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"Tragödienbastard" im Schauspielhaus

Weg mit dem Besen, her mit dem Uniabschluss - und das am besten noch mit herausragenden Noten. Aus diesem Aufstiegsnarrativ ist es höchste Zeit auszubrechen, wird die namenlose Migrantin nicht müde zu betonen. Als Göttin der Nacht mit viel Glamour fühlt sie sich in "Tragödienbastard", dem ersten Theatertext von Ewelina Benbenek, wesentlich wohler. Florian Fischer brachte das von trübsinnigen bis aufmüpfigen Monologen geprägte Stück im Schauspielhaus Wien zur Uraufführung.

Sie alle tragen die gleiche altmodische Kleidung und die gleiche etwas unheimlich anmutende, ausdruckslose Maske. "Bin ich das?", fragt sich eine der drei Figuren zu Beginn der Inszenierung. Mit langsamen Bewegungen erkunden die Migrantinnen zu atmosphärischen Klängen ihre Körper und Umgebung. Sie wurden in eine Wohnzimmerkulisse drapiert, die so gar nicht zu ihnen passen mag: ein in Plastikfolie gehüllter Weihnachtsmann, ein Paar Krücken, ein Beistelltisch, ein Marienbild und eine Sofagarnitur. Es wirkt, als könnten ihre Eltern, die damals ihr Heimatland verließen, um anderswo ihr Glück zu suchen, noch eher etwas mit den Gegenständen anfangen.

"Ich kann das Narrativ der Eltern nicht unterschreiben und will es auch nicht", erklärt eine der drei von Clara Liepsch, Til Schindler und Tamara Semzov überzeugend gespielten Figuren. Mutter Maria soll mitsamt dem "Babyjesus" von der Wand gerissen und verbrannt werden. Auch muss der Großmutter klargemacht werden, dass man hierzulande keinen Mann braucht und es kein Drama ist, keine Kinder zu gebären. Und ja, es muss erlaubt sein, keine Vorzeigekarriere hinzulegen, wenn man doch viel lieber ein Lied von Beyoncé grölend betrunken mit der U-Bahn fahren möchte.

Nach rund einem Drittel des 100-minütigen Abends ist es dann soweit und die Migranten streifen das übergestülpte "AufstiegsHEROnarrativ" in Form der Maske ab, um nach und nach zu individuelleren "Göttinnen der Nacht" in grellen Ausgehoutfits zu werden, die sich auch die vormalige Beleidigung "Migrantenfotze" stolz zu eigen machen. "Wir sind jetzt hier, da kann man nichts mehr machen", zischen sie bedrohlich ins Publikum.

Der Text steht bei "Tragödienbastard" klar im Mittelpunkt. Die des Öfteren im Einklang sprechenden Schauspielerinnen haben eine Fülle an Monologen zu bewältigen. Sie werden jedoch von einem Bildschirm entlastet, auf dem über weite Strecken der Inszenierung Gedanken eingeblendet werden. Auch entschloss sich der Regisseur dazu, die Zuseher auf einer dritten Ebene mit Text zu versorgen: Eingespielte Tonaufnahmen ersetzen für geraume Zeit gar das auf der Bühne gesprochene Wort.

Rund eine Stunde wälzen sich die zwischen Abrechnung, Aggression und Selbstmitleid mäandernden Sätze in behäbigem Tempo dahin. Die von den Migrantenkindern empfundene Mühsal, sich "immer und immer wieder" erklären zu müssen, wird förmlich spürbar. Dann ist jedoch Schluss mit dem Selbstmitleid ("Pityparty") und Zeit zu feiern. Gerade noch rechtzeitig. Es drohte zu lähmen.

Nach einem kurzen Ausflug in das Nachtleben begibt sich das Stück jedoch wieder in nachdenkliche Gewässer. Dort wird zu lange verweilt. Die Finger beginnen zu schrumpeln und das Wasser ist nur noch lauwarm. Weniger wäre hier mehr gewesen. Was bleibt, ist ein etwas zu repetitives, aber dennoch gelungenes Plädoyer aus Migrantenperspektive wider den Leistungsdruck und für ein selbstbestimmtes, mutiges Leben. Das Publikum spendete langen, wenngleich nicht überschwänglichen Applaus. Ob "Tragödienbastard" in naher Zukunft verdientermaßen zu weiteren Aufführungen gelangt, steht angesichts der angekündigten verschärften Maßnahmen der Bundesregierung gegen Covid-19 auf einem anderen Blatt.

(APA)

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