Wiener Schauspielhaus wird zur "künstlerischen Herberge"

Das Wiener Schauspielhaus hat für die nächste halbe Saison ein neues Konzept
Das Wiener Schauspielhaus hat für die nächste halbe Saison ein neues Konzept ©APA
Das Wiener Schauspielhaus hat eine kleine Identitätskrise. Das Wort "Schauspielhaus" ist künftig durchgestrichen. Für die kommende fünf Monate wird man "ein neuer künstlerischer Begegnungsort, eine Herberge, ein Hotel. Genauer gesagt: Kein Hotel. Irgendetwas dazwischen", heißt es in den Presseinformationen über das neue Konzept. Auf der Fassade des Theaters am Alsergrund kündet ein Transparent jedoch in großen Lettern: "Ab jetzt ein Hotel". Also hinein und nachgesehen!

"Wir bauen um. Das Schauspielhaus wird eine künstlerische Herberge. Wir wollen unsere Arbeitsprozesse öffnen. Dafür schien uns das Konzept eines Künstlerhotels als Begegnungszone geeignet", sagte Tomas Schweigen, der künstlerische Leiter des Schauspielhauses, am Mittwoch bei einem Baustellenrundgang mit Journalisten. Überall wird eifrig tapeziert und gezimmert. Die Kassa wird zur Rezeption und gleichzeitig zum Radiostudio, denn neben zwei TV-Kanälen mit eigens gestaltetem Programm (Kanal 1 wird im Oktober von den Slash-Filmfestival-Machern kuratiert) gibt es ein hauseigenes Radioprogramm. Dafür sind Toiletten und Duschen am Gang.

Um 15 winzige Hotelzimmer (vor allem Doppelzimmer) in die Gänge und Räume des Theaters einzubauen, ist vor allem viel Holz notwendig - aber keine eigene Hotelkonzession, hob Schweigen hervor. Alles, inklusive der Möglichkeit, in den Nächten von Freitag auf Samstag bzw. von Samstag auf Sonntag auch externe Gäste zu beherbergen, sei in enger Abstimmung mit den Behörden erfolgt. Verströmen die engen Hotelgänge und die fensterlosen Zimmer eine Aura zwischen Retro-Charme und immersiver Theater-Installation, fühlt man sich bei den acht am Balkon des Theatersaals eingebauten Single-Schlafkojen eher an beengte japanische Verhältnisse erinnert. Dafür hat man von ihnen einen Blick in den umgebauten (und vorübergehend von 220 auf 100 Plätze reduzierten) Saal, wo es nahezu laufend Programm geben soll. "Aber nicht die ganze Nacht über", beruhigte Schweigen.

50 Euro kostet die Schlafkoje, 65 Euro pro Person ein Hotelzimmer (Ermäßigungen jeweils für Unter-30- und Über-60-Jährige), dazu kommt obligatorisch eine Tageskarte im Wert von 25 Euro (auch hier gibt es Ermäßigungen). Für das kommende Eröffnungswochenende ist man bereits fast ausgebucht. Ständig soll etwas los sein, denn in die Zimmer ziehen viele Künstlerinnen und Künstler. Manche für ein paar Tage, andere für längere Arbeitsphasen. Und die Autorin Miroslava Svolikova wird überhaupt "unsere Dauergästin", sagte Lucie Ortmann, die leitende Dramaturgin. "Sie bezieht für alle fünf Monate ein Zimmer. Das Ganze ist auch als Forschungs- und Experimentierfeld gedacht. Deswegen wird es auch keinen Spielplan, sondern einen Zimmerbelegungsplan geben, auf dem man sieht, welche KünstlerInnen gerade eingecheckt sind."

Es gibt Nachmittags- und Abend-Tickets. "Die Idee ist, sich jeweils um 16 Uhr niederschwellig zu öffnen. Die Leute sollen sich sagen: Mal gucken, was hier passiert." Und das soll allerhand sein. Von Therapie- und Massagestunden über Workshops, Work-outs und Try-outs bis zu Performances, Ausstellungen, Aufführungen und Konzerten ist alles möglich. "Thematisch kreisen wir über die dem Hotel verbundenen Fragen von Gastfreundschaft, Service und Begegnung, aber auch Nacht, Intimität oder schmutzige Wäsche", so Ortmann. Rund 55 Künstler wurden zum Mitmachen eingeladen. Drei große Projekte - "Hallimasch Komplex", Enis Macis "Bataillon" und Ende Jänner das Hans-Gratzer-Siegerstück 2021, "Coma" von Mazlum Nergiz, sollen im Hotel - unter den neugierigen Augen der Hotelgäste - geprobt und aufgeführt werden. Eines ist jedenfalls sicher: Das Bühnenbildbudget aller dieser Produktionen wird gerade verbaut.

Das Restaurant im "Nachbarhaus" wird zum "Hotel-Restaurant USUS", in der unteren Schauspielhaus Hotel-Ebene wartet eine kleine Hotelbar. Und am Eröffnungsabend warten neben einem Konzert von Mala Herba auch Wiener Burlesque-Stars auf die Hotelgäste, die dann jedenfalls eines nicht erleben dürften: einen Theaterabend wie jeden anderen auch.

(S E R V I C E - )

(APA)

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