AA

Surrealer Wurzelgeist

Franz Huemer mit einer Steinskulptur in seinem Garten in Altenstadt
Franz Huemer mit einer Steinskulptur in seinem Garten in Altenstadt ©Bandi Koeck
Huemer ganz privat

Feldkirch. Franz Huemer ist mit seinen 85 Jahren noch ganz schön agil. Zur Zeit stellt er in Ittingen in der Schweiz seine märchenhaften Wurzelobjekte aus. Im Interview sprach er über seine Inspiration, seine Einflüsse und gab mehrere Anekdoten aus seinem Leben preis.

Franz Huemer lebt in einem ehemaligen Bahnwärterhäuschen in Altenstadt inmitten seiner Wurzelskulpturen und Schriften. Über Jahrzehnte hinweg hat er ein einzigartiges Werk geschaffen, in dem sich Visionen und Glaube, Leben und Wahn zu einem faszinierenden Ganzen verbinden. Die Wanderausstellung “Vom sinnvollen Zufall” stellt das Schaffen von Franz Huemer erstmals in einer umfassenden Retrospektive vor.

Der Künstler berichtet über unglaubliche Begebenheiten. Während des Zweiten Weltkrieges war er bei der Division Prinz Eugen, der sog. “jugoslawischen Feuerwehr”, zu welcher fanatische Hitler-Anhänger gehörten, welche sich freiwillig zur Waffen-SS meldeten. Nach seiner Ausbildung in Dresden wurde er dort als Ausbildner von Obersturmbandführer Zimmermann eingesetzt. Zimmermann suchte Bergsteiger und Schifahrer aus der damaligen Ostmark, da er eine Gebirgsdivision für den Partisaneneinsatz aufbauen wollte. Dass sich Huemer für die Partisanenkämpfe meldete, war aus heutiger Sicht seine Rettung, da alle seine Kompanen aus Bremen in Russland gefallen sind. Für einen Fahrraddiebstahl hat er 8 Monate schweren Kerker in Frankreich bekommen und befand sich in französischer Kriegsgefangenschaft. Mit Joseph Vilsmayer, dem Vater des Regisseurs von “Schlafes Bruder”, teilte er die Zelle. Dieser rettete ihn vor dem Verhungern. Die nachfolgenden Jahre waren geprägt von Verfolgungswahn.

Rita Oberholzer aus Dornbirn ist seit Jahren mit dem Künstler bekannt. Sie ist Huemers Seelenverwandte und Muse, versteht ihn besser als manch andrer: “Der Franz ist ein Wandler zwischen den Dimensionen.” sagt sie als Bewundererin. “Somit kann er uns Dinge sichtbar machen, die uns verborgen sind. Etwa nicht mehr vorhandene Schätze wie Zwerge, Kobolde oder Madonnen. Er wird dabei als Entschlüssler tätig.”

Vol.at: Wie kam es dazu, dass Sie im Kunstmuseum in Ittingen ausstellen?

Franz Huemer: Das war ein längerer Weg. Ich habe vor acht Jahren im Kunsthaus in Aarau ausgestellt. Dr. Heiny Widmer, der Direktor, hat mich dort ausstellen lassen. Von ihm führte es zu Dr. Harald Szeemann, dem internationalen Kurator, welcher vor vier Jahren verstorben ist. Es sprach sich in der Schweiz herum und die Frau Messner in Ittingen hat dann die letzten Fäden gezogen. Hans Dünser, der Kulturreferent aus Dornbirn war bekannt mit ihr und es dauerte noch mal zwei Jahre, bis es zu dieser Wanderausstellung kam. In Ittingen sind nun über 70 Skulpturen und Bilder von mir zu sehen.

Vol.at: Was für einen Eindruck haben Sie? Sind Sie zufrieden mit der Retrospektive?

Franz Huemer: Ich bin restlos überrascht davon. Das Kellergewölbe resp. die Katakomben im Kunstmuseum eignen sich optimal für meine Figuren. Wir haben alle nur so gestaunt. Wir waren schon ein paar Mal dort und die Ausstellung ist gut besucht. Dir. Lander sorgte dafür, dass darüber hinaus noch ein Buch und ein Film heraus kam.

Vol.at: Wovon nehmen Sie Ihre Inspiration? Woher kommt dieser Schaffensdrang?

