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"Verantwortung verjährt nicht"

(VN) Schlins - Jagdberg: Betroffene erzählen Heilsames und Leidvolles.

Die Berichte über die Vergangenheit des Jagdberg als Landeserziehungsanstalt riefen unzählige Reaktionen hervor. Viele Menschen sind auf ihre Art betroffen. Als ehemalige Zöglinge, Angehörige von Erziehern, Fachleute. Diplom-Sozialarbeiter Arno Dalpra begrüßt die Tatsache, dass die Kommission des Landes die Opfer, soweit das möglich ist, entschädigt. Aber er warnt eindringlich davor, die Täter aus dem Blick zu verlieren. So viele Menschen, so viele persönliche Schicksale verbinden sich mit dem Jagdberg, der 1936 vom Land Vorarlberg übernommen wurde. Positive wie negative. Für den gebürtigen Bregenzer Hans-Jürgen Holzer etwa war der Jagdberg Mitte der 1960er-Jahre die Rettung. Freimütig schildert er, wie seine Familie erst in Bregenzer Barackenlagern hauste. „Mein Vater prügelte nicht nur seine Frau, sondern auch uns Kinder.“ Erst am Jagdberg fand Holzer „ein neues Zuhause“. Dort erst sei er „als Mensch behandelt worden, nicht als Tier oder Prügelknabe“. Gewiss, ein paar Ohrfeigen habe er erhalten, aber offenbar nichts im Vergleich zu den Schlägen des Vaters.

„Schläge gang und gäbe“

Ganz anders die Erinnerung von Helmut Kramer. Der kam mit 14 Jahren 1968 auf den Jagdberg. „Schläge waren gang und gäbe“, erzählt er. Er spricht von Drill und davon, dass die Buben im „Häschen-hüpf-Stil“ vom Keller unters Dach und wieder runter gejagt wurden. Kniebeugen bis zum Umfallen und Ohrfeigen bis zur Bewusstlosigkeit zählten seinen Worten zufolge zum pädagogischen Repertoire. Der damalige Direktor habe sich selber nie daran beteiligt, sei aber auch nicht eingeschritten. Kramer hat die klassische Heimkarriere hinter sich. War vor seiner Zeit am Jagdberg bereits in der bekannten Tiroler Bubenburg und danach im Tiroler Heim Kleinvolderberg. Die heutige Lehrerin Elke Latzer aus Nenzing ist die Tochter eines ehemaligen Erziehers am Jagdberg. „Unser Vater hat mich als zehnjähriges Mädchen mit hinauf genommen. Ich war unter anderem in der Theatergruppe.“ Latzer hat „eine schöne Zeit“ in Erinnerung. Ihr Vater habe ihr in den 1970er-Jahren wohl erzählt, „wie schlimm es früher war“. Dass Bettnässer etwa so lange mit dem nassen Leintuch herumlaufen mussten, bis es trocken war. Aber bis 1970 habe sich das alles grundlegend verändert.

Ethische Verantwortung

Arno Dalpra ist Psychotherapeut und Diplomsozialarbeiter des Instituts für Sozialdienste. Er arbeitet u. a. mit Gewalttätern. Was wirklich an psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt Kindern angetan wurde, möge juristisch verjähren, sagt er. „Das ist schon in Ordnung. Aber Verantwortung und Schuld verjähren nicht. Es gibt auch eine moralische, ethische Schuld, die in der Mitmenschlichkeit liegt. Die kann nur aufgehoben werden, indem das Opfer dem Täter vergibt.“ Deshalb sei die gegenwärtige Konzentration aller Anstrengungen auf die Opfer zwar verständlich, aber „wir müssen uns überlegen, wie wir mit den Tätern umgehen“. Auch vor dem Hintergrund, dass das Schlagen von Kindern vor noch gar nicht so langer Zeit gesetzlich erlaubt war. „In 60 Prozent der österreichischen Familien wird heute noch als Erziehungsmittel geschlagen.“ Höchste Zeit also, dass eine Historikerkommission gebildet wird und sich ans Werk macht, um diesen blinden Fleck in der Landesgeschichte, der die Erziehungsentgleisungen der Nachkriegszeit umfasst, auszufüllen.

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