"Wirtschaftsweise" senken Konjunkturprognose für Deutschland

Die Experten rechnen erst 2022 mit einem deutlichem Aufschwung
Die Experten rechnen erst 2022 mit einem deutlichem Aufschwung ©APA (dpa/Symbolbild)
Trotz Risiken wie Coronawelle, Lieferengpässe oder Inflation rechnen die Wirtschaftsweisen im kommenden Jahr mit einer deutlichen Konjunkturerholung in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll dann um 4,6 Prozent wachsen und im ersten Quartal das vor Ausbruch der Pandemie erreichte Niveau wieder erreichen, heißt es in dem am Mittwoch in Berlin vorgestellten Jahresgutachten für die deutsche Regierung.

Bisher war der Sachverständigenrat nur von einem Plus von 4,0 Prozent ausgegangen. Für das zu Ende gehende Jahr senkte er jedoch seine Prognose von 3,1 auf 2,7 Prozent, da Lieferengpässe derzeit vor allem die Industrie ausbremsen.

"Die Unsicherheit über die kommende wirtschaftliche Entwicklung ist hoch", räumte der Sachverständige Volker Wieland ein, der gemeinsam mit Veronika Grimm, Monika Schnitzer und Achim Truger dem Rat angehört. Erneute gesundheitspolitische Einschränkungen oder länger anhaltende Lieferengpässe könnten die Erholung stärker belasten. Die Einführung deutschlandweiter 2G-Regeln angesichts der Rekord-Neuinfektionen dürften der Konjunktur nicht schaden. Sie könnten das Wachstum sogar beschleunigen, sagte Wieland. Dies zeige die Erfahrung in anderen Ländern, wo im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus eine 2G-Regelung eingeführt und mehr geimpft wurde. Restaurants, Fitnessstudios, Museen und ähnliche Orte sind dort für Ungeimpfte tabu, nur Geimpfte und Genesene (2G) werden hineingelassen. "Ich würde schon sagen, dass das ja sogar das Wachstum beschleunigen kann", sagte Wieland.

Der Rat überreichte sein Jahresgutachten mit dem Titel "Transformation gestalten: Bildung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit" an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierung. Das Gutachten komme zum richtigen Zeitpunkt, um noch "Inspiration" für die Ampel-Verhandlungen zu geben, sagte Merkel bei der Entgegennahme. Sie begrüße die Schwerpunktsetzung sehr. Deutschland müsse aufpassen, bei der umfassendsten Transformation der Wirtschaft seit der Industrialisierung die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. "Sie sind bei der Wachstumsprognose etwas optimistischer als die Regierung, das freut uns sehr", fügte sie hinzu. Nun komme es aber darauf an, dass man die Erwartung auch in reales Wachstum umsetzen könne. "Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, die Pandemie vernünftig in den Griff zu bekommen", sagte die scheidende Kanzlerin.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) forderte die Politik auf, pandemiebedingten Einschränkungen des Wachstums zu beseitigen - etwa durch eine weitere Impfkampagne und eine 3G-Regel (Genesen, Geimpft oder Getestet) am Arbeitsplatz. "Die Politik muss alles daran setzen, dass die Impfzahlen weiter steigen und Auffrischungsimpfungen systematisch durchgeführt werden", forderte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. "Es darf nicht sein, dass eine kleine Gruppe von Impfverweigerern eine ganze Gesellschaft mit mehrheitlich Geimpften lähmt."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte zusätzliche Gelder, um den milliardenschweren kommunalen Investitionsstau aufzulösen und den Strukturwandel sozial verträglich gestalten zu können. "Nur so lässt sich der soziale Zusammenhalt bewahren", sagte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Bei der Inflation, die derzeit mit 4,5 Prozent auf dem höchsten Wert seit Ende 1993 liegt, erwarten die Wirtschaftsweisen nur allmählich Entspannung. Die Jahresteuerung dürfte von heuer durchschnittlich 3,1 Prozent auf 2,6 Prozent im nächsten Jahr sinken. Die Ökonomen warnen jedoch: "Länger anhaltende angebotsseitige Engpässe, höhere Lohnabschlüsse und steigende Energiepreise stellen Risiken dar." Dadurch könnten eigentlich vorübergehende Preistreiber zu dauerhaft höheren Inflationsraten führen.

(APA/Reuters)

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