Von der Zukunft der Alpenstadt

Die Stadt Bludenz feiert bald ihr 750-jähriges Bestehen - "oder so".

Für Bürgermeister Simon Tschann ist das nur ein Grund, um in die Zukunft zu blicken und sich zu fragen: Wie soll sich die Stadt weiterentwickeln und wie wird sie in Zukunft aussehen?

Gustav Heinemann (1899–1976), ehemaliger Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, meinte einst: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte." Veränderungen treibt der Bludenzer Bürgermeister, Simon Tschann, einige in der Alpenstadt voran. Bei einem Treffen im Gasthaus Löwen erzählt er, von aktuellen Herausforderungen und zukunftsträchtigen Projekten.

Simon Tschann, schön, dass wir uns in einem ungezwungenen Ambiente unterhalten dürfen. Geht der Bludenzer Bürgermeister öfter aus?

Simon Tschann: Wir haben ganz viele tolle Lokale in Bludenz und der Umgebung. Als Bürgermeister versuche ich da selbstverständlich keinen zu bevorzugen. Allerdings gehe ich auch nicht jeden Tag essen. Das geht auch nicht.

Einen Favoriten gibt es nicht?

Simon Tschann: Als ehemaliger Traube-Mitarbeiter wird es wohl immer das Hotel Traube in Braz bleiben. Da habe ich einen besonderen Bezug dazu. Sonst bin ich gern in der Stadt unterwegs. Wir haben einige tolle Lokale in Bludenz, auch wenn die Coronakrise die Situation vieler Gastronomen nicht gerade vereinfacht hat.

Viele haben sich schon zuvor schwergetan, Personal zu finden.

Simon Tschann: Das ist so. Zu meiner Zeit hat man um die Lehrstellen noch gestritten. Heute müssen sich die Betriebe regelrecht bei den Mitarbeitern bewerben. Das ist nicht nur in der Gastronomie so. Ich habe gehört, andere Gemeinden zahlen ihren Mitarbeitern ein iPad. Da finde ich persönlich das Klimaticket interessanter ...

Das Klimaticket-Angebot für Bludenzer Studenten gibt es erst seit Kurzem. Wie kommt es an?

Simon Tschann: Ganz abschätzen können wir die Nachfrage noch nicht, da das Ticket erst ab Herbst gilt. Die Resonanz bisher ist grandios. Nicht nur von den Studenten selbst. Viele Eltern und auch Großeltern finden es super, wenn das Kind beziehungsweise der Enkel öfter nach Hause kommt. Andere Gemeinden haben sich uns als Vorbild genommen, und wollen das nun auch umsetzen. Klar: Studenten, die nicht in Bludenz wohnen, haben Wind vom Angebot bekommen und fordern das in ihren Gemeinden nun ebenfalls.

Die Stadt Bludenz ist da ja bewusst vorangegangen.

Simon Tschann: Absolut. Wir wollten mit dem Verkehrsverbund Vorarlberg (VVV) vorangehen. Wir investieren jedes Jahr viel Geld in den öffentlichen Verkehr, in Bus und Bahn. Da ist es uns schon recht, wenn die Leute das Angebot am Nutzen und nicht im Auto sitzen. Außerdem wollen wir, dass die Studenten die Nähe zur Heimatstadt nicht verlieren. Wir brauchen auch in Bludenz gut ausgebildete Leute. Mit dem Klimaticket bleiben sie mit ihrer Heimat eher verbunden. Und am Ende des Tages zählt selbstverständlich auch der Umweltgedanke.

Und der ist groß beim Bludenzer Bürgermeister.

Simon Tschann: An dem Thema kommt man nicht mehr vorbei. Dementsprechend haben wir uns verschiedene Ziele gesetzt. Abgesehen vom Klimaticket und der Mission Zero, die wir beschlossen haben, arbeiten wir an einer Klimawandel-Anpassungsstrategie. Wir haben auch einen Klimafonds eingerichtet, in den wir jedes Jahr 50.000 Euro als echte Rücklage zur Seite legen. So können wir genug Geld für mögliche Umweltereignisse zurücklegen. Auf dem Dach der Remise soll in diesem Jahr noch eine Photovoltaikanlage installiert werden. Und die Schule in Außerbraz soll energetisch saniert werden. Für mich als junger Bürgermeister ist es außerdem wichtig, dass wir in der Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen. Besonders betonen will ich an dieser Stelle unsere Job-Bike-Aktion im vergangenen Jahr: Dabei konnten wir einige Mitarbeiter motivieren, sich ein Fahrrad anzuschaffen und damit zur Arbeit zu kommen.

