Stolperfalle Kinderbetreuung

Die Mutterschaft ist großes Glück und Armutsfalle zugleich. Der Ausweg aus dem Dilemma? Mehr Gleichberechtigung und Toleranz. Und: flächendeckende Kinderbetreuung. Denn die Lage in Vorarlberg ist verbesserungswürdig, auch wenn die Richtung schon stimmt.

Die Kinderbetreuung in Vor-arlberg ist zum Großteil Frauensache. Dasselbe gilt für die Altersarmut. Wer zu wenig Zeit für bezahlte Arbeit aufbringen kann, dessen finanzielle Lage verschärft sich mit dem Pensionsantritt deutlich. „Es ist ein soziales sowie gesellschaftliches Problem, dass den Frauen noch immer die Hauptverantwortung für die Kinder und den Haushalt in die Schuhe geschoben wird“, so die zweifache Mutter Nadine Dunst-Ender. Dank dem antiquierten Rollenbild und weil sich Frauen oft mit weniger Einkommen als Männer zufriedengeben müssen, kommt für viele Mütter meist nur ein Teilzeitjob infrage. Der Mann als Hauptverdiener bleibt das Nonplusultra.

Gewohnheitsfalle. Den Ursprung der Betreuungs- und Verantwortungsmisere zwischen Frau und Mann und dem finanziellen Ungleichgewicht ortet die heute vollzeitbeschäftigte LändleTV-Moderatorin in der Karenzzeit. „Die wird vorwiegend von Müttern in Anspruch genommen. Weil die Frauen dadurch schon weg vom Job sind und den Alltag zuhause stemmen, bleibt es aus Gewohnheit gleich dabei.“ Das ist fatal – in puncto Altersvorsorge dramatisch. „Wenn ich meinem jüngeren Ich einen Tipp geben könnte, wär’s dieser: Red mit deinem Partner über die Karenz-, Kinderbetreuungs- und Arbeitssituation – im Idealfall schon im Zuge der Kinderplanung“, so Nadine.  Wie man es allerdings dreht und wendet: Institutionelle Kinderbetreuungseinrichtungen gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Rückblick. Nadine erinnert sich an die Zeit, als sie 2010 eine Ausbildung begann und ihr Erstgeborener 10 Monate alt war: „An das Thema Kinderbetreuung bin ich völlig naiv herangegangen. Dass die ein Problem sein könnte, war mir nicht klar.“ War sie aber. Die Großeltern lebten damals im Ausland und Krippe stand keine zur Verfügung. Jedenfalls keine, die das Kleinkind aufgenommen hätte. „Zum Glück fand ich für Lennox eine Tagesmutter.“ Bei Tochter ­Skyla – fünf Jahre später – sah es schon besser aus. „Sie war die erste Einjährige, die in einer Krippe betreut wurde“, erzählt die 40-jährige Rankweilerin. Auf die Vorreiterrolle ist sie ein bisschen stolz, bedeutet eine frühe Betreuung doch die Chance, sich schnell wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern – ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Tragisch nur, dass Mütter sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert sehen, ihrem Krabbelkind durch die familienexterne Betreuung zu schaden. Nicht weniger tragisch: Väter werden mit diesem Vorwurf nicht konfrontiert. Das Rollenschema, das sich am Bild der vollzeitverantwortlichen Mutter festkrallt, zeigt hier seine Fratze. Nichtsdestotrotz gibt es, was die institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen betrifft,  verbesserte Rahmenbedingungen: Die Anzahl steigt – genauso deren pädagogischen Standards. Auch Förderungen für einkommensschwächere Haushalte stehen zur Verfügung, damit die Erwerbstätigkeit aufgrund der Betreuungskosten nicht zur Nullnummer wird.

Fakten. Heute gibt es in Vorarlberg 656 Betreuungseinrichtungen exkl. Tageseltern. Waren es 1999 noch 1,3% der 0- bis 2-jährigen Kinder mit Wohnsitz in Vorarlberg, die in einer institutionellen Kinderbetreuung untergebracht wurden bzw. untergebracht werden konnten, stieg die Zahl im Vorjahr der Coronakrise (2019) auf 27,7% an. Von den 3- bis 5-Jährigen werden heute beinahe 100% institutionell betreut. Ein positiver Trend. Die Crux liegt allerdings im Detail, sprich in den Öffnungszeiten. Nicht in jeder Gemeinde gibt es die Möglichkeit, Kinder flexibel ganztägig versorgen zu lassen. In Rankweil schon. Der Kindergarten inkl. Mittagstisch hat von 7-18 Uhr geöffnet. Katastrophal wird die Betreuungssituation vielerorts im Volksschulalter, wenn die Kinder um 11.35 Schulschluss haben. „Ich hatte das Glück, dass eine Mittags- bzw. Nachmittagsbetreuung zustande kam. Ich weiß gar nicht wie das Eltern sonst schaffen, grad wenn sie kein Familiennetzwerk haben“, erklärt die Bloggerin. Gar nicht erst entstehen würden Betreuungslücken durch verschränkte Ganztages­schulen, in denen sich Unterrichts-, Lern- und Freizeiteinheiten von 8 bis 16 Uhr abwechseln.

Chancengleichheit. Um vor allem den Kindern eine (Bildungs-)Chancengleichheit zu bieten, peilt das Land Vorarlberg den Ausbau der Ganztagesschulen an.  Bis zum Schuljahr 2022/23 sollen 30 Prozent der Schulpflichtigen von 6 bis 15 Jahren eine schulische ganztägige Betreuung in Anspruch nehmen. Vom Betreuungsausbau würden auch die Frauen profitieren.

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