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Vorarlberger gefangen in der asiatischen Steppe

In dieser Ziegelei in der Steppe arbeitete Franz Praeg. Die Kriegsgefangenen bauten u. a. eine katholische Kirche. 1918 gelang ihm die Flucht.
In dieser Ziegelei in der Steppe arbeitete Franz Praeg. Die Kriegsgefangenen bauten u. a. eine katholische Kirche. 1918 gelang ihm die Flucht. ©Foto: Praeg-Archiv
Bregenzer Historiker arbeitet ein orientalisches Stück Weltkriegsgeschichte auf.


Nichts als Namen. Namen und Orte: Albrich Alfred – Adresse Samara – Heimatort Dornbirn, Alberti Clemens – Adresse Taschkent – Heimatort Schoppernau… Neun vergilbte Bogen Papier fielen dem Bregenzer Historiker Peter Felch im Wiener Kriegsarchiv in die Hände. Eine mechanische Schreibmaschine hat darauf 1919 die Namen von 500 Männern aus Vorarlberg festgehalten, die noch immer in russischer Kriegsgefangenschaft waren. “Alle Bundesländer haben damals bei der Regierung in Wien um Intervention für ihre Kriegsgefangenen gebeten.” Aber keine Liste war so auskunftsreich wie die aus Vorarlberg. Das war Felchs Glück. So brachte er Licht in ein erloschenes Kapitel Kriegsgeschichte. “Allein 310 Vorarlberger waren nach dem Ersten Weltkrieg in Turkestan in Gefangenschaft.” Kaiserjäger, Kaiserschützen, Landsturm. Ihnen spürt Felch nach. 2017 soll eine Ausstellung an sie erinnern, in Wien und in Bregenz.

1915 fiel Przemysl

Als die Liste 1919 geschrieben wird, ist der Bregenzer Uhrmacher und Optiker Franz Praeg schon wieder zuhause. Er ist am 8. Mai 1918 bei seiner Schwester in Wien aufgetaucht. Da war der Weltkrieg noch im Gang. Das Wörtchen “schon” relativiert sich freilich rasch. Präg war bereits am 22. März 1915 in russische Gefangenschaft geraten. An diesem Tag streckte die österreichische Garnison in Przemysl die Waffen. 110.000 Mann wurden an diesem Tag gefangengenommen. Der 45 Kilometer lange Festungsgürtel mit mehreren Dutzend Forts war der Stolz der österreichisch-ungarischen Armee. Heute erzählt im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien eine zerbeulte und durchschossene Panzerkuppel vom ruhmlosen Ende der Festung.

Man schätzt – auch nach Angaben der schwedischen Krankenschwester Elsa Brandström, die russische Kriegsgefangenenlager besucht hat – dass an die zwei Millionen österreichisch-ungarische Soldaten nach dem ersten Weltkrieg in russischen Lagern waren, 200.000 davon in Turkestan. Darunter 310 Vorarlberger, das weiß Felch heute. “Freilich kommen immer wieder neue Namen hinzu.” Namen und unglaubliche Geschichten. Franz Praeg hat seine 1924 aufgeschrieben. Das Buch heißt “Kriegsgefangen in asiatischer Steppe”. Praeg wollte, dass “wenigstens dereinst mein Bub wüsste, wie der Krieg den Vater herumgeworfen hat”.

Der Kriegsgefangene Praeg ist 1915 in Taschkent fast an Typhus gestorben. Er hat sich 1916 als Ofensetzer ausgegeben, um dem tristen Lagerleben zu entkommen. Gelandet ist er in einer Ziegelei mitten in der Steppe. 1917, nach der Februarrevolution, will er fliehen. Aber Praeg erkrankt an Malaria. Am 3. März 1918 scheidet Russland mit dem Frieden von Brest-Litowsk als Kriegsteilnehmer aus. Praeg hört davon und flieht tatsächlich. Abenteuerlich schlägt er sich bis Wien durch. Und erhält ganze vier Wochen Heimaturlaub, ehe ihn die zerbrechende Armee erneut einzieht. Aber das Kriegsende rettet ihn vor dem neuerlichen Fronteinsatz.

Solchen und ähnlichen Geschichten ist Felch auf der Spur. Sein persönliches Verhältnis beruht auch auf beruflicher Erfahrung. Der studierte Osteuropa-Historiker war zwischen 2002 und 2006 für die OSZE in Kirgistan und Kasachstan tätig. “In Bischkek haben wir die OSZE-Akademie eröffnet.” 2010 kehrte Felch als Wahlbeobachter nach Kirgistan zurück. Der Erste Weltkrieg, der vor 100 Jahren seinen Anfang nahm, führt Felch nun wieder regelmäßig nach Zentralasien, wo sich seinerzeit das Schicksal von wenigstens 310 Vorarlbergern entschieden hat.

Den ausführlichen Artikel lesen Sie hier in der aktuellen Ausgabe der Vorarlberger Nachrichten.

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