AA

"Wir wollen nicht polarisieren"

Die Migrantenliste wird nicht zur Landtagswahl antreten. NBZ-Chef Dincer spricht im "VN"-Interview über die Gründe. Grüne: "Kluge Entscheidung" | FPÖ: "Einseitiges Interesse"

VN: Das NBZ hat sich dazu entschlossen, bei der Landtagswahl nicht zu kandidieren. Warum?

Dincer: Wir sind zum Entschluss gekommen, dass die Mehrheitsbevölkerung für eine Landtagsliste, bestehend überwiegend aus Menschen mit Migrationshintergrund, noch nicht bereit ist. Ich glaube, dazu benötigt es noch einige Jahre.

 

VN: Die personelle Ausstattung des NBZ war also kein Grund für diese Entscheidung?

Dincer: Nein, überhaupt nicht. Wir sind sehr gut aufgestellt. Der Punkt ist vielmehr, dass ein Antreten kontraproduktiv wäre. Alle anderen Parteien hätte uns als „Türken-Partei” abgestempelt. Dabei wird leider vergessen, dass wir Vorarlberger sind und Ja zu diesem Land gesagt haben.

 

VN: Inwiefern spielten die massiven Proteste der FPÖ eine Rolle?

Dincer: Eine sehr zentrale. In allen Gesprächen die wir über die vergangenen Wochen geführt haben, haben wir die Vor- und Nachteile abgewogen. Mit einem Ergebnis: Wir wollen nicht polarisieren. Wir hatten das Gefühl, dass noch mehr Parteien auf den FPÖ-Zug aufgesprungen wären und einen Ausländerwahlkampf geführt hätten. Gerade in Zeiten wie diesen sollten sich Parteien um andere Themen kümmern. Oder anders gesagt: Wir wollten nicht Mittel zum Zweck sein. Das hätte dazu geführt, dass unsere Liste mehr entzweit hätte denn Ankünpfungspunkte für ein besseres Zusammenkommen zu finden.

 

VN: Nach der Ankündigung einer möglichen Kandidatur des NBZ ernteten Sie viel Kritik. Gab es Gespräche mit anderen Parteichefs?

Dincer: Nein, die gab es nicht. Die Parteien haben uns deutlich über die Medien ausgerichtet, dass sie eine Kandidatur des NBZ nicht wollen. Das traurige daran ist, dass sie sich selber eine Chance verbauen und in der Integrationsfrage nicht ehrlich agieren. Sie hätten Migranten auf ihrer Liste eine Chance geben sollen, dann hätte sich diese Frage gar nie gestellt. Auch bei den Grünen ist eine Migrantin erst an fünfter Stelle gereiht. Es ist aber noch ungewiss, ob sie dieses fünfte Mandat holen werden. Und dann hört man von allen Parteien, dass die Türen für Migranten offen stünden.

 

VN: Ihre Liste hat bei den vergangenen AK-Wahlen über sechs Prozent der Stimmen bekommen. Ein entsprechendes Wählerpotenzial ist also vorhanden.

Dincer: Ich bin persönlich der Überzeugung, dass wir bei der Landtagswahl noch mehr Stimmen für uns verbucht hätten. Das Potenzial ist ein viel größeres als bei der Arbeiterkammerwahl.

 

VN: Rein parteistrategisch lässt sich die Absage einer Landtagskandidatur also nicht erklären.

Dincer: Nein, wir hätten reale Chancen gehabt. Es ist wie ich gesagt habe: Es wäre noch mehr Angst vor Fremden aufgebaut worden und Migranten wären noch stärker in die Isolation getrieben worden.

 

VN: Sie wollen jetzt Parteien unterstützen, die „Partizipations- und Integrationsbemühungen” von Migranten einbringen.

Dincer: Ja. Und zwar jene, die das wirklich ernsthaft machen.

 

VN: Zum Beispiel?

Dincer: Momentan sehe ich bei keiner im Landtag vertretenen Partei solche Bestrebungen.

 

VN: Und was heißt diese Entscheidung letztlich für die Zukunft des NBZ?

Dincer: Wir werden uns in Zukunft bemühen, dass in allen Gremien politische Partizipation von Migranten gelebt wird. Neben der deutschen Sprache ist das eines der zentralen Elemente für einen erfolgreichen Integrationsprozess.

 

VN: Wie sieht es mit Ihrer politischen Zukunft aus?

Dincer: Für den politischen Ruhestand bin ich noch zu jung (lacht). Politisch aktiv zu sein heißt ja nicht zwangsläufig nur, im Landtag vertreten zu sein.

 

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • "Wir wollen nicht polarisieren"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen