"Suche nach Stärke, Ruhm und Heldentum"

Der Begriff Dschihad ist ein wichtiges Konzept des Islam und bezeichnet die Anstrengung bz w. den Kampf auf dem Wege Gottes. Jüngsten ­Medienberichten zufolge sollen sich aktuell rund 190 Österreicher als „Gotteskrieger“ – Dsc hihadisten – im Ausland befinden
Der Begriff Dschihad ist ein wichtiges Konzept des Islam und bezeichnet die Anstrengung bz w. den Kampf auf dem Wege Gottes. Jüngsten ­Medienberichten zufolge sollen sich aktuell rund 190 Österreicher als „Gotteskrieger“ – Dsc hihadisten – im Ausland befinden ©AP
Dornbirn. Im Rahmen der Neuen Spielräume im Dornbirner Spielboden referiert Moussa Al-Hassan Diaw morgen über Dschihadismus und entsprechende Prävention. Wann & Wo hat vorab mit dem Experten gesprochen.

Wann & Wo: Wie entwickelte sich der Dschihad im Laufe der Geschichte zu seiner heutigen Form?

Moussa Al-Hassan Diaw: Die Geschichte des Dschihad ist eine teils ideologisch bedingte Entwicklung, welche unter anderem seine Grundlage im politischen Denken bestimmter Theoretiker hat. Diese sahen den Monotheismus in Form bestimmter politischer Verhältnisse verortet. Da es aus ihrer Sicht keinen, sich auch durch diese politische Verhältnisse manifestierenden, Monotheismus gab, der sich in einem islamischen Staat mit islamischer Gesetzgebung widerspiegeln konnte, erklärten sie die politischen Führer muslimischer Länder zu Nichtmuslimen, Besatzern und nahen Feinden, die es zu bekämpfen galt. Das führte sich in unterschiedlichen Formen weiter, wobei auch der ferne Feind bekämpft werden konnte. Die Gruppe Al-Jihad gehörte zu den Trägern dieser Ideo­logie und trug sie unter anderem nach Afghanistan, wo sie als fremde Kämpfer aktiv waren und später in ihre Länder zurückkehrten. Fremde Kämpfer gab es später auch in Algerien, Bosnien, Tschetschenien, dem Irak und Afghanistan.

Wann & Wo: Gerade junge Menschen scheinen davon fasziniert zu sein, als „Gotteskrieger“ in den Kampf zu ziehen. Geht es ihnen dabei wirklich um die Verbreitung ihrer Religion, suchen sie das Abenteuer?

Moussa Al-Hassan Diaw: Es gibt verschiedene Motive: Studien von Marc Sageman zufolge sind gerade nicht die religiösen Gründe, sondern Mitleid mit Kriegsopfern und der notleidenden Bevölkerung, der man helfen will auf der einen Seite und die Suche nach Stärke, Ruhm, Heldentum auf der anderen. Auch die Befriedigung, einer Gemeinschaft anzugehören und an eine sinnstiftende Ideologie und Weltanschauung glauben, gelten als Motive. Vereinzelt vermischen sich die Be­­­­­­weggründe auch. In Gesprächen mit einigen KlientInnen offenbarte sich zudem eine teilweise blanke Unwissenheit, was religiöse Inhalte betrifft.

Wann & Wo:  Gerade die IS-Miliz geht äußerst brutal gegen ihre Gegner vor. Wie erklären Sie sich das?

Moussa Al-Hassan Diaw: Aus meiner persönlichen Erfahrung in Interventionsgesprächen geben gerade die ideologisch indoktrinierten Fälle sehr zu denken. Sie geben sich in den Gesprächen völlig empathiefrei für die zukünftigen Opfer. Sogar Teenagerinnen fantasieren vom Ermorden und Quälen der Kuffar (Anm. d. Red.: Ungläubige). Das sind natürlich nur Einzelfälle. Erschreckend aber ist die Dynamik in diesen Gruppen – der Gedanke, auserwählt zu sein und die Überzeugung, dass die anderen Muslime alle vom Islam abgefallen seien. Ganze Menschengruppen werden einfach entmenschlicht: Beispielsweise Nichtmuslime, Muslime, die sich nicht ihrer Ideologie anschließen. Es entwickelt sich eine Dynamik und Brutalität, wie wir sie auch aus vielen anderen Kriegen kennen.

Wann & Wo: Wie kann man dschihadistischen Strömungen entgegenzuwirken? Wen sehen Sie in der Verantwortung?

Moussa Al-Hassan Diaw: Uns alle, weil es verschiedene Kräfte sind, die da wirken. Es braucht aber verschiedene Konzepte, um entgegen zu wirken. Dazu gehört, dass man bestimmte Gruppen in der Gesellschaft nicht stigmatisiert und einzelne Personen auch in die Mitte der Gesellschaft zurückholt. Aber auch die kritische Auseinandersetzung mit ideologischen Inhalten, die in Publikationen und anderen Formen herumschwirren, ist wichtig, um einzelne Personen vor dieser Ideologie zu bewahren und negative Energie positiv zu kanalisieren.

Wann & Wo: Was halten Sie von einer entsprechenden Zensur in Sozialen Netzwerken und anderen digitalen Medien, um der Verbreitung von Propagandavideos entgegezuwirken?

Moussa Al-Hassan Diaw: Zensur ist unmöglich. Es braucht stattdessen mehr Gegennarrative, die zu organisieren leider manchmal an den nötigen Personen scheitert. Das ist ein großes Problem, da man einerseits auch konservative Muslime in die Verantwortung nehmen will, sie gleichzeitig aber auch ausschließt, obwohl sie ein bestimmtes Spektrum von radikalisierten Menschen erreichen können. Diese braucht man auch für die Erstellung von Countermessages, um ein breiter gefächertes Angebot zu haben und die Deutungshoheit der Extremisten zu brechen, die das Internet erobert haben.

Wann & Wo: Auch aus Vorarlberg zogen Personen ins Ausland, um sich dem Dschihad anzuschließen. Wie kann man die hier lebende Gesellschaft vor diesen Menschen schützen? Ist das überhaupt möglich?

Moussa Al-Hassan Diaw: Es gibt verschiedene Maßnahmen im Präventions- und Deradikalisierungsbereich. Bei Gefahr in Verzug bleibt nur noch der Gang zur einzigen Behörde, die Sach- und Personenschaden abwenden kann – der Polizei.

Moussa Al-Hassan Diaw – zur Person

Der in Österreich lebende Autor Moussa Al-Hassan Diaw ist Mitgründer des „Netzwerkes Sozialer Zusammenhalt, Prävention, Deradikalisierung und Demokratie“. Zudem ist er Teil des Netzwerkes EUISA und Mitglied beim „Radicalisation Awarness Network“ der Europäischen Kommission „RAN Europe“.

„Neue Spielräume – Dschihadismus und ­Dschihadismusprävention“

WANN: Donnerstag, 5. März, ab 19.30 Uhr
WO: Spielboden Dornbirn, Großer Saal
Eintritt: VVK 6 Euro (zzgl. VVK-Gebühr), 7 Euro AK

Neue Spielräume: 2×2 Tickets gewinnen

Für Moussa Al-Hassan Diaws Vortrag „ Neue Spielräume – Dschihadismus und Dschihadismusprävention “ verlost Die Junge Zeitung 2×2 Eintrittskarten. Wer morgen dabei sein möchte, schickt einfach eine Mail mit Betreff „Neue Spielräume“ an harald.kueng@wannundwo.at. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt

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