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"Wir freuen uns über jedes Lächeln"

Wangen - Als die Tür zu seinem Krankenhauszimmer aufgeht, lacht Robert schon über das ganze Gesicht. Heute kommt ihn seine Mutter Simona besuchen, die vertraute Stimme löst Begeisterung bei ihm aus, er lacht lauthals.

“Sprechen kann er leider nicht, nur einzelne Worte, die aber sehr schwer zu verstehen sind”, sagt Simona Bergelt.

Alles neu lernen

Robert sitzt in seinem Spezialrollstuhl und lässt sich von seiner Mutter herzen, jeder Besuch befreit ihn aus der Alltäglichkeit des Klinikablaufs. „Er freut sich immer, wenn jemand kommt, die Familie oder ehemalige Kollegen von der VKW-Lehrwerkstätte“, erzählt seine Mutter, während sie Robert etwas zu trinken gibt.

Der brutale Angriff der beiden Vorarlberger Skins ist jetzt ein Jahr her, nur langsam findet der 20-Jährige wieder einen Weg aus der Dunkelheit. Im August vergangenen Jahres prügelten ihn zwei Skinheads in Lindau fast zu Tode, Robert überlebte nur knapp. Mehrere Monate lag er im Koma, danach kam er in die Wangener Fachklinik, in der er eine spezielle Betreuung erhält. Jeden Tag Therapien, wie zum Beispiel Krankengymnastik und Sprechtherapie. An selbstständiges Laufen ist immer noch nicht zu denken. Robert muss alles neu lernen, wie ein Baby. Laufen, sprechen, trinken. Die beiden Skinheads haben den hervorragenden VKW-Lehrling, der kurz vor dem Abschluss stand, zu einem Pflegefall geprügelt.

Wie stark sein Gehirn durch die Tritte gegen den Kopf geschädigt ist und ob er jemals wieder ein normales Leben führen wird, kann niemand sicher sagen. „Wir freuen uns über jedes Lächeln, über jede Äußerung von ihm. „Im Vergleich zu seinem Zustand vor einigen Monaten hat er aber merkliche Fortschritte gemacht“, so Simona Bergelt.

Während seine Mutter mit den „VN“ redet, sitzt Robert vor dem Fernseher. Was er von den Bildern, die über den Bildschirm flimmern, tatsächlich verarbeitet, weiß man nicht, seine Augen sind meist zu Boden gerichtet. „Noch vor einigen Monaten war er insgesamt in schlechterer Stimmung, war oft aggressiv zu den Schwestern“, sagt seine Mutter. Das habe sich drastisch geändert, Roberts Charakter sei wieder wie früher. „Zwischendurch hat er aber auch verzweifelte Stunden, dann hadert er mit seinem Schicksal.“

Prozess nächste Woche

Wie auch seine Familie. Für die Bergelts ist nach dem Vorfall eine Welt zusammengebrochen. Die DDR-Flüchtlinge, die im Allgäu eine Heimat gefunden haben, müssen sich nun mit Versicherungen, Anwälten und Ärzten auseinandersetzen. „Ich bin froh, wenn der Prozess gegen die beiden Neonazis nächste Woche vorbei ist. Das ist eine zusätzliche Belastung, aber hingehen werde ich auf jeden Fall, ich will den Tätern in die Augen schauen“, so Simona Bergelt.

Bei der Verabschiedung lacht Robert wieder lauthals. Heute war ein guter Tag für ihn – in seiner eigenen kleinen Welt.

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