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Der Winzer bei seinem Lieblingsprojekt "Tiefenrausch"
Der Winzer bei seinem Lieblingsprojekt "Tiefenrausch" ©Heurigen_Möth_Winzer_Sepp_Möth_Bregenz_Foto_Christian Schramm

„Wir könnten eine neue Ära der Weinreifung eingeleitet haben“

Winzer Sepp Möth verrät im VOL.AT-Gespräch den aktuellen Stand der Dinge bei seinem Projekt Tiefenrausch, welches Ergebnis er sich bei seinem Bodensee-Weinexperiment erwartet und wie er auf die Idee kam. Der Bregenzer Winzer spielt zudem mit dem Gedanken, seine Weine künftig in Vorarlberger Seen reifen zu lassen.
Möth: Weinfässer im Bodensee
Tiefenrausch: Winzer erregt Aufmerksamkeit
Möth versenkt Weinfässer im Bodensee
Wein wird im Bodensee versenkt

Sepp, dein Projekt Tiefenrausch sorgt im Mai für viel Aufsehen. In den letzten Wochen wurde es wieder etwas ruhiger um dich und das Projekt. Erzähl bitte unseren Lesern: Was ist der aktuelle Stand der Dinge beim Tiefenrausch?

Wir sind vorletzte Woche runtergegangen und haben den ersten Kontrolltauchgang nach der Versenkung gemacht. Die Fässer aufzustöbern war ein Kunstakt unseres Tauchteams. Sichtweite 50cm und weniger. Es gibt Schöneres, als ohne Orientierung auf knapp 60m Tiefe mit begrenztem Luftvorrat seinem „Hobby“ zu frönen. Ein Tauchgang der Extreme. Wir haben den Tauchgang letztlich aber erfolgreich durchgeführt. Die Fässer stehen wie eine Eins auf Position. Nebenbei gesagt: Nur das engste Team weiß, wo der Wein wirklich liegt.

Was war der Zweck des Kontroll-Tauchgangs?

Wir haben beim Tauchgang geschaut, ist das Fass noch so wie es war? Wir hatten den ganzen Mai hindurch jede Menge Starkniederschläge. Wir waren demnach gespannt, wie viel Sedimentseinfluss wir bei den Fässern vorfinden. Was uns erstaunte, war der extreme Sedimentseinschub der Zuflüsse. Zudem haben wir beim Tauchgang den Quaggamuschelbesatz untersucht – wie rasch findet dieser statt? (Anm. aus dem Mittelmeer eingeschleppte Muschel mit einer hohen Populationsrate, sie verdrängt die endemischen Arten). Die Muschel hat zwar keinen Einfluss auf die Fässer, aber es geht darum, welchen Einfluss diese auf das heimische Bodenseegewässer hat. Es ist quasi ein Nebenversuch, den wir mitdokumentieren. Wir untersuchen konkret, wie hoch die Populationsrate der Quaggamuschel in dem Zeitraum ausfällt, in dem wir die Fässer unten haben. Das erste Ergebnis: Quaggamuschel-Befall bzw. Veralgung sind gleich null.

Foto: Christian Schramm Photography - Heurigen Möth - Winzer Sepp Möth

Was genau wird von dir in deinem Tiefenrausch-Experiment untersucht?

Es kursieren immer Gerüchte, dass das Fass nicht unter Druck stehen würde. Das Fass steht aber auf 6,5 bar unter Druck. Das ist eine Auswirkung, die vorher keiner in einem Versuch schon mal gemacht hat. Der zweite Punkt im Experiment ist der Einfluss der Tiefe von ca. 60 Metern auf die Weinreifung. Der Dritte: Wein besteht zu 75 bis 80 Prozent aus Wasser. Wie schaut es aus, wenn der Wein den Naturgewalten in seinem angestammten und natürlichen Habitat ausgesetzt ist? Wir fühlen uns alle wohl im Wasser, warum soll es beim Wein nicht auch so sein.

Welche Weinsorten liegen da genau auf dem Grund des Bodensees?

Mir ist beim Versenken echt mulmig geworden am Bauch, denn wir haben zwei absolute Topweine genommen. Und zwar einmal Chardonnay. Und der zweite ist ein Rotwein-Cuvee. Ich sage das mit Schmunzeln, ich hatte mir damals gedacht: Sepp, was tust du dir an!? Wir versenken zwei absolute Topweine. Ich bin hier volles Risiko gegangen.

Wie lange werden die Fässer noch im See liegen?

Der Weiße bis Oktober 2019 und der Rote bis 2020 – der Rote braucht immer etwas länger, bis er gereift ist.

