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Vorarlberg will Gesamtschule einführen - in acht bis zehn Jahren

Ergebnis eines breit angelegten Forschungsprojekts - viele Vorarbeiten notwendig.
Ergebnis eines breit angelegten Forschungsprojekts - viele Vorarbeiten notwendig. ©APA/Themenbild
Bregenz. Vorarlberg strebt in acht bis zehn Jahren die Einführung einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen an. Diese Zielsetzung basiert auf den Ergebnissen einer Forschungsinitiative des Landes. Bis es soweit sein könnte, müsse aber noch viel Vorarbeit und ein organisatorischer und rechtlicher Rahmen geschaffen werden, sagte Landesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) bei der Ergebnis-Präsentation am Freitag.
Die Ergebnisse zum Download

Im Vorarlberger Forschungsprojekt zur Gemeinsamen Schule haben sich Expertengruppen unter anderem mit rechtlichen und organisatorischen Fragen sowie pädagogischen Konzepten einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen auseinandergesetzt. Im November 2013 nahmen rund 19.700 Lehrer sowie Eltern von Kindern aus der vierten, sechsten und achten Schulstufe sowie Schüler der Volksschule, der Neuen Mittelschule (NMS) und der Gymnasiumunterstufe an einer Befragung teil. So wurden 1,8 Millionen Einzeldaten zum Ist-Zustand der Schule und zu Weiterentwicklungs- und Änderungswünschen gesammelt und aufbereitet.

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Eindeutiges Fazit der Bildungsexperten

Das Fazit der Bildungsexperten im Abschlussbericht zum Projekt fiel eindeutig aus: “Für das Bundesland Vorarlberg wird mittelfristig landesweit die Einrichtung einer gemeinsamen Schule von der fünften bis zur achten Schulstufe auf Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung empfohlen”, heißt es dort. Projektleiterin Gabriele Böheim-Galehr betonte dabei, dass bei der Erarbeitung der Empfehlungen die Qualitätskriterien der OECD für erfolgreichere Schulsysteme die Basis gebildet hätten und man sich an die erhobenen Fakten gehalten habe.

Maßstab: Schulische Leistung und Chancengerechtigkeit

Die Qualitätskriterien der OECD haben einerseits die schulische Leistung als Maßstab, andererseits aber auch die Chancengerechtigkeit. Aufgrund der Forschungsinitiative seien die Expertengruppen zum Schluss gekommen, dass die gemeinsame Schule zur Erreichung dieser Ziele den besseren organisatorischen Rahmen bilde als das aktuelle Schulsystem, unterstrich Böheim-Galehr.

Große Unterschiede zwischen Städten und Talschaften

Johann Engleitner aus dem Expertenteam untermauerte diese Feststellung mit Befragungsergebnissen aus der Studie. So wollten in den Städten 60 Prozent der Eltern ihre Kinder ins Gymnasium bringen, während es in den Talschaften nur 21 Prozent seien. “Das hat den Grund, weil dort das Angebot nicht da ist, der Zugang ist nicht für alle gleich”, so Engleitner. Ebenso sei derzeit der Bildungshintergrund der Eltern ganz entscheidend für die Schullaufbahn der Kinder. “Wir verschenken Talente”, stellte er fest.

“Das ist nicht Dschibuti, das ist Vorarlberg”

Gleichzeitig sei es aber so, dass – im Bereich der Mathematik erhoben – die Hälfte der als nicht-AHS-reif eingestuften Schüler der fünften Schulstufe dieselbe Leistung erbrächten wie die Schüler im Gymnasium. “Das ist nicht erfunden, das ist nicht Dschibuti, das ist Vorarlberg”, so Engleitner. Die Einstufung sei völlig unzeitgemäß, mit einem neuen System “würden wir uns diese Traurigkeiten ersparen”.

Laut Studie sind Volksschulnoten “kein taugliches Mittel, um Schulwegentscheidungen im Alter von zehn Jahren zu treffen”. 78 Prozent der befragten Eltern und Lehrer sahen bei einer gemeinsamen Schulform mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder. 72 Prozent glaubten an einen Vorteil, wenn die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg später getroffen wird.

Gemeinsame Ausbildung der Lehrer ab 2016

Um die Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen einführen zu können, müssten aber noch umfangreiche Vorarbeiten geleistet werden. Der für Pädagogik zuständige Experte Michael Schratz sprach etwa von personalisiertem Lernen, von einer Förder- statt einer Defizitorientierung oder auch von einer Unterstützung der Lehrer (“haben viel zu stark das Einzelkämpfertum”). Die gemeinsame Ausbildung der Lehrer (ab 2016) oder auch eine verstärkte Schulautonomie wurden als weitere Kriterien genannt. Erwin Beck und Evelyn Marte-Stefani zeichneten die erforderlichen organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen nach. “Man muss behutsam vorgehen, sich für die Entwicklung Zeit lassen”, mahnte Beck.

