Wenn Leistung nichts mehr zählt

Kein Studienplatz für Kathrin Hagen trotz Vorzugsmatura: "Zum Zeitpunkt des Poststempels ihrer Bewerbung war leider das Studienplatzkontingent erschöpft", so die Medizin-Uni in Innsbruck.

Kathrin Hagen hat als Schülerin nie etwas verbockt. 12 Jahre Schule und in allen Jahren im Zeugnis nur immer lauter Einser. Auch im Maturazeugnis. Kathrina wollte Medizin in Innsbruck studieren. Sie wusste von der bevorstehenden Öffnung der Universitäten für Studenten aus dem EU-Raum. Als sie sich in Innsbruck informierte, wurde ihr mitgeteilt, sie solle sich vorimatrikulieren. Was Kathrin auch tat. Auf die Frage, wann sie denn alle Unterlagen einzureichen habe, „wurde mir gesagt, dass bis 1. August nichts laufe.“

Poststempel entschied

Kathrin Hagen ging auf Maturareise. Dann, am Donnerstag, dem 6. Juli, kam das erwartete EuGH-Urteil. Bereits tags darauf, am Freitag, lief die zweiwöchige Bewerbungsfrist in der medizinischen Fakultät an. Kathrin kam am Wochenende aus der Türkei zurück. Reichte die kompletten Unterlagen mit Poststempel 7.52 Uhr am Montag ein. Zu spät, wie sich am 25. August herausstellen sollte. Bis dann nämlich hätte sie von der medizinischen Fakultät der Uni Innsbruck positiven Bescheid bekommen sollen. Am 6. September bekam Kathrin ein Schreiben von der Medizinischen Universität Innsbruck. „Zum Zeitpunkt des Poststempels ihrer Bewerbung war leider das Studienplatzkontingent erschöpft.“

Interventionen

Kathrin und ihre Eltern ließen sich das nicht gefallen. Interventionen bei Landeshauptmann Sausgruber, an der Uni, bei Bildungsministerin Gehrer, ja sogar beim Bundespräsidenten folgten. Alles ohne Erfolg. Kathrin versteht die Welt nicht mehr. „Was ist das für ein System? Ich habe ein Maturazeugnis mit lauter Einsern, ich hätte mich einem Leistungstest gestellt. Aber einfach abgewiesen zu werden, weil ich mich unverschuldet zu spät angemeldet habe – was hat denn das mit Gerechtigkeit zu tun?“ Rektor Prof. Dr. Hans Grunicke gibt die Schuld für das Aufnahmechaos der Politik. „Wir wurden vom Ministerium im Stich gelassen. Man hat uns nicht früh genug informiert. Immerhin konnten wir durch die sofort angesetzte Bewerbungsfrist noch die Hälfte der Studienplätze für Österreicher ermöglichen“, so der Rektor zu den „VN“. Ein Hintertürchen für Kathrin lässt der Rektor noch offen. “20 Härtefälle werden derzeit bei uns verhandelt. Vielleicht gibt es für das Fräulein Hagen da noch eine Chance.“

Zu spät für Kathrin?

„Dieser Fall ist extrem und eine völlig unbefriedigende Situation“, fühlt auch Landeshauptmann Sausgruber mit der Betroffenen. „Es gab noch andere Fälle. Wir versuchten an der Medizinischen Universität Innsbruck zu intervenieren, wurden dort aber mit einer trockenen Auskunft versehen“, so Sausgruber zu den „VN“. Kathrin Hagen hat indes für Technische Mathematik inskribiert, doch Medizin noch nicht ganz aufgegeben.

Bewerber Medizinische Uni Innsbruck WS 2005:

  • Gesamtzahl der Bewerber: Knapp 3000. Davon 2735 (78, 5 Prozent) aus Deutschland, 447 (3,1 Prozent ) aus Österreich, 86 (3,1 Prozent) aus anderen Staaten
  • Gültige Bewerbungen: 1720, davon 1295 (75,2 Prozent) aus Deutschland, 340 (19,8 Prozent) aus Österreich, 43 (2,5 Prozent) aus anderen Staaten
  • Aufgenommen: 506, davon 258 aus Österreich, 227 aus Deutschland, 9 aus anderen Staaten. 44 Plätze wurden unter 70 Gleichgereihten verlost
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