Sogar das neue Dienstauto wurde umweltfreundlicher – nicht ohne Diskussion.

Simon Tschann: Ja, das stimmt. Das Auto war auch Teil unserer Mission Zero. Wobei ich betonen möchte, dass es sich um ein reines Dienstauto handelt.

Und wie fährt es sich?

Simon Tschann: Gut und sicher – schnell traue ich mich jetzt nicht sagen (lacht). Allerdings bin ich überwiegend in der näheren Umgebung unterwegs. Und da lasse ich das Auto gern stehen.

Und privat?

Simon Tschann: Privat besitze ich gar kein Auto. Da bin ich mit Bus und Bahn unterwegs. Kürzere Distanzen lege ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. Wenn ich doch einmal weiter wegfahre, leihe ich mir ein Auto aus. Früher sind wir zum Beispiel in den Ferien noch gern Campen gefahren. Dafür haben wir den Campingbus von meinem Vater gern genutzt. Sonst habe ich eigentlich nie ein Auto gebraucht.

Sie verstehen die junge Generation also, wenn diese kein Interesse mehr an einem eigenen Auto hat?

Simon Tschann: Durchaus. Erstens kostet es viel Geld. Und zweitens ist unser Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut und wird noch weiter ausgebaut.

Wie steht es um den Verkehr in Bludenz?

Simon Tschann: Wir haben gewisse Brennpunkte. Das will ich nicht abstreiten. Ich tue mir allerdings schwer damit, zu sagen, dass wir ein Verkehrsproblem haben. Da schaut es in anderen Städten schlimmer aus. Wir haben sicher Zonen, die nicht ideal gelöst sind. Der Postbühel ist zum Beispiel eine davon. Leider haben wir auch nicht die perfekte Lösung parat. Eine Ampel ist es in meinen Augen nicht. Ein Kreisverkehr geht sich vom Platz her nicht aus.

Den Verkehr um die Stadt herumzuleiten, war auch schon Thema.

Simon Tschann: Da gibt es Ideen, aber keine spruchreifen. Dazu handelt es sich hier um Landstraßen. Das müsste sich also das Land mit uns anschauen. Außerdem müssen wir uns bewusst sein, dass wir nie alle Autos aus der Stadt bringen werden. Das ist auch nicht das Ziel. Was wir aber wollen, ist, dass jene, die auf dem Fahrrad sitzen, zu Fuß gehen oder die Öffis nutzen wollen, ein attraktives Angebot haben.

In Bludenz wird aktuell abseits der Straßen an mehreren Großprojekten gearbeitet, wie zum Beispiel dem Brunnenbachviertel oder der Südtiroler Siedlung.

Simon Tschann: Das stimmt. Wir haben einige Projekte am Laufen und schon wieder in der Planung. Am Brunnenbachviertel wird bereits gearbeitet. Schon jetzt ist es kaum wiederzuerkennen. Das Projekt wird vom Lustenauer Unternehmen Haberl Bau gestaltet. Es ist ein besonderes Bauprojekt. Nicht nur, dass es selten vorkommt, dass ein einziger Bauträger ein ganzes Viertel neu gestaltet. Auch ist das Planungsverfahren innerhalb eines Jahres, also extrem schnell und vor allem reibungslos, über die Bühne gegangen. Das ist ein Paradebeispiel dafür, dass sich eine gute Planung und Absprache mit allen Beteiligten im Vorfeld lohnt. Von Anfang an wurden die Anrainer mit ins Boot geholt.

Dasselbe erhoffen Sie sich auch bei der Südtiroler Siedlung?

Simon Tschann: Ja. Auch da haben wir bereits erste Gespräche mit den Bewohnern geführt. Weitere sind bereits geplant. Es freut uns sehr, dass wir bei diesem Projekt mitwirken können. Die Südtiroler Siedlung ist ja im Besitz der Alpenländischen Gemeinnützigen Wohnbau GmbH und nicht der Stadt Bludenz. Selbstverständlich wollen wir da aber nicht nur mitreden, sondern auch finanziell einen Beitrag leisten. Weil die Siedlung für die Stadt Bludenz wichtig ist. Jetzt geht es vor allem darum, die ersten zwei Musterhäuser zu sanieren und die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner abzuholen.

Was wünschen sich diese?

