„Von Liebe geprägt, nicht von Misstrauen“

Wolfang Flatz in seinem Skulpturengarte über den Dächern Münchens.
Wolfang Flatz in seinem Skulpturengarte über den Dächern Münchens. ©MiK
Vor rund 40 Jahren wurde er für verrückt erklärt, heute wird seinem Schaffen in Form eines Museums in Dornbirn gehuldigt. Im WANN & WO-Sonntags-Talk spricht der in München wohnhafte Ausnahmekünstler Wolfgang Flatz über sein Werk, das Leben nach seinem schweren Unfall 2012, der ihn fast das Leben gekostet hätte und die Beziehung zu seinem Sohn.

WANN & WO: Sie haben sehr früh mit Kunst begonnen. Ab wann hat Flatz gemerkt, dass er diesen Weg ­einschlagen muss?

Wolfgang Flatz: Der erste Impuls kam mit 14. Da gab es in der Nachbarschaft einen Jungen, der ein außergewöhnliches Zeichentalent hatte, aber sehr naiv war. Ich habe ihn immer beneidet und bewundert und wollte so zeichnen können wie er. Zufälliger­weise bemerkte ich auf diversen Witzeseiten auch immer einen Witz über zeitgenössische Kunst. Davor war ein Affe abgebildet vor einer Staffelei, der Kleckse gemalt, sozusagen auf Picasso angespielt hat. Sprich: Das kann jeder Affe. Da wusste ich, dass Kunst etwas Anderes ist, als mein Nachbarkind macht, also nicht das Abbilden der Realität ist. Ich habe kapiert, dass ein Handwerk zu beherrschen, noch lange keine Kunst ist.

WANN & WO: Welche Rolle spielt die Provokation in der Kunst?

Wolfgang Flatz: Jedes bedeutende Kunstwerk, jeder Künstler seit der Renaissance, hat provoziert, irritiert und verstört. Gute Kunst hat immer bestehende Formen in Frage gestellt, folgedessen ist es immer als Provokation aufgefasst worden. Die Frage ist eher, wo man Provokation ansetzt.

WANN & WO: Gibt es Grenzen für Flatz, die er nicht überschreiten würde?

Wolfgang Flatz: Die gibt es. Die Freiheit endet immer an der Grenze des anderen. Das Leben ist eine Grenze, die man nicht antasten darf, speziell wenn es andere betrifft. Meine eigene habe ich aber schon oft in Frage gestellt.

WANN & WO: Was hat den Ausschlag gegeben, Vorarlberg zu verlassen?

Wolfgang Flatz: Als ich in die Irrenanstalt Valduna eingeliefert wurde und mir der Primar bei der Entlassung nach einem Tag drohte, wenn ich nochmals eingewiesen werde, dann würde ich ein halbes Jahr nicht mehr raus kommen. Da wusste ich, dass ich in diesem Land meine Arbeit nicht mehr entwickeln kann. Also bin nach Deutschland gegangen.

WANN & WO: Hier konnten Sie sich künstlerisch frei entfalten?

Wolfgang Flatz: In Deutschland ist es einfacher gewesen, obwohl Österreich, was die Kunst anbetraf, viel progressiver und fortgeschrittener war. Ich habe ja in Graz studiert und durch den Steirischen Herbst Dinge gesehen, die in Deutschland erst zehn Jahre später gekommen sind. Deutschland war aber liberaler, was möglicherweise auch mit der Geschichte zu tun hat. Man begegnete neuer Kunst offener. Mir ist alles sehr leicht gefallen, ich war mit 37 schon Professor und hatte diverse Gastprofessuren inne. München war aber nur eine Basis für mich. Ich habe u.a. in New York, London und Mexiko gelebt.

WANN & WO: Ihr Museum steht aber in Dornbirn. Warum das?

Wolfgang Flatz: Das ist der Ausgangspunkt und meine Geburtsstadt. Vor rund 40 Jahren hat man mir einen Tritt in den Arsch gegeben, mittlerweile ist es aber zu einem Umdenken gekommen. Dinge werden heute nicht mehr so gesehen, wie es damals der Fall war. Es gab eine politische, gesellschaftliche sowie soziale Entwicklung.

WANN & WO: Sind Sie stolz auf ihre Wurzeln?

Wolfgang Flatz: Aber natürlich, die Wurzeln kann man nie verleugnen. Sie haben mich geprägt, zu dem gemacht, der ich heute bin. Wenn man die Wurzeln verleugnet, beginnt man auch, sich selbst zu ver­leugnen.

WANN & WO: Haben Sie sich schon einmal in ihrem Schaffen missverstanden gefühlt?

Wolfgang Flatz: Missverständnisse sind da, um aufgeklärt zu werden. Kunst gibt keine Antworten, sie stellt nur Fragen. Und die Antworten muss sich der Betrachter selbst geben.

WANN & WO: Muss Kunst weh tun?

Wolfgang Flatz: Nein, muss sie nicht. Aber sie muss das Bewusstsein des anderen erreichen, sonst geht man daran vorbei. Ein Kunstwerk ist immer auf seinen Betrachter angewiesen. Ich bin nicht der Meinung, dass sie im körperlichen Sinne weh tun muss. Bei mir hat es andere Gründe, weil mein Körper mein Material war. Und wenn Kunst sich noch mit etwas anderem beschäftigt, dann mit Freiheit. Das Gegenteil davon ist Angst. Ich bin der Meinung, dass der Großteil der Menschen von Angst besetzt ist und aufgrund dieser vieles nicht passiert. Nur wenn man seine Angst bewältigt, sich ihr stellt, dann wird man frei. Auch ich habe wie jeder andere Angst vor Schmerzen, aber nur, wenn du dich von deinen Ängsten befreist, dich ihnen annäherst, dann kannst du in der Kunst auch frei werden.