Mennel unterstrich, dass Vorarlberg eine “bessere Schule” anstrebe und der Bund seinen Teil dazu werde beitragen müssen. Vorarlberg mache sich nun auf den Weg, die Vorarbeiten anzugehen. Dazu werde man auch eine entsprechende Struktur und eine Geschäftsstelle aufbauen. Wenn dann die Zeit reif sei, werde man – insbesondere wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen – an den Bund herantreten. Zur Einführung der gemeinsamen Schule als neuer Schultyp müssten sowohl das Schulorganisations- als auch das Schulunterrichtsgesetz geändert werden.

Nicht alle sind begeistert

Dass in Vorarlberg nicht alle von der Idee der gemeinsamen Schule begeistert sind, machte sogleich die Initiative “Pro Gymnasium” klar. Die Vorarlberger wollten die Gesamtschule nicht, 90 Prozent der Bürger seien mit dem Bildungssystem zufrieden. Auch das sei ein Ergebnis des Forschungsprojekts, stellte “Pro Gymnasium”-Landessprecher Wolfgang Türtscher fest. Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung sprachen sich hingegen für die Umsetzung der Empfehlungen aus.


Die Reaktionen

ÖVP: Empfehlungen sind wegweisend

Wegweisend ist für VP-Bildungssprecherin Barbara Schöbi-Fink der Abschlussbericht zum Forschungsprojekt: “Es ist die wohl umfassendste Analyse der Schule der 10- bis 14-jährigen, die jemals gemacht wurde.” Diese Analyse gelte es ernst zu nehmen, sie sei auch der konkrete Auftrag an die Politik, Reformen mutig anzupacken. Die Vorarlberger Volkspartei werde sich in diesen Reformprozess aktiv einbringen, ein erster Schritt sei die heute eingebrachte parlamentarische Anfrage zu den präsentierten Ergebnissen.

Grüne: “Paukenschlag im Bildungsbereich”

Von einem “Paukenschlag im Bildungsbereich” sprechen die Grünen Vorarlberg. “Das jetzt vorgelegte Ergebnis lässt nur einen Schluss zu, die gemeinsame Schule in Vorarlberg wird kommen”, betont der grüne Bildungssprecher Daniel Zadra. “Unsere jahrelange Forderung nach einer umfassenden Bildungsreform wird auf Punkt und Beistrich bestätigt.” Man habe nun acht Jahre Zeit für eine gründliche Vorbereitung, um eine bessere Schule für unsere Kinder zu realisieren.

Die Gemeinsame Schule sei ein zentrales Thema der schwarz-grünen Koalition, so Zadra. Zur Umsetzung brauche es aber auch die Unterstützung des Bundes. “Vizekanzler Mitterlehner hat mehrfach zugesagt, die Modellregion in Vorarlberg zu ermöglichen. Wir gehen davon aus, dass er Wort hält.”

“Das ist eine historische Chance nicht nur für Vorarlberg sondern auch für ganz Österreich. Die Einführung der gemeinsamen Schule ist österreichweit das größte Bildungsprojekt seit Jahrzehnten”, so Zadra abschließend.

Glawischnig: Meilenstein in Bildungspolitik

Erfreut zeigt sich auch Grünen-Chef Eva Glawischnig: Sie sieht das Vorhaben Vorarlbergs, die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen einzuführen, als “Meilenstein in der österreichischen Bildungspolitik mit enormer bundespolitischer Signalwirkung”. Sie hoffe, dass der wegweisende Vorarlberger Schritt auch ein Vorbild für die Bundesregierung sei, in Sachen Bildungsreform endlich die nächsten Schritte zu gehen.

SPÖ: Klares Votum für Gemeinsame Schule

Erfreut zeigt sich SPÖ-Bildungssprecherin Gabi Sprickler-Falschlunger: Die Experten würden mit den vorgelegten Ergebnissen bestätigen, dass die Trennung der Kinder mit zehn Jahren ungerecht und wenig treffsicher sei. Man sei sich allerdings darüber im Klaren, dass nun nicht alles sofort übers Knie gebrochen werden kann.

Es brauche eine saubere Vorbereitung, den Eltern müssten Ängste genommen und den Lehrerinnen und Lehrern das entsprechende Werkzeug mit auf den Weg gegeben werden. Nun sei Wien am Zug, so die SPÖ-Bildungssprecherin. Dazu habe Nationalrat Elmar Mayer bereits einen Antrag formuliert und der ÖVP vorgelegt.

Auch SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos begrüßt das Gesamtschul-Vorhaben in Vorarlberg. “Während im ÖVP-regierten Vorarlberg die Weichen Richtung Gesamtschule gestellt werden, schreibt die Bundespartei das differenzierte Schulsystem in ihrem neuen Parteiprogramm fest. Die Mitterlehner-ÖVP sieht ziemlich alt aus”, befand Darabos. Er empfahl Mitterlehner, in der Bildung von der Bremse zu gehen.

FPÖ: Zahlen sprechen deutliche Sprache

Auch für FPÖ-Bildungssprecher Christoph Waibel sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache, die Entscheidung falle klar zugunsten der Gemeinsamen Schule. Dass die Gemeinsame Schule nicht von heute auf morgen umgesetzt werden könne, sei klar. “Einige in der Studie wichtige genannte Entwicklungsmaßnahmen, wie beispielsweise die Förderung von mehr Schulautonomie, den Ausbau ganztägiger Schulformen oder die Stärkung der pädagogischen Teams an den Schulen müssen aber umgehend angegangen werden“, so Waibel abschließend.

NEOS: Chance, aber kein Selbstläufer

Die NEOS warnen davor, die Gemeinsame Schule als Allheilmittel zu verstehen. Diese sei kein Selbstläufer, sondern eine riesige Herausforderung, warnt Bildungssprecherin Martina Pointner. Für die notwendigen weitreichenden Reformen brauche es mehr Schulautonomie: “Wer mündige Menschen will, braucht auch mündige Schulen.” Für eine individuelle Förderung der Talente brauche es nicht nur Vielfalt an der Schule, sondern auch Vielfalt unter den Schulen. In diesem Zusammenhang müsse die Sprengelregelung hinterfragt werden, so Pointner. Man hoffe darüber hinaus, dass nicht vor lauter Arbeit am Großprojekt Gemeinsame Schule die aktuellen Probleme aus den Augen verloren werden.

Wirtschaftskammer: Nicht nur neue Türschilder anbringen

Auch die Wirtschaftskammer unterstützt die Empfehlung der Bildungsforschungsgruppe, man sehe sich in Bildungsaktivitäten voll bestätigt: “Es ist erfreulich, dass vor allem die höhere Chancengleichheit sowie der spätere Zeitpunkt einer Bildungswahl-Entscheidung als Stärken einer gemeinsamen  Schule erkannt worden sind”, erklärt WKV-Bildungssprecher Dr. Christoph Jenny. Von entscheidender Bedeutung sei nun die Qualität der Arbeit in den Schulen. Es dürfe primär nicht um das Anbringen neuer Türschilder gehen, sondern um die Entwicklung und Umsetzung innovativer und zukunftsfähiger pädagogischer Konzepte, so Jenny. Ein unbedingtes Muss dazu sei die Stärkung der Schulautonomie bei gleichzeitiger Zulassung von mehr Wettbewerb zwischen den Schulen.

Industriellenvereinigung unterstützt Vorstoß

Die Empfehlungen zur Gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen werden auch von der Industriellenvereinigung (IV) Vorarlberg ausdrücklich begrüßt. Das Forschungsprojekt sei inhaltlich und mit einer sehr profunden Analyse zum selben Schluss gekommen, den die Industriellenvereinigung schon lange vertrete. Das aktuelle Schulsystem müsse strukturell reformiert werden. Insbesondere seien mehr Chancengerechtigkeit, mehr Autonomie und eine spätere Bildungswegentscheidung mehrheitlich gewünscht und vordergründig anzugehen. “In den anstehenden Gesprächen darf es nicht darum gehen, etwas abzuschaffen, sondern etwas Neues zu schaffen, das besser ist und noch mehr Akzeptanz bei Lehrern, Eltern und Schülern findet”, so IV-Geschäftsführer Mathias Burtscher.

Pro Gymnasium: “Vorarlberg will Gesamtschule nicht”

Gegen die Gesamtschule stellt sich hingegen die Initiative Pro Gymnasium Vorarlberg: Das Forschungsprojekt komme neben der Empfehlung auch klar zu dem Schluss, dass das zweigliedrige System nicht mehr zur Schulrealität passe, so Landessprecher Wolfgang Türtscher. Die derzeitige gesetzliche Regelung sei vorbildlich: “Wenn ein Schulstandort eine Änderung  will, kann er das mit der entsprechenden Mehrheit von Schülern, Eltern und Lehrer beschließen, beim Unterrichtsministerium beantragen und durchführen.” Die heutige Empfehlung würde aber darauf abzielen, per Gesetzesbeschluss im Nationalrat das Mitspracherecht der Schulpartner abzuschaffen.

Für Türtscher muss der Schwerpunkt in der Frühbildung liegen: Wer in die Volksschule eintritt, müsse schultauglich sein und die Unterrichtssprache beherrschen – das Lebensalter sei zweitrangig. Es bedürfe weiters eines seriösen Prognoseverfahrens, damit Jugendliche nicht Schulen wählen, für die sie nicht geeignet sind. Und der 2008 abgeschaffte “Blum-Bonus” müsse wieder eingeführt werden, denn: “Das wird einige überraschen: In Europa sind diejenigen Regionen wirtschaftlich erfolgreich, die eine niedrige Maturanten- und Akademikerquote haben, wie etwa Bayern, Baden-Württemberg, St. Gallen und Vorarlberg – und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit haben die Länder mit den höchsten Maturanten- und Akademikerraten wie Frankreich, Spanien und Griechenland”, klärt Türtscher auf. Als Vorbereitung auf die Lehre würden unsere Polytechnischen Schulen hervorragende Arbeit leisten, sie seien deshalb auch außer Streit zu stellen.

(APA, Red.)

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