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"Wir interessieren keinen"

Die kleine Ortschaft Benken unweit von Schaffhausen ist zum Synonym für eine hochradioaktive Müllkippe geworden. Dabei liegt die 1,6 Quadratkilometer große Fläche im Dörfchen daneben, in Rudolfingen.

Aber in Benken wurde die Geologie untersucht, die Bohrstelle ist umgeben von Bioabfallhaufen. Daniel Strasser, 15, radelt gerade von der Schule nachhause. „Meine Familie lebt seit vielen Generationen in Benken, wir betreiben Weinbau. Ich bin komplett gegen das Endlager, wir können es aber rechtlich nicht verhindern. Die Schweiz hat so viele Kernkraftwerke, die diesen Müll produzieren. Man sollte das Zeug auf den Mars schießen. Aber wenn hier wirklich gebaut wird, dann gehe ich demonstrieren.“

Lockruf des Geldes?

Käthi Furrer ist Kantonsrätin der Sozialdemokraten und Sprecherin der Atomgegner-Plattform KLAR! Schweiz. Wie die Grundstimmung in der Gegend ist? „Ein Drittel ist sicher dagegen, ein weiteres Drittel wartet ab, was auf uns zukommt und der Rest ist dafür. Ich vermute, dass sie hohe Entschädigungszahlungen erwarten.“ 600 Meter unter der Erde liegt das Sedimentgestein Opalinuston. Nachdem die Atomwirtschaft im Urgestein und am Widerstand im Kanton Nidwalden gescheitert ist, wurde Opalinuston zum Gebiet höchster Priorität erklärt. Bombensicher. „Wer kann für 100.000 Jahre die Verantwortung übernehmen?“, fragt sich die Lehrerin Käthi. Was sie aber am meisten ärgert. Im Atomenergiebereich gibt es keinen Volksentscheid mehr. „Wir stimmen über jedes Trottoir ab, aber über diese Überlebensfragen nicht.“

„Unter meinem Bett“

Martin Ott ist ein Bauer wie aus dem Bilderbuch, oder doch nicht? Er kommt mit dem Elektromobil zum Bioabfallplatz. Mit Atomstrom getankt? „Wo denkst du hin! Ich habe mein eigenes Sonnenkraftwerk.“ Ott ist der größte Biobauer in der Eidgenossenschaft, seine Flächen liegen nur zwei Kilometer vom vorgeschlagenen Standort entfernt: „Es wäre unanständig, wenn ich mich nicht wehren würde. Seit sieben Jahren baue ich ein Zentrum für biologisches Saatgut auf, habe 70 Mitarbeiter, dem Betrieb geht’s gut.“ Kein Gutachter könne heute sagen, was in einer Million Jahren sein wird. „Ich bin bereit, den Atommüll 50 Jahre lang unter meinem Bett zu lagern, will das Problem nicht einfach abschieben. Aber dann schauen wir, was die Gutachter sich einfallen lassen“ Er wehre sich gegen diese Arroganz: „Da wird in unerhörter Weise gegen demokratische Regeln verstoßen, es wird gemauschelt und die Bevölkerung belogen. So geht man mit den Menschen und der Natur nicht um.

„Was macht denn Ihr?“

Rolf Schenk ist Gemeindepräsident von Rudolfingen und Sprecher für drei kleine Dörfer. Er begleitet die „VN“ in die Weinberge, von wo aus man das Gelände überblicken kann. „Der Kanton hat kein Vetorecht mehr. Es wird alles in Bern und Brüssel entschieden. Von den Politikern, auch aus Österreich, war nie einer hier, um sich vor Ort ein Bild von unserer Betroffenheit zu machen. Österreich importiert immerhin 20 Prozent Atomstrom. Also müsstet ihr lieben Nachbarn euch um die Entsorgung des entsprechenden Anteils von hochradioaktivem Müll kümmern. Man munkelt hier, dass das Material aus Österreich auch nach Rudolfingen gebracht werden soll. Die Bevölkerung hier hat einfach Angst vor dem Imageverlust und dass wir unsere bäuerlichen Produkte nicht mehr verkaufen können.“

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