WANN & WO: 2012 wurden Sie von einem Auto überfahren. Inwiefern hat sie dieser schwere Unfall ­verändert?

Wolfgang Flatz: Der Autounfall hat mir die Endlichkeit bewusst gemacht, weil er aus dem Nichts kam, unvorbereitet, bedingungslos … aber es hat mich schon verändert, menschlicher gemacht. Durch die Kunst und den Erfolg wird man unter Umständen auch sehr einsam. Meine Arbeit hat mich auch unnahbar gemacht. Durch den Unfall wurde ich vorsichtiger, sensibler und zugänglicher.

WANN & WO: Wie gehen Sie im Leben mit Tiefs um?

Wolfgang Flatz: Das Leben besteht aus Hoch und Tiefs – wenn man einen Berg besteigt, muss man auch wieder einmal runter ins Tal. Man kann nicht immer nur Höhepunkte haben, da würde man verrückt werden und auch total abheben. In dem Jahr nach dem Unfall war ich schon in einer Talsohle, aber zu erkennen, dass das auch zum Leben gehört, ist wiederum eine positive Erkenntnis.

WANN & WO: Was schätzen Sie an sich selbst?

Wolfgang Flatz: Meine Beharrlichkeit, Zähigkeit, Durchsetzungsvermögen, den Glauben, an das, was ich tue. Und ich glaube auch an meine Liebesfähigkeit im Umgang mit anderen Menschen. Von Liebe geprägt, nicht von Misstrauen.

WANN & WO: Wie beeinflusst Sie ihr Sohn?

Wolfgang Flatz: Er hat mich wohl am meisten geprägt. Denn ich tue das Gegenteil dessen, was ich in meiner eigenen Erziehung erfahren habe, die sehr hart und das Modell des 19. Jahrhunderts war – Zuckerbrot und Peitsche. Ein junger Mensch bedeutet immer Leben, ist unsere Zukunft und in die muss man investieren. Daher ist es naheliegend, dass man auch versucht, seinem Kind ein ethisches und moralisches Gerüst zu geben, es lebensfähig zu machen, in einer immer komplexeren Welt. Mein Kind ist das Wichtigste, das ich in meinem Leben (gemacht) habe.

WANN & WO: Sehen Sie sich als Vorbild?

Wolfgang Flatz: Eltern sind immer Vorbilder für ihre Kinder – sie ahmen nach, was sie sehen. Das einzige, was man tun kann, ist, ihnen vorzuleben und das möglich so, dass sie eine Basis für ihr zukünftiges Leben haben.

WANN & WO: Wie sieht die Zeit aus, die sie mit ihrem Sohn verbringen?

Wolfgang Flatz: Er lebt bei seiner Mutter in England, aber wenn er da ist, bekommt er meine volle Aufmerksamkeit. Ich arbeite dann nicht, beschäftige mich sehr intensiv mit ihm. Ansonsten haben wir sehr viel Kontakt. Er ist trotz seines kindlichen Alters auch Frühaufsteher und so schreiben wir uns um 6.10 Uhr zum ersten Mal. Die Zeit, die wir zusammen haben, ist geprägt von gegenseitiger Liebe.

WANN & WO: Wie haben Sie ihm ihren Beruf verständlich gemacht?

Wolfgang Flatz: Dem Kind ist egal, ob Vater oder Mutter berühmte Künstler sind, wie in unserem Fall. Wir sind in erster Linie Mama und Papa. Natürlich bekommt er meinen Beruf mit und er fragt schon nach. Wenn ich ihm dann harte Sachen gezeigt habe, hat er ganz normal und emotional reagiert. Mit drei Jahren hat er einen tollen Satz gesagt, der mich umgehauen hat: „Papa, you are a very special person, aren’t you?“ Ich dachte mir, fuck, mit drei Jahren hat er schon kapiert, dass der Vater was anderes ist, als der Durchschnitt.

WANN & WO: Zurückblickend, würden Sie wieder alles genauso machen?

Wolfgang Flatz: In der Kunst sind mir wenige Fehler unterlaufen. Ich war zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und habe das Richtige getan. Deswegen habe ich auch Kunstgeschichte geschrieben. Als Mensch hat man sicher auch falsche Entscheidungen getroffen, die aber nicht rückgängig machbar sind. Was gewesen ist, kannst du nicht verändern. Du kannst nur auf dem, was du als falsch begriffen hast, aufbauen und es besser machen.

WANN & WO: Was würden Sie Kunst interessierten jung­e­n ­Me­nschen mit geben?

Wolfgang Flatz: Eines meiner Lebensmotti ist: Mut tut gut. Menschen Mut zu geben, sich selbst zu finden, einen eigenen Weg zu gehen und eben auch Grenzen zu überschreiten, ist sehr wichtig. Ich denke, darin war ich auch einigen ein Vorbild.

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der WANN & WO!

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Vorarlberg
  • „Von Liebe geprägt, nicht von Misstrauen“
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen