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Übergewicht bei Kindern

„Fetti“ und „Krapfen“ rufen ihn seine Mitschüler. Unterschwellig tönt Hohn und Spott in ihren Stimmen mit. Felix ist anders als die anderen Kinder seiner Klasse.

Stolze 41 Kilogramm bringt der Zehnjährige auf die Waage. Er leidet an Adipositas, im Volksmund auch Fettleibigkeit genannt. Die „VN“-Heimat sprach mit Prim. Dr. Christian Huemer, Leiter der Kinderabteilung im Landeskrankenhaus Bregenz, über diese Wohlstandserkrankung und ihre Folgen.

„VN“-Heimat: Stadtarzt Dr. Michael Stockreiter warnt: Bereits in der 4. Volksschulklasse bringt jedes sechste Kind mehr als 20 Prozent zu viel Gewicht auf die Waage (die „VN“-Heimat berichtete). Wie sieht es denn vorarlbergweit aus?

Huemer: Die Zahlen sind ebenso dramatisch. Zehn Prozent der Vorarlberger Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen acht und 16 Jahren sind übergewichtig. Vier Prozent gar adipös, also krankhaft übergewichtig. Das sind bei etwa 70.000 Kindern, die hier leben, gut 1000, die wirklich behandlungsbedürftig sind und die die Norm bei weitem sprengen. Tendenz steigend.

„VN“-Heimat: Was heißt „die Norm bei weitem sprengen“?

Huemer: Das sind wirklich schwere Kaliber. 14- bis 17-Jährige, die locker 150 Kilogramm auf die Waage bringen. Ich erinnere mich an einen 19-Jährigen, der wog zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme 220 Kilo. Und solche Extremfälle gibt es immer mehr.

„VN“-Heimat: Man kann also sagen, unsere Kinder werden immer dicker. Worin sehen Sie die Ursachen? Huemer: Die Ursache liegt in ganz banalen Dingen wie Fehl- und Überernährung sowie Bewegungsmangel. Aber es ist auch ein gesellschaftliches Problem. Die Kinder stammen großteils aus sehr leistungsbewussten Familien und Bewegungsmangel hat mit Leistung zu tun. Lernen ist wichtiger als Bewegung.

„VN“-Heimat: Übergewicht wird vielfach auf die „leichte Schulter“ genommen. Doch es ist eine ernst zu nehmende Erkrankung. Was sind die Folgen dieser Erkrankung?

Huemer: Die Folgen sind gravierend. Reichen von Knochen- und Gelenksleiden wie Osteoporose und Bandscheibenproblemen über Alterszucker (Diabetes Typ II) bis hin zu Herz-Kreislauferkrankungen und Depressionen. Stark übergewichtige Kinder weisen bereits Veränderungen im Körper auf, vergleichbar mit einem älteren Erwachsenen.

„VN“-Heimat: Wie werden übergewichtige Kinder betreut?

Huemer: Derzeit sind übergewichtige Kinder noch nicht ausreichend betreut. Im vergangenen Jahr wurde in Kooperation mit dem Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin das Projekt X-Team ins Leben gerufen. Das ist ein ambulantes Programm mit Kochnachmittagen, Ernährungs- und Bewegungsworkshops. Behandlungsdauer: ein Jahr. Knapp hundert Kinder nehmen daran teil. Bleibt der Erfolg aus, gibt’s nur noch eine Lösung: die stationäre Aufnahme. Auch das Spital entwickelt Angebote für Kur- und Diätwochen. Das sollte allerdings als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Übergewicht hat volkswirtschaftlich gesehen also ebenfalls schwergewichtige Auswirkungen.

„VN“-Heimat: Was empfehlen Sie Eltern von übergewichtigen Kindern?

Huemer: Sich auf jeden Fall Rat bei Fachleuten suchen. Es ist ein Teufelskreis, dem es zu entrinnen gilt. Oft hängen daran die Lebensgewohnheiten einer ganzen Familie. Die sollten oder müssen dann geändert werden. Alle müssen an einem Strang ziehen. Darum werden beim Projekt X-Team auch die Eltern intensiv mit eingebunden.

Infos zum Projekt X-Team beim AKS Bregenz. Tel. 05574 64570, Mag. Alexandra Wucher oder im Internet unter www.aks.or.at

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