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Türkei: Acht Tote bei Zugunglück

Nach dem zweiten schweren Zugunglück in der Türkei in nur drei Wochen wächst die Kritik an der mangelnden Sicherheit der veralteten Bahn-Technik.

Bei der jüngsten Tragödie gab es nach Angaben von Donnerstag acht Tote und 88 Verletzte. Mit 82,5 Stundenkilometern war der Hauptstadtexpress Nummer 11001 aus Ankara wenige Kilometer vor der Stadtgrenze von Istanbul frontal mit einem Regionalzug zusammengeprallt.

Die Wucht des Aufpralls „verschweißte“ die Lokomotiven geradezu miteinander. Erst am Donnerstagmorgen gelang es den Rettern, die letzten Eingeklemmten zu bergen. Nach Überlebenden wurde da schon nicht mehr gesucht. Unter den Toten sind fünf Fahrgäste. Außerdem starben einer von vier Zugführern sowie zwei weitere Bahnmitarbeiter.

Mangelnde technische Ausrüstung der Züge und schlecht gewartete Signalanlagen waren am Tag nach dem Zusammenstoß die beherrschenden Themen in türkischen Medien. Regierung und staatliche Bahngesellschaft beharrten jedoch darauf, dass menschliches Versagen diesmal alleinige Unglücksursache gewesen sei.

Verkehrsminister Binali Yildirim war bereits mit dem ersten Unfall vom 22. Juli, bei dem es 38 Tote und mehr als 80 Verletzte gab, politisch unter Druck geraten. Für ihn gibt es an der Ursache des neuen Unglücks nichts zu deuteln: Der Zugführer des Hauptstadtexpresses habe ein Haltesignal nicht beachtet. Seinen Rücktritt schloss er erneut aus.

Eine Panne an der Signalanlage scheide aus, stellten Techniker der Bahngesellschaft TCDD am Donnerstag nach ersten Ermittlungen an der Unglücksstelle fest. Der Hauptstadtexpress hätte vor der Weiche warten müssen, als der Regionalzug mit Ziel Adapazari aus dem Bahnhof von Tavsancil herausfuhr. Dieser war nur zehn Stundenkilometer gefahren, als die beiden Züge zusammenstießen.

Mitarbeiter der Bahn wollten sich allerdings zunächst nicht zufrieden geben mit den offiziellen Erklärungen. Auf Ungereimtheiten machte der verletzte Zugführer des Expresszuges aus Ankara noch vom Krankenbett aus aufmerksam. Das Signal habe auf Grün gestanden, sei aber auf Rot gesprungen, gerade als der Zug die Stelle passierte. Eigentlich ist die Strecke an der Unglücksstelle zweigleisig. Es stand aber zum Unfallzeitpunkt nur ein Gleis zur Verfügung, das andere war wegen Bauarbeiten gesperrt.

Die Signalanlagen seien seit den siebziger Jahren nicht mehr erneuert worden und hätten immer wieder einmal „gesponnen“, pflichteten Berufskollegen dem verletzten Zugführer bei. Besonders nach starken Regenfällen sei kein Verlass auf die Signale. Per Funk hätten sich die Zugführer in solchen Fällen bei den zuständigen Leitstellen nach der Richtigkeit erkundigt. Nach dem vergangenen Regen sei eine Überprüfung der Signalanlage unterblieben, lauteten die Vorwürfe.

In Zweifel gezogen wurde auch die Sicherheit der in Bosnien-Herzegowina hergestellten Lokomotiven. In den Neunzigern hatte die türkische Regierung mehrere davon bestellt, um der Wirtschaft des vom Krieg erschütterten Landes wieder auf die Beine zu helfen. Anders als in der Türkei hergestellte Lokomotiven seien diese nicht mit dem ATS-System (Auto Train Stop) ausgerüstet. Diese automatische Bremsvorrichtung bringt den Zug zum Halten, sobald der Zugführer nicht rechtzeitig auf ein Rot-Signal reagiert. Eine Nachrüstung der bosnischen Lokomotiven sei wohl aus Kostengründen unterblieben, sagte ein Reporter von CNN-Türk an der Unfallstelle.

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