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100 Jahre Sarajevo: Weltkriegs-Gedenken der EU-Spitzenpolitiker

Faymann und Merkel beim Gipfel-Auftakt dabei
Faymann und Merkel beim Gipfel-Auftakt dabei
Die EU-Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), gedenken am heutigen Donnerstag zum Auftakt ihres Sommergipfels im belgischen Ypern der Toten des Ersten Weltkriegs. Zwischen 1914 und 1918 starben um Ypern ungefähr eine halbe Million Soldaten.

Am Abend werden die Staats- und Regierungschef im Rathaus der flämischen Stadt über die strategische Ausrichtung der Europäischen Union bis 2019 beraten. Konkrete Entscheidungen wird der Gipfel erst am Freitag in Brüssel fällen.

Bei der Neubestellung von EU-Spitzenposten soll der luxemburgische Ex-Premier und frühere Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker gegen den Willen Großbritanniens als neuer EU-Kommissionspräsident nominiert werden.

Europa gedenkt dem 100. Jahrestag des Sarajevo-Attentats

Unter dem Eindruck der schwersten diplomatischen Krise seit Jahrzehnten gedenkt Europa des Sarajevo-Attentats, das vor 100 Jahren den Ersten Weltkrieg auslöste. Am Donnerstagabend kommen im belgischen Ypern die EU-Staats- und Regierungschefs zu einem Gedenkakt zusammen. Bundespräsident Heinz Fischer reist am Samstag, dem Jahrestag, zu einem Gedenkkonzert der Wiener Philharmoniker nach Sarajevo.

Das Attentat an Franz Ferdinand und die Kriegserklärung

Am 28. Juni 1914 erschoss der serbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie. Sie hatten die Hauptstadt der damaligen k.u.k. Provinz Sarajevo zum Abschluss von mehrtägigen Armeemanövern besucht. Wien nahm das von serbischen Armeekreisen unterstützte Attentat zum Anlass für eine Abrechnung mit seinem langjährigen Rivalen am Balkan. Die Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli 1914 zog wegen der Bündnisstrukturen innerhalb weniger Tage alle großen Mächte Europas in einem Krieg, der vier Jahre dauern und rund 20 Millionen Tote fordern sollte.

Ypern: EU-Spitzenpolitiker an einem Brennpunkt des 1. WK

Die EU-Staats- und Regierungschefs gedenken der damaligen Ereignisse am Vorabend ihres regulären Gipfels. Sie kommen um 17.00 Uhr zu einem Abendessen im Rathaus der flämischen Stadt Ypern zusammen, die einer der Brennpunkte des Ersten Weltkrieges war. Tags darauf widmen sie sich einem regionalen Konflikt, der sich wie jener zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schnell zu einer globalen Auseinandersetzung auswachsen könnte. Auf der Tagesordnung des EU-Gipfels stehen nämlich neue Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Konflikt.

Der Ukraine-Konflikt hat seine Wurzeln im Ersten Weltkrieg, schließlich erlangte das Land infolge des Zusammenbruchs des russischen Zarenreiches erstmals ihre Unabhängigkeit.

Die Aktualität der damaligen Konflikte zeigt sich auch in jener Stadt, in der die “Urkatastrophe” des 20. Jahrhunderts begann. Wenn die Wiener Philharmoniker am Samstagabend zu einem Gedenkkonzert ins renovierte Alte Rathaus von Sarajevo laden, werden Spitzenvertreter Serbiens und der bosnischen Serbenrepublik demonstrativ fernbleiben. Sie stoßen sich an einer Gedenktafel auf dem Gebäude, in der “serbische Verbrecher” für den Mord verantwortlich gemacht werden. Stattdessen will die serbische Staats- und Regierungsspitze am Jahrestag der Enthüllung eines Gemäldes, auf dem Attentäter Princip zu sehen ist, in der ostbosnischen Kunststadt Andricgrad beiwohnen.

Fischer bei Gedenkkonzert in Sarajevo

Zum Gedenkkonzert in Sarajevo haben sich neben Bundespräsident Fischer auch seine Amtskollegen aus Kroatien, Mazedonien und Montenegro (Ivo Josipovic, Gjorge Ivanov und Filip Vujanovic) angesagt. Im geschichtsträchtigen Gebäude, das in der Monarchie errichtet und im Bosnien-Krieg zerstört wurde, werden die von Franz Welser-Möst geleiteten Wiener Philharmoniker ab 18.15 Uhr die Europahymne, aber auch das Kaiserquartett von Joseph Haydn (die Hymne der Donaumonarchie) spielen. Das Konzert soll in rund 30 Staaten übertragen werden, zeitversetzt auch vom ORF.

Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag

Gedenkveranstaltungen finden am Jahrestag des Sarajevo-Attentats auch im niederösterreichischen Schloss Artstetten und im tschechischen Schloss Konopiste statt. In Artstetten, wo Franz Ferdinand und Sophie begraben wurden, gibt es um 9.30 Uhr eine Trauerfeier, gefolgt von einer Messe mit Kardinal Christoph Schönborn und Bischof Klaus Küng. Ein Gottesdienst für die Verstorbenen wird am Samstag auch im böhmischen Konopiste gefeiert, dem langjährigen Wohnort des Paares.

“Kieselstein” brachte “Erdrusch” ins Rollen

Die Schüsse von Sarajevo waren nach Ansicht der britischen Historikerin Margaret MacMillan jener “Kieselstein”, der den “Erdrutsch” des Ersten Weltkriegs auslöste. “Dieser Konflikt veränderte alle Länder, die an ihm teilgenommen haben”, betonte sie kürzlich in einem Essay im “Wall Street Journal”. Tatsächlich ließ der Erste Weltkrieg alte Monarchien wie Österreich-Ungarn, das russische Zarenreich oder das Osmanische Reiche von der Bildfläche verschwinden. Die USA, deren Kriegseintritt im Jahr 1917 die Gewichte zugunsten der Alliierten verschob, traten erstmals als globale Ordnungsmacht in Erscheinung und zahlreiche neue Staaten entstanden, darunter auch das heutige Österreich oder – kurzzeitig – die Ukraine. Ganz besonders präsent sind die Folgen des Krieges im Nahen Osten, wo sich die von den Siegermächten gezogenen neuen Grenzen, etwa in Syrien oder dem Irak, jüngst als besonders instabil erwiesen haben.

Der Kriegsbeginn und das Ultimatum an Serbien

Freilich wäre es nicht zum Krieg gekommen ohne das harte, in der Hoffnung auf eine Ablehnung der Gegenseite formulierte, Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien. “Wahr ist, dass die österreichisch-ungarische Monarchie ihren beträchtlichen Anteil an der Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu tragen hat”, betonte Fischer beim österreichischen Gedenkakt zum Ersten Weltkrieg in der vergangenen Woche in der Wiener Nationalbibliothek. Mittlerweile seien “die Wunden aus dieser Zeit verheilt”, fügte er hinzu, und die Beziehungen Österreichs zu den damaligen kriegsführenden Staaten “ausgezeichnet und vorurteilsfrei”.

(APA/red)

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