Tschetschenen-Causa: Unsicherheit auf beiden Seiten

Bregenz/VN - Die Politik ist auf Sicherheit bedacht – Die Tschetschenen ringen um Verständnis.
Grafik: Tschetschenien
"Asylwerber und Flüchtlinge müssen sich an Spielregeln halten"

Die Politik zog im „Bregenzer Tschetschenenkonflikt“ am Dienstag alle Register. Für die FPÖ verlangte Klubobmann Dieter Egger die Einberufung des Sicherheitsrates. So viele Bürger hätten sich verängstigt an ihn gewandt. Namens des BZÖ richtete Nationalrat Christoph Hagen 14 Fragen an Innenministerin Maria Fekter, die in der Mutmaßung gipfeln, dass „vor kurzer Zeit angeblich 424 tschetschenische Asylwerber nach Vorarlberg verbracht“ wurden und „eine Nachrichtensperre verhängt“ wurde.

Sicherheitslandesrat Erich Schwärzler erinnerte daran, um Versachlichung bemüht, dass viele Tschetschenen „sich sehr gut integrieren“. Die anderen werde man „im Auge behalten“. Landesrätin Greti Schmid brachte zahlreiche Projekte von AMS und Caritas in Erinnerung.

Die andere Seite

Und die Betroffenen selber? Der 48-jährige Usam Akajev ist einer jener 478 Tsche­tschenen, die in Bregenz leben und unversehens ins Rampenlicht geraten sind. Er floh 2005 nach Österreich. Den Reporter führt er stolz ins Bregenzer Wirtshaus am See, weil dort sein 18-jähriger Sohn Bulat eine Lehre als Koch absolviert.
„Hier haben wir die erste tschetschenische Hochzeit Vorarlbergs gefeiert, mit Trachten und Tänzen und Pferden.“ Ganz traditionell. Das Wirtshaus nahm keinen Schaden dabei. Im Gegenteil. Wirt Martin Berthold begrüßt den alten Bekannten herzlich und erkundigt sich angelegentlich, ob Usams 16-jährige Tochter Seda schon eine Lehrstelle gefunden hat. Sie möchte Kosmetikerin werden. Bislang vergebens. Martin Berthold wird weiter herumfragen. Das Mädchen nickt dankbar.

Ihr 15 Jahre alter Cousin Emir Arsano sportelt fürs Leben gern. Ingo Hammes vom Jugendzentrum Between kennt den Jungen gut, der sich als Judoka und Fußballtorwart schon einen Namen gemacht hat. Dass so viel und so viel Schlechtes über Tschetschenen geredet wird, steckt der Hauptschüler scheinbar weg. „Ich hab mich dran gewöhnt.“ Er wirkt ziemlich abgeklärt. Wie viel von dem Gerede unter die Haut fährt, lässt er nicht erkennen. Er und Seda sind die neue Generation. Ihr Zuhause heißt Vorarlberg. Usam Akajev tut sich da schwerer. Für ihn ist Heimat dort, „wo mein Großvater gelebt hat“. Die Gegend am Arlberg erinnert ihn an Tschetschenien. Hätte es diese verdammten Kriege nicht gegeben, „dann wären Sie vielleicht als Touristen zu uns gekommen“. Usam ist ein stolzer Mann. Ein Patriarch. Das spürt man. Die Jugendlichen sind streng erzogen. Sie stehen sofort auf, als Martin Berthold an den Tisch tritt.

Auch die Jungs, die später im Jugendzentrum Between mit ihrem Trainer Timur Boxtraining abhalten, lassen den ungebetenen Gast nach Herzenslust fotografieren. Sport ist für sie alles. Daneben wünschen sie sich Geld und Job und Familie und Zukunft. Wie alle eben. „Wir sind ganz normal“, sagt der 15 Jahre alte Emir Arsano, als gelte es, sich vom Tier zu unterscheiden.

Tschetschenien

In der mehrheitlich von Moslems bewohnten russischen Teilrepublik Tschetschenien bekämpfen sich seit einem Jahrzehnt Streitkräfte und Freischärler in einem erbitterten Konflikt.

In zwei Kriegen von 1994 bis 1996 sowie von 1999 bis 2009 sind Hunderttausende Zivilisten, Soldaten und Rebellen getötet worden. Internationale Beobachter und Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen melden immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung sowie an Gefangenen der russischen Truppen.

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