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Türkisch-Matura: Alte Debatte, neuer Schwung - Vorarlberg geteilter Meinung

Auch Vorarlberger Grüne plädieren für Einführung einer Türkisch-Matura in Österreich.
Auch Vorarlberger Grüne plädieren für Einführung einer Türkisch-Matura in Österreich. ©APA
Schwarzach - Türkisch als zusätzliche Fremdsprache an Österreichs Gymnasien und als Maturafach? Neu ist diese Diskussion keineswegs. Neues Leben haben ihr ÖVP-Bildungssprecherin Leeb und eine aktuelle Umfrage von SOS Mitmensch eingehaucht. Vorarlberg zeigt sich (erneut) geteilter Meinung: Die Grünen plädieren klar dafür, die Volkspartei sieht darin "keinen Sinn" und die Freiheitlichen orten "ein falsches Signal".

Vor gut drei Jahren verschwand die Debatte sang- und klanglos in der Versenkung. Im April 2011 hatte SPÖ-Unterrichtsministerin Schmied ihre Pläne zur Einführung von Türkisch als Maturafach zurückgezogen. Zu stark war der Gegenwind, der der roten Ministerin entgegenschlug.

Der Diskussion neues Leben eingehaucht hatte ÖVP-Bildungssprecherin Leeb vor wenigen Tagen. Sie hatte in einem Interview einen neuen Vorstoß in diese Richtung gewagt und betont, aus ihrer Sicht spreche nichts gegen Türkisch als Maturafach. Die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch legte mit einer Umfrage* nach.

Rund drei Viertel der AHS-Direktoren haben ebendieser Umfrage zufolge für Türkisch als Fremdsprachen-Maturafach sowie die Einführung eines Lehramtsstudiums Türkisch an einer österreichischen Universität plädiert. Für Türkisch als Maturafach sprachen sich laut APA 36 der 50 befragten Direktoren (72 Prozent) aus, für das Lehramtsstudium Türkisch 38 (76 Prozent). Nach Bundesländern betrachtet gab es nur in Kärnten keine Mehrheit für eine Türkisch-Matura: Drei Direktoren waren dafür, drei dagegen.

AHS-Direktoren sehen positiven Effekt

Bei einer Erweiterung des Fremdsprachenlehrplans rechneten die meisten Direktoren mit einem positiven Effekt für die Grammatik und den Wortschatz der Jugendlichen.

Grüne: “Kulturelle Brücke” zwischen Österreich und Türkei

„Ich halte es für sehr vorausschauend und klug, Türkisch als eine weitere Fremdsprache im Gymnasium und als Maturafach anzubieten. Es könnte der Wirtschaft dienlich sein – eine kulturelle Brücke zwischen Österreich und der Türkei,“ so Vahide Aydın, Migrationssprecherin der Vorarlberger Grünen, am Mittwoch. Vor allem in geschäftlichen Beziehungen sei es von Vorteil, bei Verhandlungen Mitarbeiter dabei zu haben, die beide Sprachen beherrschen und beide Kulturen kennen. So könnten Missverständnisse verhindert werden. Schließlich gebe es zwischen beiden Ländern enge wirtschaftliche Beziehungen.

Auch sei Mehrsprachigkeit eine entscheidende Ressource, die genutzt werden müsse: “Fremdsprachen zu lernen, erweitert den Horizont junger Menschen und erhöht später die Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt. Es wäre zudem eine schöne Wertschätzung, wenn nach 50 Jahren Migration aus der Türkei, die türkische Sprache einen Platz in den Gymnasien erhielte”, so Aydın abschließend.

Zusätzliche Fremdsprache für ÖVP “kein Thema”

Ganz anders sieht man das bei der ÖVP. Vor dem Hintergrund zahlreicher bildungspolitischer Herausforderungen mache die Einführung einer zusätzlichen Fremdsprache keinen Sinn, so der Klubobmann der Vorarlberger Volkspartei, Roland Frühstück. Es sei deshalb “wirklich vollkommen überflüssig”, sich über eine weitere lebende Fremdsprache an Gymnasien überhaupt Gedanken zu machen. Dass die Grünen den Vorstoß der AHS-Direktoren unterstützen, ist für Frühstück nicht nachvollziehbar: “Im Landtag hören wir jeden Monat, was das System Schule noch alles leisten sollte und dann soll auch noch ein zusätzliches Schulfach dazukommen”, zeigt sich Frühstück beinahe entrüstet. Das derzeitige Sprachangebot an Österreichs Gymnasien sei nicht nur absolut ausreichend. Auch bedeute die Einführung einer weiteren lebenden Fremdsprache einen enormen organisatorischen Aufwand. “Aus Vorarlberger Sicht wäre es auch kontraproduktiv, wenn türkischstämmige Gymnasiasten Türkisch und Englisch als Fremdsprachen wählten anstatt etwa Spanisch oder Französisch”, heißt es in einer Aussendung.

FPÖ: “Falsches Signal”

Diesem dezidierten Nein schließen sich die Vorarlberger Freiheitlichen an – wenn auch aus anderen Gründen. Das Hauptaugenmerk sei auf das Wesentliche zu richten: Dem Erlernen der Landessprache, “denn diese ist für eine gute Ausbildung, Integration und ein gutes Zusammenleben wichtig”, meint dementsprechend der designierte Integrationssprecher der Vorarlberger FPÖ, Christoph Waibel. Dem grünen Argument, die Türkisch-Matura sei im Sinne wirtschaftlicher Interessen wichtig, hält Waibel entgegen, es wäre “im Übrigen deutlich vernünftiger”, Sprachen, die für die Wirtschaft tatsächlich immer wichtiger werden zu fördern, anstatt falsche Signale zu senden – und meint damit etwa Russisch oder Chinesisch. „Konzentrieren wir uns daher auf das Erlernen der Landessprache. Ziel muss sein, dass jedes Kind bei Schuleintritt die Unterrichtssprache, und die ist bei uns eben Deutsch, beherrscht. Das ist wesentlich wichtiger als Türkisch als Maturafach“, so Waibel.

Spindelegger gegen aufgezwungene Debatte

Und die Bundesregierung? Nichts gegen Türkisch als Fremdsprachen-Maturafach hätten Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP), Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ).

Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) zeigte dagegen wenig Lust auf diese Debatte. “Nur weil Erdogan nach Österreich kommt, brauchen wir uns jetzt nicht irgendeine Diskussion aufzwingen zu lassen”, so der Vizekanzler im Pressefoyer nach dem Ministerrat.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hingegen wollte auf das Thema nicht näher eingehen: “In Fragen von Unterrichtsfächern überlasse ich die Vorschläge in der Öffentlichkeit meiner zuständigen Ministerin.”

* Für die Umfrage unter AHS-Direktoren wurden mehr als 100 Schulen aus allen Bundesländern nach dem Zufallsprinzip kontaktiert, berichtet SOS Mitmensch. Insgesamt haben 50 Direktoren Stellung genommen und zwar: 9 aus Niederösterreich, 8 aus Wien, 7 aus der Steiermark, 6 aus Kärnten, 5 aus OÖ, 5 aus Tirol, 5 aus Salzburg, 3 aus Vorarlberg, 2 aus dem Burgenland.

(red)

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