Franz Huemer: Die Kunstgeschichte lehrt, dass der suchende surrealistische Künstler über den Weg des Wahnsinns eine Bewusstseinsveränderung erleben muss! Meine Nerven waren krank, ich erlebte Elen und dann hat das ganze Hirn geprickelt. Das hat die ganzen Gehirnzellen aufgeweckt. Die Götter von nebenan sorgten für unsere Dummheit. Durch die Bewusstseinserweiterung hat mir der Führungsengel Gabriel gesagt, dass er mich in eine lebende Rakete verwandelt. Im Strom wurde alles stärker. Wie eine Batterie am Akku. Somit flog mich Gabriel von einem Paradies ins andere. Andere Künstler wie Dali haben Drogen geschluckt. Ich habe den echten Wahnsinn und echtes Gottbewusstsein am eigenen Körper erfahren. Dr. Heiny Widmer hat mich als “Barockextatiker des 20. Jh.” bezeichnet. Ich sehe mich gerne als “Schmanekünstler”. C. G. Jung schrieb, dass sich im Mensch eine Schichte des absoluten Wissens befindet. Ich war im Stande ganze Bänder stegreifdichten. Durch meine Sensibilität schaffte ich Dinge zu erkennen und zu sehen, die andere Menschen nicht sehen können.

Vol.at: Wie finden Sie die Wurzeln, aus welchen dann Ihre Skulpturen entstehen?

Franz Huemer: Im Wald habe ich “verrückt gespielt”. In der Spaltung habe ich mich als “lieber Gott” erlebt. Die Erzengel haben mir diesen Geisteszustand ermöglicht. Die Psychiatrie hat nämlich für Mystik keinen Sinn sondern nur für die eingebührten Krankheitsfälle. “Wir müssen ihn solange schocken, bis er keine Engel mehr sieht!” haben sie immer über mich gesagt. Ich sehe in den Wurzeln eine Verwurzelung mit dem Paradiesesbaum. Sie reichen mir die Hände im Wald und zeigen mir sodann ihre Geschichte. Ich springe wie ein Närrischer, ein Verfolgter auf die Wurzel zu und schleppe sie nach Hause und schlafe eine Nacht darüber. Am nächsten Tag schaue ich sie mir genau an und sehe eine wunderbare Krippe. Ich glaube, das ist bei allen Wurzeln so zu finden. Über Nacht verbinde ich mein Unterbewusstsein mit der Wurzel. Jede Wurzel erzählt eine oder gleich mehrere Geschichten – wie ein Bilderbuch. Schizophrenie heißt auf Griechisch “zwischen den Zeilen lesen”. Sie nannten mich auch “Zwischenzeilenleser”. Beim Birkenblättertee trinken kam meine alte, entflohene Seele wieder zurück und reinigte alles. Das ist der lebende Menschenkörper.

Vol.at: Welche Vorbilder und Einflüsse haben Sie?

Franz Huemer: Ich habe mich voll und ganz von alledem gelöst. Ich habe über sieben Jahre lang kein Buch und keine Zeitungen mehr gelesen und auch kein Fernsehen geschaut. Ich wollte mich als eigene Person entfalten. Das ist mir gelungen. Daraus habe ich zu schöpfen gelernt. So kam ich zu den erhalten gebliebenen Verwurzelungen. Diese kombiniere ich mit der gegenwärtigen Presse und Literatur. Ich beschäftige mich heute mit den Formelenergieforschungen. Die Religion nach Rom hat die alten Elfen und Feen wie auch die Göttin Diana abgeschafft und durch die Hexenverbrennung des Katholizismus ist diese Welt verloren gegangen. Sie existiert noch in der jüdischen Kabbala. Der Herr der Ringe passt sehr gut in meine Welt hinein.

Vol.at: Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

Franz Huemer: Religiös nicht im christlich-katholischen Sinn. Ich muss die Kirche meiden. Ich habe es oft versucht, aber es hilft kein Medikament mehr. Ich interessiere mich für die Naturreligionen und bin sowohl Eremit als auch Schamane. Jesus Christus war auch ein Schamane. Ich habe viele Elfen und Gnome zum Leben erweckt. Jesus war 40 Tage in der Wüste um diese Geisteszustände zu erhalten. Die meisten der heutigen Schamane sind schizophren. Sie bekämpfen sich gegenseitig bis in den Tod. Die Dualität mit der Kirche hat eine gegnerische Funktion. Das ist die Politik der Religion.

Vol.at: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Franz Huemer: Mit 85 muss ich den Plan machen, dass ich 100 werde (lacht). Da muss man am Morgen froh sein, wenn man noch aufstehen kann! Ich bin froh, dass sich die Schweizer mir angenommen haben. Wenn die Schweizer was in die Hände nehmen, wird es eher was. Ein Prophet in seinem eigenen Land wird nicht anerkannt. Feldkirchs Bürgermeister Wilfried Berchtold kam zu meinem 85. Geburtstag. Ich erzählte ihm von meiner Wanderausstellung in Ittingen. Ich wollte Feldkirch mein Lebenswerk schenkten, doch leider hatten sie keine Räumlichkeiten dafür.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Feldkirch
  • Surrealer Wurzelgeist
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen