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Studie: Starke Auswirkungen von Corona auf Bildungslaufbahn

Bei der betrieblichen Lehre gingen die Zahlen im Vergleich zurück.
Bei der betrieblichen Lehre gingen die Zahlen im Vergleich zurück. ©APA/HERBERT NEUBAUER
Die coronabedingte Umstellung auf Fernunterricht hat vor allem bei benachteiligten Schülern Kompetenzverluste gebracht, zeigt eine aktuelle Studie von Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS). Er hat außerdem "erste Evidenzen" gefunden, die auf "durchaus gravierende Auswirkungen" der Schulschließungen auf die Bildungslaufbahn hindeuten. So waren zuletzt 3.800 Jugendliche, die sonst eine Lehre beginnen oder in weiterführende Schulen wechseln würden, "unversorgt".

"Der Distanzunterricht bleibt nicht ohne Folgen", fasst Steiner die Ergebnisse seines Teams vor Journalistinnen zusammen - auch wenn eine abschließende Analyse erst mit dem Vorliegen der offiziellen Schulstatistik Mitte 2022 möglich sein wird. "Aber man kann sich herantasten auf Basis einzelner Datenkörper": Für seine Analyse, wie sich die Corona-Schulmaßnahmen auf die Bildungslaufbahnen ausgewirkt haben, hat Steiner in der Studie "Lehren und Lernen unter Pandemiebedingungen" die Entwicklung der Neueintritte bei den Lehrlingen und die Übergänge von der Mittelschule/AHS-Unterstufe in die Bundesschulen der Sekundarstufe II (Berufsbildende mittlere und höhere Schulen/BMHS, AHS-Oberstufe) analysiert.

Die Zahl der Neueintritte in die betriebliche Lehre ist laut Steiners Berechnungen seit der Pandemie kontinuierlich gesunken, zwischen Juni 2019 und Juni 2021 gab es demnach einen Rückgang um 8,4 Prozent (der Vergleichszeitraum ist auf Datenprobleme bei der Lehrlingsstatistik zurückzuführen). "Das ist schon ordentlich." Im selben Zeitraum ist diese Zahl bei der Überbetrieblichen Lehre (ÜBA), die als Sicherheitsnetz für jene dient, die keine Lehrstelle in einem Unternehmen finden, um 39,1 Prozent gestiegen. "Die ÜBA fängt einen Teil der Jugendlichen auf", so Steiner, aber eben weit weniger als zuvor verloren gegangen seien. Berücksichtigt man betriebliche Lehre und die (weit seltenere) ÜBA, haben insgesamt 570 Jugendliche weniger eine Lehre begonnen. "Es besteht also die Gefahr, dass ein Teil davon zu frühen Bildungsabbrechern geworden ist."

Auch bei den Übertritten in die Sekundarstufe II ortet Steiner "deutliche Corona-Auswirkungen": Hier zeigen die sogenannten SORG-Daten des Bildungsministeriums für die Schulorganisation zwischen den Schuljahren 2019/20 und 2020/21 ebenfalls ein Minus bei den Neueinsteigern in die BHS (minus 2,4 Prozent), die AHS-Oberstufen (minus 4,2 Prozent) und am stärksten ausgeprägt bei den BMS (minus 7,1 Prozent). Burschen waren dabei stärker betroffen als junge Frauen. Die Daten weisen außerdem darauf hin, dass die mittleren Schulen und damit benachteiligte Jugendliche stärker betroffen sein könnten. "Aber hier ist die Datenlage noch löchrig." Weiteres interessantes Detail: In den höheren Schulstufen gab es gleichzeitig weniger Abbrüche als üblich, was laut Steiner möglicherweise an geringerer Selektivität in Zeiten der Coronapandemie liegen könnte.

Berücksichtigt man, dass die Zahl der 15-Jährigen gestiegen ist, sind nach Steiners Berechnungen damit insgesamt rund 3.800 Jugendliche "unversorgt". Damit wisse man bei 4,5 Prozent der Kohorte nicht, wo sie sich momentan befinden. Diese Jugendlichen könnten sich in AMS-Schulungen oder in SMS-Schulungen (des Sozialministeriumsservice) befinden, wodurch sie immerhin noch Anschluss an das System hätten. "Sie können aber auch ihre Bildungslaufbahn abgebrochen haben", so Steiner. Vermutlich werde ein Teil da und der andere dort sein.

Ernüchternd fallen auch die Ergebnisse der Lehrerbefragung zum Fernunterricht im ersten und zweiten Lockdown (Mai bzw. Ende November/Anfang Dezember 2020) an Mittelschulen und AHS-Unterstufen aus, die in der Studie referiert werden: Aus Sicht der Pädagogen hat der Fernunterricht insgesamt zu Kompetenzverlusten bei den Schülerinnen und Schülern geführt, diese Ergebnisse sieht Steiner auch durch internationale Kompetenzerhebungen bestätigt. Besonders stark habe es jene Jugendlichen getroffen, die nach Einschätzung ihrer Lehrer daheim wenig Lernunterstützung bekommen oder etwa bei der technischen Ausstattung benachteiligt sind. Die in Österreich ohnehin schon großen sozialen Unterschiede seien durch Corona noch einmal deutlich gewachsen, konstatiert der Forscher, im zweiten Lockdown Ende 2020 habe sich die Situation noch einmal verschärft.

Steiner fordert angesichts dieser Ergebnisse in der Pandemie mehr politische Aufmerksamkeit für den Bildungsbereich. Immerhin könnten Langzeitfolgen wie Bildungsabbruch oder geringere Karrierechancen der heutigen Schüler durchaus Dimensionen erreichen, die sich volkswirtschaftlich auswirken. Seine Forderung: "Wenn es epidemiologisch notwendig ist, dass man zusperrt, dann sollten die Schulen das sein, was als letztes zusperrt." Außerdem brauche es im Herbst mehr als nur Laptops und eine Breitbandausbau für die Schulen: Unterstützungssysteme wie Schulsozialarbeiter und -psychologen oder Jugendcoaches müssten ausgebaut werden, gegebenenfalls notwendiger Fernunterricht müsse die Schüler aktiv einbinden. Für die "Generation Corona" brauche es außerdem aktive Strategien, um sie beim Übergang in die Sekundarstufe II zu unterstützen, und zwar vor allem für benachteiligte Schüler.

NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg Sarre sieht sich durch die IHS-Studie in ihrer Kritik bestätigt. "Die Bildungsschere ist nachweislich weiter aufgegangen. Unternommen wurde unserer Ansicht nach seitens der Bundesregierung zu wenig", so Künsberg Sarre in einer Stellungnahme gegenüber der APA. Nun müsse nicht nur das Gesundheits- und Wirtschaftssystem resilienter gestaltet werden, sondern auch der gesamten Bildungsbereich. Vor der Sommerpause brachten die NEOS daher im Plenum des Nationalrats mehrere Anträge für Maßnahmen ein, die Bildungsverluste abfedern sollen, darunter einen bundesweiten Chancenindex, über den Standorte mit besonders vielen Schülern mit Förderbedarf mehr Mittel erhalten. Außerdem fordert die NEOS-Bildungssprecherin ein umfassendes Unterstützungsangebot für alle Schülerinnen und Schüler über einen langen Zeitraum, die zwei Wochen Sommerschule seien zu wenig. Zusätzlich brauche es mehr Mittel für Sozialarbeit, Schulpsychologie und Schulärztinnen und Schulärzte.

Auch SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler zeigte sich besorgt: "Wie müssen jetzt alles, alles, alles tun, um kein Kind zurückzulassen, wenn wir verhindern wollen, dass uns die Kollateralauswirkungen von Corona noch über Jahrzehnte bleiben", so Vorderwinkler in einer Aussendung. Gleichzeitig untermauerte sie die SP-Vorschläge nach einem "Bonussemester" und einem Bildungsscheck in der Höhe von 1.000 Euro für jedes Kind.

(APA)

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