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Toulouse-Kandahar - Der Weg des Mohamed Merah

Angehörige der getöteten Schüler von Toulouse
Angehörige der getöteten Schüler von Toulouse ©AP
Fußball, Ausgehen, den Nachbarn helfen: Das Leben des Mohamed Merah war für sein Umfeld nicht auffällig. "Er war total normal", sagt der 46-jährige Cedric Lambert über den mutmaßlichen Attentäter von Toulouse.
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Merah sei freundlich gewesen und habe im vergangenen Jahr sogar geholfen, ein Sofa in eine Wohnung zu tragen. Umso überraschter waren seine Nachbarn am Mittwoch, als Eliteeinheiten der Polizei das Gebäude in der südfranzösischen Stadt umstellten und versuchten, den mutmaßlichen Mörder zur Aufgabe zu bewegen. Der 24-Jährige ist Ermittlern zufolge für den Anschlag auf eine jüdische Schule verantwortlich, bei dem drei Kinder und ein Lehrer erschossen wurden. Auch die Ermordung dreier Soldaten in diesem Monat soll auf sein Konto gehen.

Schon vor Jahren auffällig

Nach den Anschlägen werden immer mehr Puzzleteile bekannt, die ein Bild eines jungen Mannes ergeben, der den Sicherheitsbehörden schon vor Jahren bekannt war und immer stärker in den Extremismus abglitt. Bei den Verhandlungen mit Experten der Eliteeinheit Raid gab der Franzose mit algerischen Wurzeln an, durch eine Salafistengruppe radikalisiert worden zu sein. Salafisten vertreten eine besonders strenge Strömung des Islams und werden auch von deutschen Sicherheitsbehörden mit großer Sorge beobachtet. Nach Angaben des französischen Innenministers Claude Gueant festigte sich Merahs Weltbild bei Reisen nach Afghanistan und Pakistan.

2007 wurde der Franzose in Afghanistan sogar festgenommen, weil er Bomben gelegt haben soll. Der Gefängnisdirektor von Kandahar, Ghulam Faruk, sagte, bei einer Massenflucht im darauffolgenden Jahr sei Merah aus der Anstalt entkommen. Damals sprengten die radikalislamischen Taliban das Haupttor der Einrichtung und befreiten bis zu 1000 Häftlinge. Nachdem der Islamist in Afghanistan aufgegriffen wurde, beobachtete ihn der französische Inlandsgeheimdienst jahrelang.

Nachbarn ahnen nichts

Die Menschen in seiner Umgebung bekamen von dem Doppelleben offenbar nichts mit. Freunde berichteten am Mittwoch, Merah habe nie über Religion gesprochen und wollen nicht gewusst haben, dass er in Afghanistan war. Zwar habe er gebetet, sagte ein Freund, der seinen Namen mit Kamal angab. “Aber wir beten alle fünfmal am Tag. Das ist ganz normal.”

Der Einsatz französischer Soldaten in Afghanistan könnte erklären, warum drei Fallschirmjäger in der Region Toulouse die ersten Opfer der Mordserie waren. Französische Geheimdienstmitarbeiter vermuten, dass sich etwa 30 Taliban-Kämpfer aus Frankreich an zurückliegenden Angriffen auf die westlichen Truppen in Afghanistan beteiligt haben.

Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Merah stellvertretend für Hunderte Einwanderer aus Nordafrika steht, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Frankreich leben, sich islamistischen Gruppen angeschlossen haben und in Afghanistan oder Pakistan waren. Viele von ihnen radikalisierten sich durch den Nahost-Konflikt. So nahm die Zahl der Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Frankreich nach der Verschärfung des Konfliktes vor gut zehn Jahren zu.

Nahohst-Konflikt als Motiv

Ermittlern zufolge gab Merah den Nahost-Konflikt auch als Motiv für die Schüsse in der jüdischen Schule in Toulouse an. Er habe den Tod palästinensischer Kinder rächen wollen. Nach den Worten von Innenminister Gueant ging der 24-Jährige dabei kühl und gezielt vor und soll die Tat sogar gefilmt haben, bevor er auf einem gestohlenen Motorroller flüchtete.

Umso schockierter zeigen sich Freunde Merahs. “Er mag Fußball und Motorräder wie jeder Mann in seinem Alter”, sagt ein Toulouser Freund, der nach eigenen Worten mit ihm schon in die Grundschule ging und in Kontakt blieb. “Ich wusste nicht mal, dass er betet.”

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