Was könnten die finalen Ergebnisse sein? Was könnte sich beim Weingeschmack verändern? Kann der Wein zum Beispiel herber oder süßer schmecken?

Wir haben vielfältige Erwartungen. Geschmacklich lässt sich leider noch nichts sagen. Aber bei 4 Grad Celsius fällt Weinstein aus. Es wird also sicherlich eine Säurereduktion beim Wein geben. Das heißt, der Wein wird am Gaumen dementsprechend breiter und weicher.

Was wäre das Beste, was passieren könnte?

Ich sag´s frech heraus. Die Praxis überholt oft die Theorie. Wenn alles klappt, besteht eine Möglichkeit, dass wir eine neue Ära der Weinreifung eingeleitet haben, einen Akt völliger Pionierhaftigkeit.

Und wenn nicht?

Wenn sich keine signifikanten Veränderungen einstellen, dann können wir sagen: Okay, wir haben es probiert und wir haben Pionierarbeit geleistet.

Wie würdest du es persönlich auffassen, sollte das Ergebnis negativ sein?

Wir gehen immer davon aus, dass der Wein mindestens die gleiche Qualität hat, wie wir sie runtergegeben haben. Dass es sich negativ verändert, davon gehen wir gar nicht aus. Ein Worst Case Scenario mit vielleicht etwas Bauchweh wäre, dass ein Fass undicht wird, dass es mit Seewasser ordentlich kontaminiert wird. Das finanzielle Szenario wäre dann ein Desaster. Das muss man schon sagen. Hoffentlich können wir, wenn wir den Wein raufholen, sagen: „Jawohl, das ist geile Qualität!“

Gibt es die Edition „Tiefenrausch-Wein“ dann bei dir zu kaufen?

Das ist alles noch offen. Derzeit überlegen wir noch, wie wir den Wein auf den Markt bringen. Wir sind aber gleichzeitig auch der Meinung, dass der Wein vielleicht nicht käuflich erwerbbar sein sollte. Es ist so eine emotionsbehaftete Geschichte. Nur die ersten 100 Flaschen haben wir im Vorfeld schon jetzt fix verkauft. In Summe liegen zwei Fässer mit je 1.000 Liter Wein zum Reifen da unten. Das sind pro Fass 1.333 Flaschen Wein á 0,75 Liter – minus Schwund beim Filtrieren und Flaschen fürs Team. 

Foto: Christian Schramm Photography - Heurigen Möth - Winzer Sepp Möth

Kann es sein, dass in Zukunft Weine im Wasser und großen Gebinden reifen?

Das ist nicht abwegig. Erstens ist es viel besser, wenn die Weine in Großgebinden liegen und nicht nur in kleinen Flaschen. Zweitens müssen wir nur tief genug gehen sowie eine konstante Wassertemperatur bei niedriger Temperatur haben. Im Bodensee wird es aber nicht passieren. Mein Tiefenrausch-Projekt wurde als einmaliger wissenschaftlicher Versuch im Bodensee genehmigt. Das wird es so nicht mehr geben, da der Bodensee nicht zur Kommerzialisierungszwecken herangezogen werden darf.

In welchen Seen könntest du dann deine Weine reifen lassen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wir haben genug Möglichkeiten in unseren Seen rundherum. Illwerke Stausee, Silvretta, Lüner, Baggerseen – wir müssen nur eine gleichbleibende Wassertemperatur bis maximal 12 Grad haben sowie mindestens 40 Meter Tiefe. Beispielsweise tut es im Meer dem Wein nicht gut, wenn die Temperatur auf 30 Grad hoch geht. Da bekommt er bei diesen Verhältnissen einen untypischen Alterston. Das ist natürlich nicht zielführend.

Wie bist du eigentlich seinerzeit auf die Projektidee gekommen?

Wir sind auf das Projekt gestoßen, weil man immer wieder Flaschen in Schiffsrümpfen, in Schiffsbäuchen gefunden hat - und denen eine außergewöhnliche Qualität nachgesagt wird. Warum das so ist, können wir alle nicht sagen - weil es keine wissenschaftliche Studie dahinter gibt. Ob die jetzt von Meerjungfrauen geküsst wurden (grinst). Deswegen habe ich als Winzer gesagt: Ich mache hier einen Großversuch. Das ist der Grund, warum wir das machen.

Foto: Christian Schramm Photography - Heurigen Möth - Winzer Sepp Möth

Deine Kritiker behaupten, das Ganze ist eine reine Marketingaktion. Was entgegnest du diesen Leuten, die sagen Tiefenrausch sei nur ein Marketinggag?

