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"West Side Story" bringt Manhattan nach Mörbisch

Die Freiheitsstatue steht nun im Neusiedlersee
Die Freiheitsstatue steht nun im Neusiedlersee ©APA/Seefestspiele Mörbisch
Wenn sich die Hälfte der politischen Prominenz und die gesamte Bussibussigesellschaft des Landes am Neusiedlersee einfindet, dann ist wieder Premiere in Mörbisch. Und dieses Mal schlugen die Seefestspiele sogar Hollywood. Während pandemiebedingt die Neuverfilmung von Leonard Bernsteins Musicalklassiker "West Side Story" durch Steven Spielberg wohl erst im Dezember ins Kino kommt, ging die Produktion an den Gestaden des Neusiedlersees bravourös über die Bühne.

Regisseur Werner Sobotka setzt mit seinem Bühnenbildner Walter Vogelweider mörbischgemäß auf Schauwerte bei der Umsetzung des 1957 uraufgeführten Stückes. Und so entfaltet sich vor einer 14 Meter hohen Freiheitsstatue ein hochbewegliches Bühnenbild im naturalistischen Gestus aus einer Zeit, in der der Big Apple noch rauer, dreckiger war und es Begriffe wie "Halbstarke" gab.

Just dies ist allerdings auch eine vergebene Chance. Mittlerweile deckt die Nostalgie ihren sanften Mantel aus Pomadentollen, kurzen Bomberjacken und Petticoats über eine eigentlich hochaktuelle Geschichte von Einwanderern, die auf eine autochthone Gesellschaft treffen, wobei sich letztlich die Wertvorstellungen nur auf den ersten Blick widersprechen. Indem Sobotka das Stück stilistisch in seiner Entstehungszeit belässt, wirken die Konflikte rivalisierender Gangs für das Auge des Jahres 2021 harmloser als sie eigentlich sind.

Dessen ungeachtet ist die musikalische Kraft der "West Side Story" mit Hits wie "Maria", "Tonight" oder "Somewhere", die im Original belassen werden, ungebrochen. Nach anfänglichen Abmischungsproblemen der Tonanlage, die den solistischen Passagen der Partitur genügend Raum zum Glänzen gaben, jedoch den Percussion- und Brassfuror in einen Klangbrei vermengten, führte Guido Mancusi sein Orchester mit aller Verve durch den Abend.

Aus dem Ensemble sticht Paul Schweinester als Tony im doppelten Wortsinn heraus und steht als klassisch ausgebildeter Tenor stilistisch eher in der Tradition der späten Bernstein-Einspielung, der 1984 sein Stück mit Stars wie Jose Carreras oder Marilyn Horne in der Tradition einer Oper aufnahm. Im stilistischen Mittelweg ist da eher Andreja Zidarič als Maria beheimatet. Die slowenische Sopranistin ist die Idealbesetzung als Tonys Objekt der Begierde mit klassisch grundiertem Musicalduktus. Tony-Freund Riff wird indes von Fin Holzwart schauspielerisch authentisch, sängerisch jedoch wackelnd interpretiert, während Paul Csitkovits einen testosterongeladenen Bernardo gibt, dem eine resche Tamara Pascual als Anita zur Seite steht.

Mit dieser jungen, dynamischen Gruppe, die vor allem in den Solistenpartien gut besetzt ist, dank eines klaren Farbschemas aus roten Sharks und jeansblauen Jets und nicht zuletzt aufgrund der choreografischen Arbeit von Jonathan Huor entfaltet sich ein temporeicher Abend, an dessen Ende aber dennoch drei Opfer zu beklagen sind. Oder eigentlich fünf, um es genau zu nehmen.

Denn den Zusammenprall zweier Alphamännchen gab es nicht nur auf, sondern auch vor der Bühne zu bestaunen. Hier lieferten sich während der Begrüßung der noch amtierende künstlerische Leiter Peter Edelmann und der im Vorjahr inthronisierte Generalintendant der Kultur Betriebe Burgenland, Alfons Haider, einen immerhin nur verbalen Schlagabtausch. So steht mittlerweile fest, dass kommendes Jahr nicht die von Edelmann geplante "Lustige Witwe", sondern mit dem von Haider präferierten "The King and I" erneut ein Musical in Mörbisch gespielt wird.

"There's a place for us. Somewhere", hatte zum Auftakt Edelmann, dessen Vertrag noch bis August 2022 läuft, eine der bekanntesten Zeilen aus der "West Side Story" zitiert: "Ich träume von einem Ort, an dem man qualitätsvolles Musiktheater machen kann, [...] wo man nicht durch die persönlichen Befindlichkeiten anderer entmachtet wird." Ihm gehe es um künstlerische Freiheiten.

"Diese Freiheit, die gibt es nach wie vor", replizierte anschließend Alfons Haider auf die Vorhaltungen: "Aber es gibt auch Entscheidungen, die man mittragen muss." Ans Publikum gewandt versprach der 63-Jährige: "Das ist kein Abschied und auch kein Neubeginn. [...] Ich hoffe, dass Sie anderen Menschen, die Veränderung bringen wollen, zumindest eine Chance geben, bevor Sie sie verurteilen."

(S E R VI C E - Leonard Bernsteins "West Side Story" bei den Seefestspielen Mörbisch bis 21. August. Regie: Werner Sobotka, Musikalische Leitung: Guido Mancusi, Bühnenbild: Walter Vogelweider, Kostüme: Karin Fritz, Choreografie: Jonathan Huor. Mit Paul Schweinester - Tony, Andreja Zidarič - Maria, Fin Holzwart - Riff, Paul Csitkovits - Bernardo, Tamara Pascual - Anita, u.a.. )

(APA)

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