Tamile in Vorarlberg: So ist die Situation in Sri Lanka nach dem Terror

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Sri Lanka litt für Jahrzehnte unter einem blutigen Bürgerkrieg, dennoch waren die Osteranschläge ein tragische Neuheit für die Insel im Indischen Ozean. Wir haben mit dem in Vorarlberg lebenden Tamile Chandrakumar Thiyagarajah über die Situation in seiner Heimat und was die Anschläge bedeuten gesprochen. Denn auch zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg ist dieser noch nicht überwunden. 
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Chandrakumar Thiyagarajah lebt seit 16 Jahren in Vorarlberg, gebürtig stammt der Tamile aus dem Norden Sri Lankas. Als Koch und Caterer bringt er gemeinsam mit Maria Rodewald den Vorarlbergern die tamilische Küche näher. Den Kontakt mit der Heimat hat er jedoch nie  verloren, denn seine Familie lebt noch in Sri Lanka. Als die Terroranschläge von Ostern bekannt wurden, habe sein Volk entsetzt reagiert. Nicht nur wegen dem Ausmaß des Terrors, sondern auch aus Angst, dass alte Konflikte wieder aufflammen. Seit dem Bürgerkrieg sind zehn Jahre vergangen, nun drohe neue Gewalt – diesmal nicht zwischen zwei Armeen, bei denen die Zivilisten zumindest etwas Schonung erwarten durften, sondern zwischen Terroristen und der Zivilbevölkerung.

25 Jahre Bürgerkrieg

25 Jahre beherrschte ein Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen die Insel, welcher erst 2009 zu Ende ging. Jahrhundertelang lebten die buddhistischen Singhalesen und auch die hinduistischen Tamilen auf der Insel in konkurrierenden Königreichen. Unter der britischen Kolonialherrschaft wurden diese als Ceylon zusammengeführt. Die Kolonialherren bevorzugten die Minderheit der alteingesessenen Tamilen in der Verwaltung. Außerdem wurden die sogenannten Indien-Tamilen als Arbeitskräfte angesiedelt. Der Mehrheit der Singhalesen fehlte der Zugang zu Machtpositionen und Bildung und blieb damit ohne Englischkenntnisse.

Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1948 entbrannten die ersten Konflikte entlang der ethnischen Grenzen. Die Insel wurde “singhalisiert”: Die englische Schrift und Sprache im Amtsverkehr abgeschafft, Sinhala zur einzigen Amtssprache, Tamilisch nicht akzeptiert. Den seit 100 Jahren auf der Insel lebenden Indien-Tamilen die Staatsbürgerschaft verweigert. Der auf beiden Seiten einsetzende Nationalismus mündete in gewalttätigen Übergriffen gegen Tamilen. Die zunehmenden Spannungen und Benachteiligungen der Tamilen, die etwa ein Fünftel der Bevölkerung stellen, führten schlussendlich zum Bürgerkrieg. Dieser forderte bis zu 100.000 Opfern. Nach dem Bürgerkrieg florierte der Tourismus auf der Tropeninsel.

Konflikt zwischen Muslime und Christen “importiert”

Die Osteranschläge stellten jedoch trotz der langen Kriegsgeschichte ein Novum dar. Christen wie auch Muslime bilden auf der Insel eine Minderheit. Christen gibt es sowohl unter den Singhalesen wie auch Tamilen, Muslime finden sich beinahe nur unter den tamilischsprachigen “Moors”, die sich als Nachfahren arabischer Händler verstehen. Beide Religionsgemeinschaften stellen jeweils knapp unter zehn Prozent der Bevölkerung, Konflikte zwischen Muslime und Christen waren auf Ceylon bislang nicht bekannt. Nicht zuletzt deshalb vermuten die Behörden einen starken Einfluss aus dem Ausland, einen Import einer neuen religiös motivierter Gewalt.

Druck auf Minderheit weiter groß

Derzeit herrscht in Sri Lanka der Ausnahmezustand: Schulen und Kindergärten sind geschlossen, in der Nacht gilt eine Ausgangssperre. Die Kirchen würden dabei nicht nur für die Christen eine wichtige Rolle spielen. Durch die Zerstörungen des Bürgerkrieges seien viele Hindu auf die christlichen Tempel ausgewichen, die Verbundenheit daher groß. Hinzu kommt, dass trotz dem zehnjährigen Friedens viele Tamilen weiter in Furcht leben. So wären viele Militärs der Kriegsjahre wieder in Machtpositionen, Kriegsverbrechen würden totgeschwiegen und viele Tamilen immer noch vermisst. Der Druck auf die Minderheit sei immer noch groß, viele fürchteten dass die Tamilen nach dem Terror als Sündenböcke herhalten müssten. Dabei würden sich die Tamilen nach den langen Kriegsjahren nur Frieden wünschen, und zwar für alle, betont Thiyagarajah.

Terroristen reich und gebildet

Nach dem derzeitigen Wissenstand handelt es sich bei vier der neun Selbstmordattentäter um zwei Brüder, der Ehefrau von einem der beiden sowie einem muslimischen Hassprediger. Die Brüder seien Millionärssöhne mit eigener Fabrik, die Attentäter gelten allgemein als gebildet. Die Behörden gehen davon aus, dass die Attentäter der einheimischen Islamistengruppe National Thowheeth Jamaath (NTJ – etwa Nationale Versammlung für den Glauben an die Einheit Gottes) angehörten. Die Gruppe Jammiyathul Millathu Ibrahim soll ebenfalls beteiligt gewesen sein. Beide Organisationen waren zuvor kaum bekannt und nicht mit Terrorismus in Verbindung gebracht worden. Im Vorfeld der Anschläge soll es konkrete Hinweise ausländischer Dienste gegeben haben. Auf die Anschläge folgten daher Rücktritte des höchsten Beamten des Verteidigungsministers, auch vom obersten Polizeichef wird der Rücktritt gefordert.

(Red. mit Material der APA)

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