2021 in Basel ist der „physische Treffpunkt der Community“.

Die Messeleitung gibt sich somit kämpferisch. Dennoch wird man in Basel, ohne die großen zugkräftigen Brands, in Zukunft kleinere Brötchen backen müssen. Dies betrifft nicht nur die Initiatoren der Messe, auch viele andere Wirtschaftszweige dürften die Auswirkungen in Form von erheblichen Umsatzeinbußen spüren. Dazu zählen vor allem die Hotellerie und Gastronomie, das Transportgewerbe sowie zahlreiche Lieferanten und Handwerker vor Ort. Die Stadt Genf dürfte sich dagegen über die neuesten Entwicklungen freuen. Wie heißt es doch so schön: Nach der Messe ist vor der Messe! Egal, ob Basel oder Genf – Hauptsache Schweiz.

Neues Konzept


Die Baselworld war die Welt-Messe der Uhren- und Schmuckindustrie, die jährlich im Frühling in Basel stattfand. Hersteller aus den Bereichen Uhren, Schmuck, Edelsteine und verwandten Branchen stellten hier ihre Neuheiten aus. Nachdem die Baselworld zu Ende ging, haben die Teams der MCH ihr Fachwissen sowie die Feedbacks von Kunden, Käufern und Besuchern in ein neues Plattformkonzept einfließen lassen: HourUniverse.

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