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Triebtäter: Unverständnis über Freilassung

Bludenz - Warum wird ein mehrfacher Triebtäter, der sich vor Kurzem erneut an einem Mädchen vergriffen haben soll, aus der Untersuchungshaft entlassen?

Das fragen sich nach dem „VN“-Bericht von Donnerstag viele Vorarlberger, für die die Freilassung des 46-jährigen Tatverdächtigen nicht nachvollziehbar ist. „Dass jemand bei diesem Verdacht freigelassen wird, ist mir völlig unverständlich. Ich habe mit meiner elfjährigen Tochter darüber geredet, sie hat Angst“, schildert eine besorgte Bludenzer Mutter in einer Umfrage.

Der Mann ist verdächtig und teilgeständig, Mitte Juni in der Bludenzer „Zitronensiedlung“ ein achtjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Bereits im Jahr zuvor soll er sich in seiner Wohnung an einer Siebenjährigen vergriffen haben. Seit den 90 er Jahren hat sich der 46-Jährige bereits mehrfach an Kindern vergangen und saß in Haft, eine begonnene Therapie brach er ab.

Die Informationen, die nach dem gestrigen „VN“-Bericht seitens des Landesgerichtes zu dem Fall gegeben werden, sind spärlich.

Klar ist: der zuständige Untersuchungsrichter sah nach der Befragung des achtjährigen Opfers keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen den Mann in Hinsicht auf den schweren sexuellen Missbrauch, weil es laut Gerichtssprecher Reinhard Flatz zu einer „Abschwächung der Vorwürfe“ gekommen sei (§ 206 Absatz 1 StGB) und setzte ihn daraufhin auf freien Fuß.

Anderer Paragraf

Offenbar steht jetzt der sexuelle Missbrauch nach § 207 Abs. 1 StGB im Raum, dabei geht es nicht um den Vollzug des Beischlafs mit Minderjährigen sondern um sexuelle Handlungen mit Kindern. Dieser Tatverdacht reichte dem Richter offenbar nicht aus, um den Triebtäter weiterhin in Haft zu belassen.

Die „VN“ wollten den zuständigen Untersuchungsrichter Dr. Thurnher zu seiner Entscheidung befragen, dieser wollte sich gestern selbst nicht zu dem Fall äußern, verwies auf die zuständigen Pressesprecher des Landesgerichts. Der leitende Staatsanwalt Franz Pflanzner darf sich nach eigenen Angaben aus rechtlichen Gründen zum Inhalt der Befragung des Mädchens nicht äußern. „Tatsache ist, dass nach der Befragung kein dringender Tatverdacht vom Richter gesehen wurde, die Staatsanwaltschaft sieht das anders, deshalb geht die Beschwerde über die Entscheidung ans Oberlandesgericht.“ Die Staatsanwaltschaft will damit erreichen, dass der Mann wieder in Untersuchungshaft genommen wird, vor allem, weil eine Wiederholungsgefahr vorhanden sei. Nach Abschluss der Voruntersuchungen wird die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Bludenzer erheben, dieser wird sich in einem Prozess verantworten müssen.

Fest steht: Auch bei sexuellem Missbrauch nach Paragraf 207 Absatz 1 StGB kann der zuständige Richter gegen einen Verdächtigen U-Haft verhängen. Auf dieses Delikt stehen bis zu fünf Jahre Haft. „Der Richter bewertet die Gesamtumstände der Tat und entscheidet dann, ob jemand in Haft bleibt oder nicht“, erklärt Franz Pflanzner.

Letzte Hoffnung

Auflagen an den Verdächtigen – wie z.B. das regelmäßige Melden bei der Polizei oder eine Therapie – sind gesetzlich bei der Entlassung aus der Untersuchungshaft nicht vorgesehen. Der Mann kann sich derzeit in Vorarlberg frei bewegen, wird nicht polizeilich beobachtet. Der Beschluss des Oberlandesgerichts Innsbruck ist nunmehr die letzte Möglichkeit, den Mann doch noch in Haft zu nehmen. Damit ist aber erst in ca. zwei Wochen zu rechnen.

Der Tatverdächtige wohnt mittlerweile zur Erleichterung der Anrainer nicht mehr in der Siedlung, ist nun bei seinem Vater in Bludenz gemeldet. Öffentlich wollte sich gestern niemand in der Siedlung äußern, die Verunsicherung seit den Vorfällen ist groß. Bei den Nachbarn galt der Mann als kinderlieber Einzelgänger, der gerne Süßigkeiten verteilte und regelmäßig Besuch von Kindern in seiner Wohnung hatte.

Gesetz § 207 Sexueller Mißbrauch von Unmündigen
Absatz 1:
Wer außer dem Fall des § 206 eine geschlechtliche Handlung an einer unmündigen Person vornimmt oder von einer unmündigen Person an sich vornehmen lässt, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.

VN-UMFRAGE: Ist die Entscheidung richtig?

Ich bin entsetzt über diese Vorgangsweise. Das Vertrauen in unsere Justiz wird hier absolut in Frage gestellt. Wer soll unsere Kinder denn schützen? Ich bin verunsichert, wenn ich daran denke, dass der Täter nun wieder entlassen wurde.
MONIKA TÜRTSCHER, BLUDENZ

Der Richter wird wissen, warum er den Täter auf freien Fuß entlassen hat. Obwohl ich selbst ein Kind habe, habe ich keine Angst, dass etwas passieren könnte. Mein Sohn ist aufgeklärt und weiß auch, dass er mit niemandem mitgehen darf.
GERRIT PROBST, BLUDENZ

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