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Theater der Jugend: "Ein Kind" im Thomas-Bernhard-Archiv

"Ein Kind" im Theater im Zentrum: Rosenthal, Zupancic, Fuchs
"Ein Kind" im Theater im Zentrum: Rosenthal, Zupancic, Fuchs ©APA /TDJ
Der letzte Wille, in dem sich Thomas Bernhard alle Aufführungen, Nachdrucke und Nachstellungen nach seinem Tod verbeten hatte, wird gleich zu Beginn unter Schmunzeln der Archivare geschreddert. "Es endet wie es begann: mit einer Niederlage." Das Interesse der Bühnen an dem 1989 Verstorbenen ist ungebrochen. Für das Theater der Jugend hat Gerald Maria Bauer den Versuch unternommen, den autobiografischen Band "Ein Kind" zu dramatisieren. Ein rundum geglücktes Unternehmen.

Ausstatter Friedrich Eggert hat ein mintfarbenes Thomas-Bernhard-Archiv auf die Bühne des Theaters im Zentrum gestellt. In Kästen und auf Regalen sind Unterlagen, Requisiten wie alte Schreibmaschinen und Radioapparate, aber auch Musikinstrumente und Menschen untergebracht. Fünf Schauspieler bevölkern das Archiv und erwecken die Erinnerungen Thomas Bernhards an seine Kindheit und Jugend zum Leben.

Jasper Engelhardt ist das titelgebende Kind. In brauner, kurzer Hose mit Hosenträgern wendet er sich immer wieder direkt ans Publikum. David Fuchs ist der geliebte Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, der zum Vaterersatz und in seiner ablehnenden Haltung zu Menschen und Gesellschaft zum Vorbild wird. Valentin Späth, Violetta Zupancic und Stefan Rosenthal wechseln ständig zwischen Archivpersonal, Erzählern oder kurz aus der Erinnerung auftauchenden Figuren. Das klappt vorzüglich, bräuchte allerdings nicht den ständigen Über- und Nachdruck, mit dem man hier zugange ist.

Denn die Geschichte erzählt sich in einer Fülle von liebevollen, ironischen Details ganz spielerisch. Es ist das Making of eines großen Künstlers, von dem die Mutter, die mit dem Kind ihre liebe Not hat, bereits ahnt, dass hier ein ganz besonderer Mensch heranwächst. Ganz besonders liebenswert allerdings nicht - weswegen Bauer Passagen, in denen die Freundlichkeit, Heiterkeit und Umgänglichkeit des jungen Mannes hervorgehoben wird, in Richtung der an einer Kastentüre hängenden Schwarz-Weiß-Porträtfotografie des großen Misanthropen spielen lässt: Was stimmt - unser Bild von ihm oder sein Selbstbild?

Da sind wir schon nach der Pause dieses mit zweieinhalb Stunden an leichter Überlänge leidenden Abends. Das mit Selbstbeobachtung und Selbstbewunderung aufgewachsene Kind ist da bereits ein 16-jähriger Schulabbrecher, der als Lehrling in einer Lebensmittelhandlung in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung (jede Nennung dieser übel beleumundeten Gegend wird mit einem Donnerschlag begleitet) arbeitet.

Gerald Maria Bauer hat nämlich auch den Roman "Der Keller. Eine Entziehung" mit einbezogen, und es lässt sich durchaus vorstellen, dass er das in Angriff nehmen könnte, was der Zeichner Lukas Kummer seit einigen Jahren sehr erfolgreich auf dem Sektor der Graphic Novel bewerkstelligt: Allen autobiografischen Schriften Thomas Bernhards neue Bilder abzugewinnen und damit auch neue Leserschichten zu erschließen. Weil das Bernhard-Diktum, mit dem der Abend beendet wird, eben nicht stimmt: "Es ist alles egal." Das war es auch den Besuchern am Freitagabend nicht. Großer Premierenapplaus.

(S E R V I C E - "Ein Kind" von Thomas Bernhard, für die Bühne eingerichtet von Gerald Maria Bauer, Regie: Gerald Maria Bauer, Ausstattung: Friedrich Eggert. Mit Jasper Engelhardt, Valentin Späth, Violetta Zupancic, David Fuchs und Stefan Rosenthal; Theater im Zentrum, Wien 1, Liliengasse 3, Vorstellungen bis 22. März, )

(APA)

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