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„Tun wir, was wir heute tun können!“

Fordert Energieinstitut-Chef Josef Burtscher im VN-Interview über die Öko-Wende.
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Jugendproteste, Anforderungen an die Politik und die Wirksamkeit des Engagements der Bürger sind vordergründige Themen der Stunde.

Seit dem heißen Sommer letztes Jahr hat die Diskussion um die Erderhitzung wieder zugenommen und auch der Umgang mit Ressourcen ist stärker in den Fokus gerückt. Haben diese Themen wieder Konjunktur?

BURTSCHER Die mediale Wahrnehmung lässt den Schluss zu. In der täglichen Arbeit merken wir aber ein seit mehreren Jahren steigendes Interesse an nachhaltigen Lösungen in allen Bereichen: Von Unternehmen, Gemeinden, Bauleuten, Konsumentinnen und Konsumenten. Die Energieautonomie ist in den Vorarlberger Köpfen offenbar angekommen.

Den Jugendlichen, die im Rahmen der Fridays for Future demonstrieren, aber noch nicht genug.

BURTSCHER Es ist ja völlig legitim, dass sich diejenigen, für die wir „Enkeltauglichkeit“ in vielen Bereichen fordern, selbst zu Wort melden und sagen: Das geht uns nicht schnell und nachdrücklich genug.

Die Politik soll es richten?

BURTSCHER Ich glaube, die Politik ist vor allem dort gefragt, wo uns im Strudel des Alltags der Kopf fehlt, über jede einzelne Entscheidung nachzudenken. Beispiel Glühlampenverbot: Auch wenn sich da viele aufgeregt haben, ist es jetzt so, dass sich niemand mehr Gedanken darüber machen muss, ob seine Beleuchtung effizient ist, oder nicht. Es gibt schlicht keine andere mehr. Das muss natürlich nicht immer über Verbote laufen. Es können auch Anreize sein. Insbesondere aber halte ich die Politik bei jenen Entscheidungen gefordert, die sich über Jahre oder Jahrzehnte auswirken. Gebäude, die wir heute sanieren oder errichten, ragen buchstäblich bis 2050. Da wollen wir ja die Energieautonomie erreicht haben. Der Energieträger, den wir heute für unsere Heizung wählen, begleitet uns die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte. Diese Entscheidungen müssen klug und umsichtig getroffen werden. Und ich befürworte Rahmenbedingungen, die kluge Entscheidungen unterstützen.

Welche könnten das sein?

BURTSCHER Zum Beispiel Rahmenbedingungen, die uns davon abhalten, in der Entscheidung nur die momentan anfallenden Kosten zu berücksichtigen. Wir wissen aus mehreren sorgfältig begleiteten Projekten, dass bei Gebäuden, die nicht nur nach Errichtungs- sondern nach Lebenszykluskosten betrachtet werden, jene am wirtschaftlichsten sind, die sehr wenig Energie verbrauchen. Dazu haben wir in Forschungsprojekten Zigtausende Varianten gerechnet. Das kann nicht jede Bauherrschaft für sich tun. Aber man kann die Erkenntnisse, die ja auch für sie gelten und ihr zu einem kostenoptimalen Gebäude verhelfen, in ein Baurecht gießen und einen niedrigen Energiestandard festlegen, weil davon ja jeder profitiert. Oder wenn ich weiß, dass auf Straßen, auf denen ein niedriges Geschwindigkeitsniveau herrscht, der Zeitverlust für Autofahrer gering ist, aufgrund des steigenden Sicherheitsgefühls mehr mit dem Rad gefahren wird und Spritverbrauch, Lärm- und Feinstaubbelastungen deutlich reduziert werden, dann gibt es keinen Grund, auf diesen Straßen nicht auf Tempo 30 zu setzen.

Das klingt aber nicht nach dem Bohren dünner Bretter. Was tun wir zwischenzeitlich?

BURTSCHER Jeder, was er kann. Und zwar jetzt! Viele von uns können morgen mit dem Rad oder den Öffis zur Arbeit fahren. Oder freiwillig 100 auf der Autobahn. Beim Einkauf frische Lebensmittel der Saison kaufen, die nicht von Übersee eingeflogen wurden. Oder eine Gemüsekiste abonnieren. Überlegen, ob die Kleidung ein weiteres Mal getragen werden kann. Ökostrom bestellen. Und wer das zwei Jahre alte Smartphone noch zwei weitere Jahre behält, hat schon 50% Ressourcen gespart! Wenn wir das 1,5- oder 2-Grad-Ziel erreichen wollen, ist der CO2-Absenkpfad ein steiler. Aber wenn jeder in seiner Rolle und in seinem Verantwortungsbereich diesen Pfad geht, sei es als Einzelperson, als Familienoberhaupt, als Eigentümerin einer Firma oder als Bürgermeister, dann ergibt das in Summe die erforderlichen Maßnahmen.

Und die große Herausforderung auf dem Weg zur Energieautonomie?

BURTSCHER Bis 2050 wollen wir unseren Energieverbrauch in Vorarlberg so weit gesenkt haben, dass wir ihn mit regional verfügbaren, erneuerbaren Energieträgern abdecken können. Da wir die nicht unbegrenzt ausbauen können, müssen wir für jede Kilowattstunde, die wir die Erneuerbaren ausbauen, gleichzeitig um vier Kilowattstunden mit dem Verbrauch runter. Dann treffen sich Produktion und Verbrauch und wir haben die Energieautonomie. Die Herausforderung dabei: Nur die Hälfte der Reduktion erreichen wir durch verbesserte Effizienz. Die zweite Hälfte allein durch Verhaltensänderung. Und besonders letztere bedarf einer großen kollektiven Anstrengung. Das Wichtigste ist, und zwar unabhängig davon, ob das die Amerikaner, Chinesen oder unsere Nachbarn auch tun, oder nicht: Je länger eine Handlung nachwirkt, umso bedachter muss sie gesetzt werden. Und was wir heute schon tun können, müssen wir heute auch tun.

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