Symposium in Wien: Türkische Gastarbeiter seit 1964

Geschichte der türkischen Gastarbeiter in Österreich.
Geschichte der türkischen Gastarbeiter in Österreich. ©APA/Sujet
Als die ersten türkischen Gastarbeiter in den 60er-Jahren nach Österreich kamen, war vom Dableiben keine Rede. Österreich war auch nicht die erste Wahl, denn in Deutschland und in der Schweiz war das Lohnniveau höher. Ernsthafte Integrationsansätze gab es erst seit den 80er-Jahren, sagte die Vizerektorin der Uni Salzburg, Sylvia Hahn, am Montag beim Symposium "50 Jahre Anwerbeabkommen" in Wien.
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Gemäß dem Abkommen von 1964 setzte Österreich in der Türkei eine Kommission ein, welche die Regeln für die Rekrutierung durch österreichische Firmen festlegte. “Österreich war nicht besonders attraktiv”, so die Historikerin.

Der Experte Cengiz Günay weist darauf hin, dass die gebotenen Löhne in Österreich den Mittelmeer-Bedingungen entsprachen. Laut Hahn war das vorangegangene Anwerbeabkommen mit Spanien von 1962 nicht erfolgreich verlaufen. 1965/66 folgte ein weiteres Abkommen Österreichs mit dem damaligen Jugoslawien.

Geschichte der Gastarbeiter

Hahn unterscheidet vier Phasen in der Österreich-Geschichte der türkischen Gastarbeiter. Anfangs sollten diese nur für befristete Einsätze kommen. Die Großindustrien waren den heimischen Arbeitern vorbehalten. Türken wurden in der Textil-, Ski- und Papierindustrie eingesetzt, auch im boomenden Tourismus, wo auch türkische Frauen Arbeit fanden. Bald entwickelten Unternehmen ein System der Selbstanwerbung.

In den 80er-Jahren bedeutete die Ölkrise eine Zäsur, mit Zuwanderungsbeschränkungen und Kündigungen von Arbeitsmigranten. Eine erste Binnenmigration setzte in Österreich ein. Arbeitgeber bevorzugten längere Arbeitsverträge. Das war auch der Beginn des Familiennachzugs und der Schaffung einer migrantischen Infrastruktur. “Doch die Integrationsansätze blieben rudimentär”, so das Fazit der Forscherin.

Türken machten sich selbstständig

Der Zusammenbruch des kommunistischen Osteuropa läutete eine neue Etappe ein. Es entstand “ein zweigeteilter Arbeitsmarkt”, so Hahn. Jugend- und Altersarbeitslosigkeit stiegen an. Jetzt benötigten kleinere Gewerbebetriebe in verschiedenen Bundesländern die türkischen Arbeiter. 23 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte waren Türken, die ersten machten sich auch selbstständig. Dann sanken die Zahlen; 2010 betrug der Anteil der türkischen Arbeitskräfte nur mehr 10 Prozent. “Heiratsmigration” kam dazu, türkische Pensionisten kehrten in die alte Heimat zurück.

Ende der 90er-Jahre, Anfang 2000 wuchsen nach den Ausführungen Hahns Xenophobie und Islamophobie. Zugleich kam es allmählich zu einer gesellschaftlichen Partizipation durch die 2. und 3. Generation der Einwanderer. Im Rahmen der Binnenmigration setzte regionale und soziale Mobilität in Richtung Stadt ein. Dennoch blieben Türken in den ländlichen Enklaven. Hahn schließt sich dem Appell von Außenminister Sebastian Kurz an, “den Türken auf dem Land mehr Augenmerk zu schenken”. Deren Familienleben beschreibt sie mit einem “Kommen und Gehen”. “Viele türkische Kinder wuchsen in zwei Lebenswelten auf”, d.h. teils bei Großeltern in der Türkei.” Das war für die einen von Vorteil, für andere ein Nachteil.

Auch Rückwanderung

Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) ortet erst in den 90er-Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, eine Definierung von Migration. 1992 wurde in Österreich das erste Einwanderungsgesetz beschlossen. Auch in der Türkei begann ein Umdenken. 2013 verabschiedete die Türkei das jüngste Ausländergesetz, das sich an EU-Regeln orientierte. Inzwischen finde auch eine Einwanderung in die Türkei aus vielen Ländern statt, inklusive der Rückwanderung von Türken.

Beim vorangegangenen Symposium zum Thema Anwerbung vor 50 Jahren in Ankara wurden auch mediale Aspekte diskutiert, berichtet Günay. 76 Prozent der Türken in Österreich schauen türkisches TV, nur wenige österreichisches Fernsehen. Abgesehen von der Sprachbarriere habe dies wohl auch mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins zu tun. Der Türkei- und Islamexperte pocht auf die “Ausbildung eines Bewusstseins für transnationale Entwicklungen”.

Am 19. Juni wird der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan in der Wiener Albert-Schultz-Eishalle eine seiner im Ausland oft umstrittenen Reden halten – mehr dazu hier.

(APA)

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