Simon Tschann: Die Bevölkerung hat sich klar für eine Sanierung ausgesprochen. Das heißt, dass die Siedlung ihren Charakter behalten soll. Es geht vor allem darum, die Gebäude energetisch auf Vordermann zu bringen. Man muss kein Experte oder Bautechniker sein, um zu sehen, dass das nötig ist. Hier gilt es, die beste Lösung zu finden. Das ist auch der Punkt, bei dem ich sage: Bürgerbeteiligung ist wichtig. 

Für die Bewohner ist vor allem leistbares Wohnen ein zentrales Thema.

Simon Tschann: Absolut. Derzeit sind die Mieten überschaubar. Jeder der die Wohnungen kennt, weiß warum. Viele der Bewohner wären sogar bereit, mehr zu bezahlen, wenn sich die Qualität in Sachen Dämmung, Heizsystem und Nachhaltigkeit verbessert.

Die Kosten müssen aber überschaubar bleiben. Das ist die Herausforderung. Leistbares Wohnen ist ein Begriff, der derzeit viel gebraucht wird, für den es aber noch wenig Lösungsansätze gibt. Die aktuelle Lage macht es nicht einfacher. Die Baukosten steigen. Das merken wir bei den eigenen Bauvorhaben. Doch wir haben eine gewisse Verantwortung und der wollen wir nachkommen.

Verfolgt die Stadt Bludenz im Bereich des leistbaren Wohnens konkrete Ansätze?

Simon Tschann: Wir haben in Vorarlberg einige gemeinnützige Wohnbauträger, die gewisse Möglichkeiten bieten. Übrigens sind auch in der Stadt Bludenz viele gemeinnützige Wohnbauträger aktiv. Wir sind sogar mit der Landeshauptstadt gleichauf, was den sozialen Wohnbau betrifft. Ich selbst sitze auch im Aufsichtsrat der Alpenländischen.

Da wir gerade von Projekten und Quartiersentwicklungen sprechen: Die Stadt Bludenz kauft ja das Würbel-Areal ...

Simon Tschann: Da sind wir tatsächlich mit Frau Würbel einig, so viel darf ich verraten. Das Würbel-Areal passt super ins Konzept einer Quartiersentwicklung. Die Besitzerin möchte das Gebäude und ebenso den Garten öffentlich zugänglich machen. Das wäre genau in unserem Sinne. Daneben ist die Remise und auf der anderen Seite der Stadtsaal ...

Eine ideale Begegnungszone.

Simon Tschann: Genau. Für uns stellt sich die Frage, wie wir ein geschlossenes Quartier daraus machen, beleben und bespielen wollen. Es wäre ein großer Meilenstein für die Stadtentwicklung.

Welche weiteren Meilensteine stehen in Bludenz an?

Simon Tschann: Den nächsten Meilenstein feiern wir bereits am kommenden Dienstag, den 14. Juni. Dann wird das Stadtmuseum wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es wurde saniert und hat einen modernen Stil bekommen – ganz edel.

Es wird gewisse Fixpunkte geben, aber auch temporäre Sachen, die man bespielen kann. Die Besucher sollen immer wieder neues entdecken dürfen.

Im Herbst starten wir mit der Erweiterung der VS-Mitte mit 22 Millionen Euro Baukosten, das größte Einzelbauvorhaben der Stadt Bludenz.

Wir befassen uns momentan ebenfalls intensiv mit der mittelfristigen Projektplanung. Immerhin wartet 2024 ein besonderes Jahr auf uns: "750 Jahre Bludenz – oder so". Da wollen wir den Fokus auf die Stadtgeschichte legen. Allerdings soll es nicht nur ein Rückblick werden.

Als junger Bürgermeister stellt sich mir die Frage: wo soll es in den nächsten Jahrzehnten hingehen? Die Bereiche Umwelt, Digitalisierung und Bildung sind für mich ganz klar die Themen der Zukunft.

An welchen zukunftsträchtigen Projekten arbeitet die Stadt Bludenz?

Simon Tschann: Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie von den Vorarlberger Kraftwerken zu einem Fernwärmeprojekt, das wir gern verwirklichen würden. Ein riesen Projekt, das – wenn wir es realisieren können – Bludenz und Bürs mit Energie versorgen könnte und dabei nur halb so groß wäre wie jenes in Lech. Das wäre eine grandiose Geschichte. Mehr will ich an dieser Stelle aber noch nicht verraten.

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