Tschetschenen: Den Zuzug besser steuern

Bregenz (VN) -  Bregenz sucht nach Wegen, um den Zuzug von Tschetschenen zu regulieren.
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„Es leben tatsächlich 478 Tschetschenen in Bregenz“, korrigiert die Leiterin der Sozialabteilung, Alexandra Kargl, die Zahl 455, „die sich schon wieder überholt hat“. Gemeinsam mit Integrationsfachfrau Necla Güngörmüs plant sie weit mehr als nur ein Kennenlernfest im April, in dessen Verlauf sich Tschetschenen vorstellen sollen. Die Stadt Bregenz, die deutlich mehr Zuwanderer aus Tschetschenien hat als alle anderen Kommunen Vorarlbergs gemeinsam, sucht derzeit Wege, den starken Zuzug zu steuern. Einfach ist das nicht. Es wandern Konventionsflüchtlinge zu.

Deren Asylantrag wurde bewilligt. Sie können sich niederlassen, wo sie wollen. „Eine Clearingstelle bei der Sozialhilfe könnte da helfen“, meint Kargl. Denn wer Asyl erhalten hat, rutscht in Vorarlberg von der Grundversorgung der Caritas erst einmal in die Sozialhilfe. In der Steiermark ist das anders. Da beziehen Konventionsflüchtlinge ein weiteres Jahr Grundversorgung. Die liegt bei 180 Euro pro Erwachsenem, 80 Euro pro Kind und 40 Euro Taschengeld. Sozialhilfe ist doppelt so hoch. Auch deshalb übersiedeln Konventionsflüchtlinge an den Bodensee. „Die Achse Graz-Bregenz“ ist den Behörden schon länger bekannt.

Invest „größter Vermieter“

Auch denkt Kargl daran, die Sprengelgrenzen der Pflichtschulen und Kindergärten flexibler zu handhaben. So könnten Migrantenkinder besser aufgeteilt werden. Die Stadt veranstaltet Elternabende für Tschetschenen. Nachbarschaftliche Probleme, wie sie zuletzt der freiheitliche LAbg. Hubert Kinz aufzeigte, versucht sie seit Dezember zu lösen. Man kann sich auch einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. „Der größte private Vermieter an Tschetschenen ist die Invest“, heißt es seitens der Stadt. Der Invest-Geschäftsführer aber ist der Bruder des freiheitlichen Abgeordneten.

Im Dezember bat die Stadt Bregenz das Land um Hilfe. Kargl und Güngörmüs betonen, dass es viele tschetschenische Beispiele geglückter Integration gebe. Aber insgesamt wisse man einfach noch viel zu wenig von dieser neuen Zuwanderergruppe. Seitens der Caritas-Flüchtlingshilfe betont Martin Fellacher, „dass 60 Prozent von den Tschetschenen, die wir erfasst haben, im Berufsleben stehen“. Seiner Schätzung nach leben etwa 1000 im Land. Die meisten integrieren sich gut. Auffällige negative Geschichten aber brächten die ganze Gruppe in Verruf.

Fellacher gibt auch zu bedenken, dass viele Tschetschenen über Jahre hinweg Gewalt erfahren haben. Sich auf den Kärntner Psychotherapeuten Siegfried Stupnik stützend, geht er von 70 bis 80 Prozent kriegstraumatisierten Flüchtlingen aus der Kaukasus-Republik aus. Stupnik arbeitet seit sieben Jahren intensiv mit Tschetschenen. Fellacher fordert ein umfassendes psychotherapeutisches Angebot bereits in der Grundversorgung. „Das ist aber derzeit nicht vorgesehen.“ Es ist zu teuer.

Nur Beheimatung hilft

Der Bregenzer Psychiater Hans-Peter Oswald hatte vergangenes Jahr zehn tschetschenische Kinder und Jugendliche in Behandlung. Zwei davon „mit manifesten Behinderungen“, die anderen „ganz eindeutig traumatisiert“. Die Entwurzelung, der Verlust der Freunde, das ungewisse Schicksal eines Elternteils – „all das trifft die Kinder schwer“. Wenn die Familien aus Tschetschenien raus sind, fällt die Angst vor Tod und Folter erst einmal von ihnen ab. Doch Narben bleiben. Selbst tragfähige Beziehungen zu den Eltern werden von Lebensängsten überlagert.

Patriarchale Gesellschaft

Hat er Gewaltbereitschaft erlebt? „Tschetschenen kommen aus einer rauen Kultur“, sagt Oswald, „die Männer gehen oft nicht irrsinnig freundlich mit ihren Frauen um.“ Oswald zeichnet das Bild einer patriarchalischen Gesellschaft und fügt hinzu, dass das Randgruppendasein „zusätzliches Aggressionspotenzial schafft“. Eine ernsthafte Aufarbeitung ihrer Erlebnisse aus Krieg und Flucht „setzt eine neue Beheimatung voraus“.

Brennende Probleme

Der freiheitliche Klubobmann Dieter Egger nimmt die hohe Zahl von Bewohnern aus der russischen Föderation in Bregenz zum Anlass einer Anfrage an die Landesräte Erich Schwärzler und Greti Schmid. Dass die Sozialhilfe des Landes völlig überteuerte Wohnungen (1067 Euro pro Monat in Bregenz oder 1300 Euro monatlich in Hard) finanziert, möchte er ebenso erklärt wissen wie disziplinäre Probleme im Schulbereich und grassierende Schwarzarbeit. Ein Situationsbericht der Bregenzer Sozialabteilung sprach im Dezember 2010 von „brennenden Problemen“.

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