Ein Gag ist ein Witz. Wenn das wirklich Marketing wäre, wäre es ein Geniestreich. Und wenn man mich anschaut, bin ich weit von einem Genie entfernt. Ich habe eine bodenständige Ausbildung. Ich bin ein Bauer. Ich bin ein Winzer. Mehr habe ich nicht vorzuweisen. Wenn wir die Medien so stark aufwirbeln konnten, das wäre dann …. Es geht rein ums Abenteuer. Also Marketinggag lasse ich nicht gelten. Ich sehe uns nicht als Witz an.

Wie schaut der finanzielle Nutzen durch Tiefenrausch aus? Hast du seitdem mehr Gäste?

Die Nachfrage nach unseren Produkten ist merklich angestiegen. Es steckt jetzt eine gewisse Geschichte hinter dem Weingut Möth. Wir merken den hohen Zuspruch beim Heurigen. Auch durch Fragen wie: „Sind Sie das?“ Ich hatte während der Zeit auch zwei Anrufe von Google, die fragten, was los bei uns ist. Wir haben beim Versenken der Fässer offenbar eine extrem starke Besucher-Frequenz auf unserer Webseite ausgelöst.

Was hat das gesamte Projekt in Summe gekostet?

Wir reden über keine Finanzen, weil wir Tiefenrausch als Private finanziert haben. Wir haben versucht, Förderungen zu bekommen, aber es gibt keine Förderungen dafür. Die Finanzierung bewegt sich im fünfstelligen Bereich. Gott sei Dank hat ein 25-köpfiges Team das Projekt ehrenamtlich mitgetragen. Eigentlich sollte es eine Aufgabe eines Betriebes mit Weltruhm sein, so ein Projekt durchzuführen. Wir sind ein Kleinstweingut, das hier eine neue Benchmark setzt.

Es hat ja schon recht ähnliche Versuche von großen Weinherstellern gegeben, weißt du, was bei denen herausgekommen ist?

In dieser Art und Weise hat es das noch nicht gegeben. Das haben wir recherchiert. Es gibt Unkenrufe, die die Weinboje im Neusiedler mit uns vergleichen. Wir haben hier aber zwei völlig unterschiedliche Projekte: Das Erste ist: Eine Boje schwimmt obenauf und ist den kompletten Temperaturschwankungen ausgesetzt. Das Zweite ist: Der Steppensee Neusiedlersee hat eine Maximaltiefe von 2,20m. Wir haben ganz andere physikalische Voraussetzungen. Der Vergleich ist einfach nicht zulässig. Es gibt darüber hinaus einen Winzer in Frankreich, der versenkt seine kleinen Holzfässer mit 30 bis 50 Liter in Austernbänken. Der lässt seine Fässer mit Salzwasser kontaminieren. Das Ergebnis ist, dass der Wein salzig schmeckt.

Gibt es auch ein großes Erfolgserlebnis?

Nein, bis jetzt noch nicht.

Aber wenn es bislang nur Misserfolge geben hat, warum glaubst du, dass es bei dir anders sein wird?

Weil wir einen komplett neuen Weg gehen mit dem Großgebinde, auf Kontinuität setzen und nicht volles Kontaminationsrisiko gehen. Wir haben außerdem viele wissenschaftlich fundierte physikalische Vorbereitungen getroffen. Ich habe für die Umsetzung von Tiefenrausch sogar Leute gefragt, die früher an Atombomben rumgeschraubt haben. Andere machen es aus Gründen der Vermarktung heraus. Wir sind die einzigen, die das wissenschaftlich begleiten lassen. Jeder glaubt immer, so ein Fassl da unten zu versenken, ist eine Lappalie. Es waren aber zwei Monate, wo ich nicht geschlafen habe, bis wir das hergebracht haben.

Hat sich aus der Politik jemand bei dir gemeldet und sich für die international vielbeachtete Aktion bei dir bedankt?

Der Landeshauptmann hat sich bedankt. Es gab auch einige Unternehmer und Fachleute, die mir Respekt gezollt haben und gesagt haben „Wahnsinnsaktion“. Um halbacht in der Früh sind einmal drei Pensionistinnen mit 65 bis 68 Jahren auf mein Auto zugestürmt kommen. „Sind Sie der Herr Möth?“ Ich sagte: „Ja, was kann ich für Sie tun?“ „Versenken Sie da die Fässer? Wir gratulieren Ihnen. Das war eine super Idee.“

Hast du eventuell schon eine ähnliche Aktion wie den Tiefenrausch geplant?

Nein, gar nichts.

Das Interview führte Daniel Hoffmann

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